Michaele Schreyer: "Europa ist reich"

Jeder EU-Staat entscheidet selbst über seinen Energiemix. Wie es trotzdem zur europäischen Gemeinschaft für erneuerbare Energien kommen könnte, erklärt die ehemalige EU-Kommissarin Michaele Schreyer (Grüne) im EURACTIV.de-Interview.

Der erste deutsche Offshore-Windpark „Alpha Ventus“, rund 45 Kilometer vor der ostfriesischen Insel Borkum. Das Gemeinschaftsprojekt von EWE, E.ON  und Vattenfall kann rund 50.000 Haushalte mit Strom versorgen. Foto: dpa.
Der erste deutsche Offshore-Windpark "Alpha Ventus", rund 45 Kilometer vor der ostfriesischen Insel Borkum. Das Gemeinschaftsprojekt von EWE, E.ON und Vattenfall kann rund 50.000 Haushalte mit Strom versorgen. Foto: dpa.

Jeder EU-Staat entscheidet selbst über seinen Energiemix. Wie es trotzdem zur europäischen Gemeinschaft für erneuerbare Energien kommen könnte, erklärt die ehemalige EU-Kommissarin Michaele Schreyer (Grüne) im EURACTIV.de-Interview.

ZUR PERSON

" /Michaele Schreyer (59) ist Vizepräsidentin des Netzwerks Europäische Bewegung Deutschland (EBD). Zwischen 1999 und 2004 war die Grünen-Politikerin Haushaltskommissarin. Schreyer war das erste und bisher einzige grüne Mitglied der EU-Kommission. Michaele Schreyer entwarf mit dem Politikwissenschaftler Lutz Metz die Vision einer Europäischen Gemeinschaft für Erneuerbare Energien (ERENE). Ziel ist die vollständige Deckung des Strombedarfs der EU aus erneuerbaren Energiequellen. 2009 legten Schreyer und Mez hierzu eine Machbarkeitsstudie vor.

EURACTIV.de: Frau Schreyer, Sie fordern den vollständigen Umstieg Europas auf Erneuerbare. Ist das realistisch?

SCHREYER: Es wird ja oft gesagt, Europa sei arm an eigenen Energiequellen. Das ist eine veraltete Sicht, die nur die fossilen Energieträger betrachtet. Mit Blick auf die Erneuerbaren ist das Bild ein völlig anderes: Europa ist reich. Wir haben Wasser, Sonne, Wind, Wellenkraft und Geothermie. Dieses Potenzial gilt es nun zu heben, und zwar gemeinsam. Die eine Region hat mehr Wind, die andere mehr Sonne oder mehr Biomasse. Gemeinsam kann man die fluktuierenden Angebote der Erneuerbaren viel besser ausgleichen und erreicht auch wirtschaftliche Vorteile. Der eine kann Windenergie günstiger produzieren als der andere. Man braucht auch weniger Speicher. Zusammengenommen ist ein völliger Umstieg auf Erneuerbare nicht nur möglich, er ist auch die sichere Versorgungsoption.

Ostseeregion könnte vorangehen

EURACTIV.de: Welche Schritte wären auf EU-Ebene notwendig?

SCHREYER: Wir behandeln erneuerbare Energie immer noch als etwas Nationales. Aber natürlich sind die nationalen Grenzen nicht entlang eines optimalen Mixes erneuerbarer Energie gezogen. Wir müssen die dezentralen erneuerbaren Energiequellen mit den Standorten verknüpfen, an denen erneuerbare Energie konzentriert auftritt – etwa mit den windreichen Gebieten im Norden Europas und den sonnenreichen im Süden. Das erfordert Kooperation. Das erfordert natürlich auch ein gemeinsames europäisches Netz.

EURACTIV.de:
Ist der Gedanke der gemeinsamen Transformation des Energiesystems bei den Regierungen schon angekommen?

