Niedriger CO2-Preis: Britische Waren könnten unter EU-Grenzzoll fallen

Der drastisch gesunkene CO2-Preis in Großbritannien hat die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass Stahlexporte in die EU mit einem zusätzlichen CO2-Grenzzoll belegt werden - es sei denn, London seinen CO2-Preis ans Niveau in der EU an.

Reuters
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Die Industrie bereitet sich auf den CO2-Grenzzoll der Europäischen Union vor, der ab 2026 Gebühren auf die Einfuhr emissionsintensiver Güter wie Stahl, Aluminium und Zement erheben wird – es sei denn, das exportierende Land verfolgt eine gleichwertige CO2-Preispolitik. [Christopher Willans/Shutterstock]

Der drastisch gesunkene CO2-Preis in Großbritannien hat die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass Stahlexporte in die EU mit einem zusätzlichen CO2-Grenzzoll belegt werden – es sei denn, London seinen CO2-Preis ans Niveau in der EU an.

Die Industrie bereitet sich auf den CO2-Grenzzoll der Europäischen Union vor, über den ab 2026 Gebühren auf die Einfuhr von Gütern erhoben werden, deren Produktion besonders CO2-intensiv ist, beispielsweise Stahl, Aluminium und Zement.

Der Zoll fällt jedoch nicht an, wenn das Ursprungsland selbst einen CO2-Preis erhebt, der mindestens so hoch ist wie jener in der EU.

Das Vereinigte Königreich, das über einen eigenen Emissionshandels verfügt, schien dieses Kriterium zu erfüllen. Doch aufgrund von Änderungen, die die britische Regierung Anfang des Jahres vorgenommen hat, hat sich der britische CO2-Preis seit Anfang April fast halbiert und liegt nun rund 40 Prozent jenem der EU.

Ein Emissionshandelssystem legt eine Obergrenze für die Menge an Emissionen fest, die ein Sektor oder eine Gruppe von Sektoren produzieren darf. Für diese Emissionen werden „CO2-Zertifikate“ geschaffen, die Unternehmen für jede von ihnen emittierte Tonne CO2 kaufen können.

„Wenn die Regierung nichts unternimmt, laufen 75 Prozent unseres Handels Gefahr, bei Exporten in die EU mit finanziellen und administrativen Handelshemmnissen konfrontiert zu werden“, sagte Frank Aaskov, Leiter der Energie- und Klimastrategie beim Industrieverband UK Steel.

Laut UK Steel hat Großbritannien im vergangenen Jahr mehr als 2,5 Millionen Tonnen Stahl nach Europa exportiert. Diese Exporte wären von der CO2-Abgabe betroffen – es sei denn, Großbritannien würde sich der Preispolitik der EU anpassen oder seinen CO2-Markt mit jenem der EU verbinden.

Benjamin Lee, Analyst bei Energy Aspects, hält eine Verbindung der beiden CO2-Märkte kurzfristig jedoch für unwahrscheinlich. „Die politische Situation nach dem Brexit macht eine Verknüpfung schwierig“, sagte er.

Energy Aspects geht davon aus, dass die britischen CO2-Preise ohne eine Marktverknüpfung bis Ende der 2020er Jahre unter den CO2-Preisen in der EU liegen werden, wodurch britische Unternehmen der EU-Grenzabgabe ausgesetzt wären.

Im Jahr 2026, wenn die EU-Grenzabgabe in Kraft tritt, rechnet Energy Aspects mit einem britischen CO2-Preis von rund 55 Pfund (63,71 Euro) gegenüber einem erwarteten CO2-Preis in der EU von 108 Euro.

Im Rahmen des europäischen Emissionshandels müssen Unternehmen für ihre Emissionen CO2-Zertifikate kaufen, faktisch also pro ausgestoßener Tonne einen bestimmten Betrag zahlen.

Der geplante CO2-Grenzzoll soll Importe mit den gleichen CO2-Kosten belasten, um zu verhindern, dass die heimische Industrie von Importen mit geringeren Klimaschutzstandards vom Markt gedrängt wird.

Das Vereinigte Königreich hatte 2021 seinen eigenen CO2-Markt eingeführt, um jenen der EU nach dem Brexit zu ersetzen. Die Preise im britischen System lagen bis zum zweiten Quartal des Jahres über jenen in der EU oder auf ähnlichem Niveau. Seitdem hat sich jedoch ein deutlicher Preisunterschied abgezeichnet.

Die Preise im Vereinigten Königreich fielen, da der geringere Gasverbrauch im Energiesektor die Nachfrage nach Zertifikaten dämpfte und die von der Regierung angekündigten Änderungen einen Anstieg des Angebots an Zertifikaten signalisierten.

Ein Sprecher des britischen Ministeriums für Energiesicherheit und CO2-Neutralität sagte, es habe kürzlich die Obergrenze im Rahmen seines Emissionshandelssystems verschärft und die Freigabe der zusätzlichen Zertifikate würde sicherstellen, dass es nicht zu einem plötzlichen Angebotsrückgang kommt.

Die britische Regierung hat Anfang des Jahres eine öffentliche Konsultation über Maßnahmen zur Unterstützung der britischen Industrie bei der Dekarbonisierung durchgeführt, darunter auch eine mögliche britische CO2-Grenzabgabe.