Nachhaltigkeitsanleihen: Die neuen Stars der Finanzwelt
Der Markt für Nachhaltigkeitsanleihen (SLBs) hat 2021, ein Jahr nach seiner Einführung, die symbolische 100-Milliarden-Dollar-Marke erreicht. Das starke Wachstum zieht inzwischen aber die Augen der Behörden auf sich.
Der Markt für Nachhaltigkeitsanleihen (SLBs) hat 2021, ein Jahr nach seiner Einführung, die symbolische 100-Milliarden-Dollar-Marke erreicht. Das starke Wachstum zieht inzwischen aber die Augen der Behörden auf sich.
Im Gegensatz zu „grünen“ Anleihen, die von Unternehmen oder Regierungen zur Finanzierung bestimmter Projekte wie beispielsweise dem Bau eines neuen Windparks ausgegeben werden, beziehen sich nachhaltigkeitsgebundene Anleihen auf die allgemeine Umweltleistung eines Unternehmens.
100 Milliarden Dollar sind „furchtbar viel und nicht viel“ zugleich im Verhältnis zum Markt für nachhaltige Investitionen, der im vergangenen Jahr fast 1 Billion Dollar wert war, so Nicholas Pfaff, stellvertretender CEO der International Capital Market Association (ICMA).
Dennoch scheint das rasante Wachstum selbst erfahrene Beobachter:innen wie Pfaff überrascht zu haben.
„Wenn man bedenkt, wie lange es gedauert hat, bis grüne Anleihen 100 Milliarden Dollar erreicht haben, nämlich fast sechs Jahre, haben die SLBs in nur einem Jahr 100 Milliarden Dollar erzielt. Sie haben also eindeutig den richtigen Punkt auf dem Markt getroffen“, sagte er.
Pfaff sprach letzte Woche auf einer Veranstaltung des Europäischen Parlaments, bei der es um Nachhaltigkeitsanleihen als ein Instrument zur Förderung des grünen Wandels ging.
Banken wie Morgan Stanley achten zunehmend auf die Umweltleistung von Unternehmen, weil sie sich auf deren Fähigkeit auswirken kann, ihre Kredite zurückzuzahlen, erklärte Domenico Siniscalco, stellvertretender Vorsitzender und Leiter der Italienabteilung der US-Investmentbank.
„Und wir achten immer auf das Umweltrisiko, denn es bedeutet versteckte Verbindlichkeiten oder mögliche zukünftige Probleme“, sagte er auf der Veranstaltung des Parlaments.
Wichtige Leistungsindikatoren
SLBs sind mit bestimmten Zielen – oder Leistungsindikatoren (Key Performance Indicators, KPIs) – verbunden, die mit dem Bankkredit zusammenhängen. Wenn sie ihre Ziele erreichen, werden die Zinsen für ihre Schulden niedriger ausfallen, was für die Unternehmen einen Anreiz darstellt, sich umweltbewusst zu verhalten.
Der italienische Energieversorger Enel war der erste, der dieses Instrument 2019 testete. Alberto De Paoli, der Finanzchef des Unternehmens, sagte, das Ziel sei es, die allgemeine Umstellung von Enel als Unternehmen „zu finanzieren.“
„Deshalb haben wir dieses Instrument erfunden“, sagte De Paoli den Teilnehmenden der Veranstaltung. „Es ist nicht, weil wir gute Menschen sind. Es ist nicht, weil wir die Welt retten wollen. Sondern weil wir ein profitableres und weniger riskantes Unternehmen anbieten“, sagte er.
Aber der wachsende Erfolg der SLBs wird auch von politischen Entscheidungsträgern und der breiteren Finanzwelt kritisch hinterfragt.
Unternehmen, die sich für SLBs entscheiden, können frei entscheiden, welche Indikatoren sie als KPIs verwenden wollen.
Das bietet ihnen die Freiheit, sich auf einen bestimmten Aspekt der Nachhaltigkeit zu konzentrieren, wie Luft- oder Wasserverschmutzung, Kreislaufwirtschaft oder Biodiversität, erklärte Eila Kreivi, Chefberaterin für nachhaltige Finanzen bei der Europäischen Investitionsbank (EIB).