SCHREYER:
Erfreulicherweise arbeiten die EU-Staaten seit dem EU-Klimaschutzpaket daran, ihre nationalen Ziele für die Erneuerbaren zu erreichen. Aber am gemeinsamen Handeln hapert es noch. Der Energiemix gehört zur nationalen Hoheit. Alle EU-Entscheidungen, die signifikant in den Energiemix eingreifen, müssen einstimmig gefällt werden. Das macht Veränderungen natürlich schwierig. Aber diese Regelung ist auch verständlich. Der eine hat Atomenergie, der andere will sie nicht. Da hat man Angst, dass der eine in die andere Hoheit hinein agiert.

Es ist also angesagt, dass erst mal einige Mitgliedstaaten kooperieren, beispielsweise die Anrainerstaaten der Ostsee und der Nordsee. Sie sollten überlegen, wie sie den Ausbau der Erneuerbaren nicht nur national betreiben, sondern in der gemeinsamen Anstrengung. Es wäre sinnvoll, wenn zum Beispiel die Ostseeregion sagen würde: Wir wollen 100 Prozent Erneuerbare, zumindest für den Stromsektor. Ähnliches wäre für eine Nordseekooperation denkbar. So wird Europa nach und nach zu einer Europäischen Gemeinschaft für Erneuerbare Energien.

Ängste um den Arbeitsplatz

EURACTIV.de: Warum hat sich diese Vision noch nicht überall durchgesetzt?

SCHREYER: Wir sehen natürlich, dass die Widerstände relativ groß sind, nicht nur von Seiten der Konzernleitungen, sondern auch bei den Menschen. Die Arbeiter in der Kohleindustrie haben natürlich Angst um ihren Arbeitsplatz. Das heißt, man muss hier ein schrittweises Szenario haben. Die Frage der wirtschaftlichen Widerstände ist insofern ein großes Problem, weil man die langfristigen Investitionen in die richtige Richtung lenken muss.

Die EU wird in diesem Jahr Visionen für das Jahr 2050 entwickeln. Bis 2050 müssen wir als Industrieregion unsere Emissionen um 80 bis 85 Prozent reduzieren. Das bedeutet für den Stromsektor, er muss völlig CO2-frei werden. Es ist unbedingt notwendig, dass man sich diesen Weg nicht verbaut.

EURACTIV.de: Was würden Sie Energiekommissar Günther Oettinger raten, der im Frühjahr sein Amt angetreten hat?

SCHREYER:
Günther Oettinger sollte sich überlegen, wie er ein zukunftsfähiges Profil entwickeln kann. Was kann die Botschaft seiner Amtszeit sein? Ich würde mich sehr freuen, wenn er sagen würde: Wir müssen endlich anfangen, die großen Potenziale an Erneuerbaren Energien in Europa gemeinsam zu heben.

Interview: Alexander Wragge

Hinweis: Mehr zur zukünftigen EU-Energiepolitik finden Sie im EURACTIV.de Yellow Paper. Die Sonderpublikation versammelt Analysen, Visionen, Ideen und Forderungen aus Politik, Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft.

Links

In der Reihe "EU Quo Vadis – Standpunkte zur Energiepolitik" sind auf EURACTIV.de erschienen:

Carsten Hey: Europas Weg zu 100 Prozent Ökostrom (11. März 2010)
Manuel Sarrazin:
Autonomie oder Verflechtung? (10. März 2010)
Rebecca Harms: Kein Platz für Kohle und Atom (10. März 2010)
Lutz Mez:
Atom-Renaissance – Viel Rauch um Nichts? (10. März 2010)
Michaele Schreyer:
Weg zur EU-Energiewende (8. März 2010)
Reinhard Loske: "Den Konsumismus überlisten" (8. März 2010)
Fritz Reusswig: "Wir brauchen die dritte industrielle Revolution" (1. März 2010)
Hans-Josef Fell: "Weitgehendes Versagen der EU-Energiepolitik" (1. März 2010)