Lohnstückkosten im internationalen Vergleich
Muss sich die deutsche Wirtschaft für ihren Erfolg schämen? "Nein", meint Michael Hüther, Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW). Die deutsche Industrie steht bei den Lohnstückkosten im Euro-Raum sehr gut da, doch im internationalen Vergleich ist sie lediglich Durchschnitt.
Muss sich die deutsche Wirtschaft für ihren Erfolg schämen? „Nein“, meint Michael Hüther, Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW). Die deutsche Industrie steht bei den Lohnstückkosten im Euro-Raum sehr gut da, doch im internationalen Vergleich ist sie lediglich Durchschnitt.
Die Lohnstückkosten in der deutschen Industrie sind seit über zehn Jahren unterm Strich konstant geblieben. Das geht aus der aktuellen Studie "Lohnstückkosten im internationalen Vergleich" des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW) hervor.
IW-Direktor Michael Hüther stellte am Montag in Berlin die These infrage, wonach Deutschland seine Nachbarn in den letzten Jahren mittels Lohnzurückhaltung ökonomisch an die Wand gedrückt und so maßgeblich zu den wirtschaftlichen Ungleichgewichten im Euro-Raum beigetragen habe.
Vergleich im Euro-Raum
Wenn man Deutschland mit den übrigen Euro-Ländern vergleicht und ausschließlich auf die Zeit seit Einführung des Euros blickt, wird die These von der überbordenden deutschen Lohntugendhaftigkeit zunächst bestätigt, räumte Hüther ein.
Von 1999 bis zum Vorkrisenjahr 2007 konnte die deutsche Industrie ihre Lohnstückkosten um insgesamt 16 Prozent senken. Nur in Finnland war der Rückgang mit 23 Prozent noch größer. Gegenüber dem gesamten Euro-Ausland hatte sich gleichwohl eine deutliche Kluft entwickelt, denn dort stiegen die Lohnstückkosten um knapp 4 Prozent.
In den jetzigen Problemländern stiegen die industriellen Lohnstückkosten damals rasant an: in Portugal um knapp 10 Prozent, in Italien und Spanien um die 20 Prozent und in Griechenland sogar um mehr als 40 Prozent.
Folgen der Wirtschaftskrise
Während der Wirtschaftskrise sind Deutschlands Lohnstückkosten angestiegen und liegen inzwischen so hoch wie 1999. Hüther erklärte den Anstieg damit, dass die deutsche Industrie nicht mit Massenentlassungen auf den Nachfrageeinbruch reagiert habe, sondern einen Produktivitätsrückgangs von mehr als 11 Prozent in Kauf genommen habe.
Im übrigen Euro-Raum lagen die Lohnstückkosten zuletzt 12 Prozent über dem Niveau von 1999.
Internationaler Vergleich
Im internationalen Vergleich sei die Lohnstückkostendynamik der deutschen Industrie aber nicht mehr die Benchmark, sondern lediglich Durchschnitt. "Während die deutschen Lohnstückkosten seit 1999 insgesamt konstant geblieben sind, konnten die USA einen Rückgang um 11 Prozent erreichen, Japan sogar um fast ein Drittel. Mit anderen Worten: Die Kostendisziplin in Deutschland war nicht merklich höher als bei seiner Konkurrenz", erläuterte Hüther.
Der IW-Direktor sieht daher auch keinen Nachholebedarf bei der Lohnstückkostenentwicklung. "Die Exportstärke der deutschen Industrie erklärt sich vor allem durch die Qualität ihrer Produkte und die Kundenorientierung der Unternehmen. Dennoch kann sich auch die deutsche Industrie nicht dem Preiswettbewerb völlig entziehen und muss das nötige Eigenkapital erwirtschaften, um durch Investitionen und Innovationen ihre Alleinstellungsmerkmale zu behaupten. Diese zu verspielen, wäre angesichts der immensen Wachstumschancen, die sich besonders in den BRIC-Staaten bieten, für die industrieorientierte deutsche Wirtschaft fatal", so Hüther.
mka
Links
IW: Lohnstückkosten in Deutschland weiterhin sehr hoch (16. Januar 2012)
IW: Statement von IW-Direktor Michael Hüther zur Studie Lohnstückkosten im internationalen Vergleich (16. Januar 2012)
IW: Produktivität und Lohnstückkosten der Industrie im internationalen Vergleich (IW Trends 4/2011, Dezember 2011)
Zum Thema auf EURACTIV.de
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