Krisenfestes Internet
Immer mehr Deutsche surfen im Internet. Die 'digital natives' wissen kaum noch, wie das ist - offline sein. Im EU-Vergleich liegt Deutschland im oberen Drittel. Bildungsferne Schichten bleiben am ehesten ausgeschlossen, so das Ergebnis einer Studie.
Immer mehr Deutsche surfen im Internet. Die ‚digital natives‘ wissen kaum noch, wie das ist – offline sein. Im EU-Vergleich liegt Deutschland im oberen Drittel. Bildungsferne Schichten bleiben am ehesten ausgeschlossen, so das Ergebnis einer Studie.
Der Anteil der Internetnutzer ist deutlich gestiegen. Inzwischen sind 69,1 Prozent der Deutschen im Netz (Plus 4 Prozent im Vergleich zum Vorjahr). Zu diesem Ergebnis kommt die Studie "(N)ONLINER Atlas 2009", durchgeführt vom Marktforschungsinstitut TNS Infratest im Auftrag der Initiative D21. "Die Entwicklung im Internet geht gut voran" kommentierte Hannes Schwaderer, Präsident der Initiative 21, das Ergebnis, mahnte aber weitere Anstrengungen bei der Vernetzung der Bevölkerung an. Insbesondere die Schulen müssten verstärkt auf die digitale Welt vorbereiten.
"Sonst dauert es noch Jahre oder Jahrzente, in denen wir über die digitale Spaltung unserer Gesellschaft sprechen müssen. Für mich ist das Internet nichts weniger als die Basistechnologie für den Erfolg einer Gesellschaft und eines Wirtschaftssraums", so Schwaderer anlässlich der Veröffentlichung der Studie am 30. Juni in Berlin.
Krise kann IT-Entwicklung nicht stoppen
Die Krise wirkte sich offenbar nicht negativ auf das Internet-Wachstum aus. Robert Wieland, Geschäftsführer von TNS Infratest sagte:"Personen greifen, wenn es finanziell etwas enger wird, verstärkt auf das Internet zurück." Hier seien etwa Entertainment, Kommunikation und Informationen kostenlos. " Ich glaube, im Zweifel fördert die Wirtschaftskrise eher das Internet, als dass sie ihm schadet", so Wieland. Zudem verwies Wieland auf Umfragen im B2B-Bereich, die zeigten, dass Firmen in der Krise das Netz nutzen, um Kosten zu sparen, etwa indem sie auf Dienstreisen verzichten und stattdessen online konferieren.
Bernd Pfaffenbach, Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium (BMWi), sagte, die IT-Branche sei viel stärker aus der Krise herausgekommen als andere Branchen und werde in den nächsten Jahren zu den Wachstumsbringern gehören. Im ersten Quartal 2009 wuchs allein die Zahl der verkauften PC’s um 4,9 Prozent gegenüber dem Vorjahr.
Graben zwischen Ost und West
Der Studie zufolge liegt der Osten Deutschlands bei der Internetnutzung immer noch hinten. In Thüringen, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt sind nur rund 60 Prozent der Menschen online, in den meisten alten Bundesländern sind es dagegen um die 70. Spitzenreiter sind Bremen mit 74,2 Prozent und Berlin mit 73,3 Prozent.
60 Plus am Schirm
Überdurchschnittlich wuchs die Gruppe der Internutzer im Alter zwischen 60 und 69 (Plus sieben Prozent). Von ihnen klicken, googeln und mailen inzwischen fast die Hälfte. Auch Menschen mit weniger als tausend Euro Netto-Einkommen fanden zunehmend den Weg ins Netz (Plus 6 Prozent). Allerdings bleiben sie in der digitalen Welt mehrheitlich außen vor, nur 47 Prozent sind Onliner.
Studierte eher online
Der Faktor Bildung spielt bei der Internet-Nutzung weiterhin eine große Rolle. Von Absolventen einer Volksschule ohne Lehre sind 39 Prozent im Internet unterwegs. Hochschulabsolventen zu 86,9 Prozent.
Frauen holen auf
Online sind 76,1 Prozent der Männer und 62, 4 Prozent der Frauen in Deutschland. Allerdings hat sich der Abstand um 1,6 Prozent verringert. Bei den Jüngeren zwischen 14 und 19 Jahren, den so genannten ‚Digital Natives‘, die mit dem Internet aufgewachsen sind, liegen die Frauen inzwischen vorn. 96,4 Prozent von ihnen sind im Netz aktiv, bei den Männern gleichen Alters sind es nur 94,9 Prozent.
Breitband treibt die Vernetzung an
Highspeed-Internet ist inzwischen für viele Standard. Mehr als zwei Drittel (66,9 Prozent) aller deutschen Internet-Nutzer verfügen zu Hause über einen Breitbandzugang (Plus 3,6 Prozent). Breitbandverbindungen machten 90 Prozent des Nutzungs-Wachstums aus. Der Osten holt bei der Internet-Infrastruktur auf. Thüringen weist inzwischen den bundesweit höchsten Breitband-Anteil auf, im Vorjahr lag es hier noch weit hinten.
Mit einem Anteil von 61, 5 Prozent ist DSL die meistgenutzte Zugangsform. Aber auch das Internet über ein Breitbandkabel hat sich mit 4, 7 Prozent Marktanteil etabliert (Plus 1,5 Prozent). ISDN (13,9 Prozent) und analoge Anchlüsse (9,6 Prozent) verlieren an Bedeutung.
Deutschland europaweit auf Platz sieben
Im europäischen Vergleich liegt Deutschland weiter auf Platz sieben, weit hinter den nördlichen Nachbarn. In Island sind 90 Prozent der Bevölkerung online, in Norwegen 89 und in Schweden 88 Prozent. Schlusslichter in der EU sind Griechenland (38 Prozent), Bulgarien (35 Prozent) und Rumänien (29 Prozent). Auch im Vergleich zu Spanien (57 Prozent) und Italien (42 Prozent) ist Deutschland gut vernetzt.
Das Netz boomt in Asien
Weltweit setzt sich die Internetrevolution fort. Rund 1, 6 Milliarden Menschen nutzen inzwischen das Netz, 17,5 Prozent der Weltbevölkerung. Vor allem Asien treibt die Entwicklung voran, in vier Jahren wird die Hälfte aller Internet-User aus dem Asien-Pazifik-Raum kommen, nur noch 22 Prozent aus Europa und 15 Prozent aus Nordamerika. In den USA sind heute 82 Prozent der Bevölkerung im Netz, also noch deutlich mehr als in Deutschland.
Hintergrund
Die Initiative D21 ist ein gemeinnütziger Verein mit Sitz in Berlin. Rund 200 Mitgliedsunternehmen und – organisationen, darunter die Deutsche Telekom, die Deutsche Post und die AOK setzen sich mit Projekten dafür ein, die "digitale Spaltung" in Deutschland zu verhindern. Für die Studie wurden rund 31.000 Telefon-Interviews geführt.
awr
Weiterführende Links:
Homepage: Initiative D21
Studie: (N)-Onliner-Atlas 2009
Pressespiegel:
Handelsblatt: Wo Onliner und Offliner sitzen (30. Juni 2009)