„Und das ist der gute Teil der Geschichte, den ich großartig finde“, sagte Kreivi.
Diese Flexibilität wirft jedoch auch die Sorge auf, dass die Ziele zu leicht zu erreichen sein könnten. Genau wie bei den grünen Anleihen ist Kreivi der Meinung, dass SLBs „weiter gehen sollten“ als das „Business-as-usual.“
„Das ist die gleiche Logik, die wir in der Taxonomie [der nachhaltigen Finanzen] gesehen haben: Um grün zu sein, muss man einen wesentlichen Beitrag zu den allgemeinen Umweltzielen der EU leisten“, sagte sie. „Ein kleiner Beitrag ist in Ordnung, aber er reicht nicht aus.
„Ich denke, es wäre hilfreich, wenn sich der Markt ein wenig besser selbst organisieren würde“, schlug Kreivi vor und verwies auf die „großartige Arbeit“, die die ICMA in dieser Hinsicht bereits geleistet hat. „Und ich denke, es ist noch mehr nötig, denn es handelt sich um ein neues Produkt, das erst vor weniger als zwei Jahren eingeführt wurde.
Jurei Yada vom Klima-Thinktank E3G war ebenfalls der Ansicht, dass die Emittenten mehr Selbstdisziplin brauchen, wenn sie auf dem Markt für Nachhaltigkeitsanleihen weiterhin glaubwürdig sein wollen.
„Ein freiwilliger Standard für SLBs würde helfen, die Transparenz zu verbessern“, indem Mindestanforderungen an diese Anleihen eingeführt werden, schlug sie vor.
„Wir müssen die relevanten KPIs identifizieren“ und sicherstellen, dass diese „mit der EU-Taxonomie“ für nachhaltige Finanzen sowie mit den „Klimaübergangsplänen“ übereinstimmen, die von multinationalen Unternehmen im Rahmen der EU-Richtlinie zur Nachhaltigkeitsberichterstattung (CSRD) verabschiedet wurden, sagte sie.
Greenwashing-Risiko
Andere Investor:innen stehen dem eher kritisch gegenüber und warnen, dass die Verbreitung grüner Finanzinstrumente letztlich das Risiko von Greenwashing – also falschen Umweltaussagen von Unternehmen – birgt.
„Wenn überhaupt, dann glaube ich, dass es wahrscheinlich zu viele [grüne] Anleihen auf dem Markt gibt“, sagte Siniscalco von Morgan Stanley. „In dieser Hinsicht besteht also die Gefahr von Greenwashing“, denn „es gibt eine Prämie [für Unternehmen], wenn sie sauberere Anleihen ausgeben als, wenn sie es nicht tun.“
Paul Tang, ein niederländischer Abgeordneter, der die Position des Europäischen Parlaments zu einem vorgeschlagenen EU-Gesetz zur Regulierung des Marktes für grüne Anleihen koordiniert, schließt sich dieser Warnung an.
Seiner Meinung nach müsse das Risiko des Greenwashings angegangen werden, da „das Funktionieren des Marktes beeinträchtigt“ ist, wenn dessen Integrität infrage steht. Dadurch könne der Markt die grüne Transformation nicht hinreichend unterstützen.
„Und diese Funktion wird untergraben, wenn es Greenwashing gibt“, warnte Tang. Der Markt „könnte sicherlich zusammenbrechen, wenn es einen Mangel an Vertrauen gibt, der durch ein oder zwei Skandale verursacht wird.“
Um dem Risiko des Greenwashings entgegenzuwirken und den Markt für Nachhaltigkeitsanleihen zu organisieren, hat die ICMA Anfang des Jahres einen Leitfaden herausgegeben und ein Verzeichnis von 300 KPIs (Key Performance Indicators) zusammengestellt. Außerdem hat die ICMA ein Verzeichnis von Methoden erstellt, die es Emittenten ermöglichen, SLBs zu bewerten. Die bekannteste Methode ist die Science-based Target Initiative.
