Mehr Individualverkehr aufgrund der Lockdowns

Der Wunsch, in Pandemiezeiten volle Räume zu meiden, hat die europäischen Bürgerinnen und Bürger offenbar dazu veranlasst, sich verstärkt für "private Mobilitätsformen" wie Radfahren, Zufußgehen und vor allem Pkw zu entscheiden.

EURACTIV.com
Traffic in Turin during the Christmas period
Zwar sei der Verkauf von Fahrrädern während der Pandemie sprunghaft angestiegen, doch das beliebteste Verkehrsmittel für längere Reisen bleibe der Pkw. [<a href="https://webgate.epa.eu/?16634349628007773501&MEDIANUMBER=56581613" target="_blank" rel="noopener">EPA-EFE/TINO ROMANO</a>]

Der Wunsch, in Pandemiezeiten volle Räume zu meiden, hat die europäischen Bürgerinnen und Bürger offenbar dazu veranlasst, sich verstärkt für „private Mobilitätsformen“ wie Radfahren, Zufußgehen und vor allem Pkw zu entscheiden, heißt es im Europäischen Mobilitätsatlas 2021.

Reisende und Pendler haben sich während der COVID-19-Pandemie eher von öffentlichen Verkehrsmitteln ab- und Privatfahrzeugen zugewandt. Dies ist freilich ein Trend, der den Bemühungen um eine deutliche Reduzierung der Emissionen im Verkehrssektor schaden könnte, so der Bericht der Heinrich-Böll-Stiftung.

Zwar sei der Verkauf von Fahrrädern während der Pandemie sprunghaft angestiegen, doch das beliebteste Verkehrsmittel für längere Reisen bleibe der Pkw.

Die Luftverschmutzung war in der Anfangsphase der Pandemie drastisch gesunken, da die eingeführten Coronavirus-Lockdowns den Verkehr in ganz Europa von den Straßen fegten. Die Verbesserungen in Sachen Luftqualität und CO2-Emissionen dürften jedoch „wohl nur vorübergehend sein“, prognostizierte die Europäische Umweltagentur schon im November.

Dennoch sieht der Klimachef der Europäischen Kommission, Frans Timmermans, positive Anzeichen dafür, dass sich die Gewohnheiten auf lange Sicht ändern könnten. Die Lockdown-Maßnahmen, gepaart mit der laufenden Umstellung auf grünen Verkehr, bewirkten demnach einen „relativ radikalen und tiefgreifenden Wandel in der Art und Weise, wie wir unsere Mobilität organisieren“, sagte Timmermans am Mittwoch bei der Vorstellung des Mobilitätsatlas.

Der niederländische EU-Kommissar äußerte die Hoffnung, dass das Jahr 2021 – das die EU-Institution zum „Europäischen Jahr der Schiene“ ausgerufen hat – einen Aufschwung bei Bahnreisen bringen wird. Diese müssten eine attraktive Alternative zum Fliegen darstellen: „Es ist völlig inakzeptabel, dass wir Kurzstreckenflüge haben. Zwischen Amsterdam und Brüssel gibt es in normalen Zeiten vier oder fünf Flüge pro Tag. Das sollte als absolut unsinnig empfunden werden,“ so Timmermans.

Tatsächlich sind Flugreisen eine besonders umweltbelastende Reiseart, die dabei nur von einer Minderheit genutzt wird: Über 80 Prozent der Weltbevölkerung ist noch nie geflogen, wird im Bericht erinnert.

„Der aktuelle Stand der Dinge zeigt ein deutliches Ungleichgewicht. Wir müssen ein Verursacherprinzip für alle Verkehrsträger einführen,“ kommentierte dazu Ellen Ueberschär, Vorsitzende der Heinrich-Böll-Stiftung.

Aus Timmermans‘ Sicht ist es dabei wichtig zu betonen, dass jeder Schritt in Richtung grüner Verkehr egalitär sein müsse: „Was den Green Deal wirklich zum Scheitern bringen könnte, wäre die Tatsache – oder der Eindruck – dass dies vor allem etwas für wohlhabende, Tesla-fahrende, Tofu-essende Menschen ist.“ Man dürfe beim Thema Green Deal „niemanden zurückzulassen“.

Ueberschär zeigte sich optimistisch: „Die Pandemie hat unseren Blickwinkel verschoben, was die Infrastruktur angeht, die wir heute in ganz Europa für Vernetzung und Mobilität brauchen und nutzen.“

[Bearbeitet von Frédéric Simon und Tim Steins]