Netzausbau: Deutsche Bauern leben im Funkloch
Deutschlands Landwirtschaft wird wettbewerbsunfähig, sollte der Breitbandausbau nicht sehr bald auch ländliche Gebiete erreichen. Denn ohne Internet auf dem Feld hat digitalisierte Landwirtschaft keine Chance.
Die Landwirtschaft ist längst hoch technisiert und setzt auf Big Data. Doch deutsche Farmer haben nur begrenzten Zugriff auf die technologischen Möglichkeiten – denn der Breitbandausbau in Deutschland lässt auf sich warten.
Drohnen, die Felder überblicken, selbstfahrende Mähdrescher oder GPS-gesteuerte Traktoren, die auf zwei Zentimeter genau in der Spur bleiben – der technikinteressierte Bauer kann bei den Versprechungen der Landwirtschaft 4.0 ganz schön ins Träumen kommen. Hinter „Smart Farming“ oder „Präzisionslandwirtschaft“ steckt seit langem das Versprechen für effektiven Ressourceneinsatz und Schutz der Umwelt.
Auf deutschen Äckern liegt die Realität für viele Landwirte allerdings weit abseits dieser Möglichkeiten. Die vollständige Abdeckung mit digitalen Breitbandnetzen außerhalb deutscher Großstädte ist eher die Ausnahme als die Regel. Die Übermittlung großer Datenmengen, die zum Beispiel beim „Smart Farming“ verarbeitet werden oder die Nutzung moderner Apps sind für viele Unternehmen immer noch Zukunftsmusik.
Deutschland hat die Digitalisierung schleifen lassen
Im EU-Vergleich ist Deutschland eines der wirtschaftsstärksten Länder und gibt sich gern als führende Industrienation. Schaut man sich jedoch die notwendigen Voraussetzungen im Bereich digitale Infrastruktur für Industrie und Landwirtschaft 4.0 an, versagt der Vergleich kläglich.
Während in Schweden über 60 Prozent und in Spanien mehr als 45 Prozent aller Haushalte an schnelle Glasfaseranschlüsse angebunden sind, dürfen sich in Deutschland lediglich 2,3 Prozent der Haushalte über schnelles Internet freuen. Dass diese Situation besonders im ländlichen Raum Konsequenzen hat, zeigt eine aktuelle Studie des Deutschen Bauernverbandes (DBV). Demnach sind 77 Prozent der Landwirte hierzulande mit der Geschwindigkeit ihrer Internetverbindung unzufrieden. Das sind zehn Prozent mehr als im Vorjahr, obwohl sich der Internetzugang insgesamt etwas verbessert hat.
„Bei der Netzabdeckung ist Deutschland inzwischen im unteren Mittelfeld – das ist katastrophal. Ohne die entsprechende Infrastruktur können die Landwirte neue Technologien nicht in dem Maße einsetzen, wie sie gerne würden“, meint Dr. Josef Efken vom Thünen-Institut, dem Bundesforschungsinstitut für Ländliche Räume, auf einer EURACTIV-Veranstaltung zu Digitalisierung in der Landwirtschaft. „Das hemmt letztendlich die Wettbewerbsfähigkeit unserer Landwirtschaft“.
In den letzten beiden Legislaturperioden sind kaum digitale Reformen durchgeführt worden. Jetzt soll endlich alles anders werden. Wieder einmal hat Bundeskanzlerin Angela Merkel den Netzausbau zur Priorität erklärt. Ganze 13 Seiten widmen Union und SPD der Digitalisierung im Koalitionsvertrag. Sollte es bis Ende 2018 noch eine flächendeckende Breitbandversorgung mit 50 Mbit pro Sekunde geben, wird jetzt mit bis zu zwölf Milliarden Euro der Glasfaserausbau gefördert. Bis zum Jahr 2025 soll damit ein flächendeckendes Gigabitnetz ausgebaut werden, gleiches gilt für die 5G-Generation des Mobilfunknetzes, so die Pläne der Koalition.
Das ist besonders für Landwirte wichtig, denn die Datenströme müssen schließlich bis zum Acker reichen, damit der intelligente Traktor seine Daten verschicken kann. Die Pläne der EU sehen ganz ähnliche, große Ambitionen vor. Bis Ende 2020 soll 5G in mindestens einer Stadt pro Mitgliedsstaat verfügbar sein, fünf Jahre später dann überall.
Die digitale Kluft zwischen Stadt und Land könnte wachsen
Die Bemühungen der Regierung um den Breitbandausbau garantieren allerdings noch lange nicht, dass auch die Landwirte vom schnellen Internet profitieren. Entscheidend ist hierbei die Vergabe der Netzfrequenzen. Für Netzbetreiber ist es nämlich wenig lukrativ Netze im spärlich besiedelten ländlichen Raum aufzubauen. Während sich in Frankreich ein freiwilliger Zusammenschluss von Netzbetreibern gebildet hat und dafür deutlich günstigere Lizenzen vom Staat erhält, werden die Lizenzen in Deutschland von der Bundesnetzagentur versteigert.
Dr. Peter Pascher, im Deutschen Bauernverband zuständig für die ländliche Förderpolitik, sieht die vorgesehenen Modalitäten der Versteigerung sehr kritisch: „Wenn die Netzbetreiber sich die für sie attraktivsten Regionen aussuchen können, wird das Projekt gegen die Wand fahren. Die digitale Kluft zwischen Ballungsräumen und dem Land wird dann eher noch größer.“
Damit garantiert werden kann, dass bei der Lizenzvergabe nächstes Frühjahr auch der ländliche Raum nicht benachteiligt wird, fordert er, dass über eine Negativ-Versteigerung jeweils ein Netzbetreiber verantwortlich für den 5G-Ausbau einer wirtschaftlich nicht lukrativen Region gemacht wird. „Jeder in diese Gebiete investierte Euro erhält der Netzbetreiber dann aus den Einnahmen der Versteigerung lukrativer Gebiete nach dem Cash back-Prinzip zurück.“
Ein paar Jahre wird es also noch dauern mit dem Breitband auf dem Acker. Bis dahin müssen Landwirte entweder auf viele Möglichkeiten der Landwirtschaft 4.0 verzichten, oder sich selber helfen. Unter anderem geschieht das bereits im Münsterland. Hier haben Bauern und Bürger „Buddelvereine“ gegründet, um das Glasfaserkabel einfach selber zu verlegen. Ganz pragmatisch – mit dem Traktor.