Pfaff räumte jedoch die Grenzen der Selbstregulierung ein und erklärte, die freiwilligen Leitlinien der ICMA seien „abhängig von den Beiträgen des Marktes.“
Mit Blick auf die Zukunft sagte er, dass sich die Debatte über die Regulierung auf „Marktintegrität und Greenwashing“ konzentrieren müsse – oder ob SLBs tatsächlich grüne Ziele erfüllen oder nicht. Und dazu gehört auch die Festlegung der Höhe und Art der „Strafen“, die Unternehmen auferlegt werden sollten, die ihre KPIs nicht erfüllen.
Pfaff sagte jedoch, dass es für eine Regulierung zum jetzigen Zeitpunkt noch zu früh sei. Er fügte hinzu, dass SLBs „Zeit brauchen, um zu reifen“, bevor die Politik sie genauer unter die Lupe nimmt.
Die Regulierung des Anspruchsniveaus von SLBs wäre zum Beispiel schwierig, bemerkte er. Daher wäre es auch „schwierig, die Strafen für ein solches Produkt auf eine Weise zu regeln, die Sinn ergibt.“
„Was wir tun könnten“, schlug er vor, ist die Einführung von „Zertifizierungsmethoden“, die von den Marktteilnehmern gebilligt werden und in der Anlegergemeinschaft „eine Art offiziellen Status“ genießen würden.
Pfaff wies außerdem auf einen Mangel an Daten darüber hin, wie viel Greenwashing tatsächlich stattfindet oder was überhaupt darunter verstanden wird. „Wir haben keine Studien über Greenwashing“, bemerkte er und warnte, dass „dieses sehr stumpfe Konzept“ leicht „in eine Hexenjagd übergehen kann“, wenn die Regulierungsbehörden nicht genau wissen, wovon sie sprechen.
Eine grundlegende Frage für die Regulierungsbehörden sei, ob die Anleger falsch informiert werden oder nicht. „Wenn es das ist, worüber wir sprechen, dann gibt es bereits eine Menge an bestehenden Gesetzen“, wie zum Beispiel Marktmissbrauch, bemerkte er und sagte, dass die bestehenden Gesetze wahrscheinlich angepasst werden können, um das Problem zu lösen.
„Wo immer es möglich ist, sollten wir Daten sammeln. Und lassen Sie uns dieses Gespräch führen. Und lassen Sie uns gezielte Regulierung betreiben, wenn nötig“, sagte er.
EU fokussiert Regulierung von grünen Anleihen
Die Behörden in Brüssel sind vorerst nicht allzu besorgt über SLBs und konzentrieren sich auf die Regulierung von grünen Anleihen.
Im Juli letzten Jahres legte die Europäische Kommission einen Vorschlag für einen freiwilligen europäischen Standard für grüne Anleihen vor, der derzeit von den EU-Ländern und dem Europäischen Parlament geprüft wird.
„Europa ist weltweit führend bei der Platzierung von grünen Anleihen. Die meisten grünen Anleihen werden in Europa ausgegeben, und in der Tat ist die EU-Kommission der größte Einzelemittent von grünen Anleihen“, sagte Mairead McGuiness, die EU-Kommissarin für Finanzdienstleistungen.
Das anhaltende Wachstum des Marktes für grüne Anleihen bringt jedoch auch neue Herausforderungen mit sich, denn „es gibt weniger Konsens darüber, was eigentlich grün ist“, sagte sie auf der Veranstaltung des Parlaments. „Und das bedeutet mehr Aufwand für die Emittenten, um ihre Glaubwürdigkeit zu beweisen, und mehr Arbeit für die Investoren, um sie zu überprüfen“, sagte sie.
„Im Moment konzentrieren wir uns noch darauf, die Arbeit an dem europäischen Standard für grüne Anleihen abzuschließen“, sagte sie.
[Bearbeitet von Nathalie Weatherald]