Ökonomen warnen EU vor übermäßigem „De-Risking“ gegenüber China
Die europäische Politik sollte die negativen Auswirkungen einer Reduzierung des Handels mit China bedenken, sagte der Präsident des einflussreichen Kieler Instituts für Weltwirtschaft (IfW). Er warnte davor, beim "De-Risking" zu weit zu gehen.
Die europäische Politik sollte die negativen Auswirkungen einer Reduzierung des Handels mit China bedenken, sagte der Präsident des einflussreichen Kieler Instituts für Weltwirtschaft (IfW). Er warnte davor, beim „De-Risking“ zu weit zu gehen.
Im schlimmsten Fall könnte der Verlust der Handelsbeziehungen zu China sogar die Gefahr eines Krieges erhöhen, beispielsweise um Taiwan, weil „es weniger zu verlieren gibt“, erklärte der Präsident des Kieler Instituts, Moritz Schularick, während einer Podiumsdiskussion mit Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) am Donnerstag (17. Oktober) in Berlin.
„Wenn wir nicht mehr so viel miteinander handeln, sinkt vielleicht die Hemmschwelle, einen Krieg zu beginnen“, so Schularick auf einer Konferenz des Instituts zum Thema Geoökonomie.
„Wir müssen also aufpassen, dass wir [es] nicht zu weit treiben, weil es sonst das Gegenteil bewirken könnte“, sagte er.
Das von Schularick angeführte Argument wurde zuvor auf der Konferenz vom französischen Wirtschaftswissenschaftler Thierry Mayer von der Science Po Paris vorgetragen.
Mayer ist Mitverfasser eines demnächst erscheinenden Beitrags zum Thema „Wie De-Risking im Handel die globale Sicherheit untergräbt“.
Als „De-Risking“ wird die Strategie der EU und USA bezeichnet, einseitige Abhängigkeiten von Drittstaaten, insbesondere China, abzubauen, etwa durch mehr heimische Produktion und eine Diversifizierung der Handelsbeziehungen.
„Das ‚De-Risking‘ kann die Welt paradoxerweise tatsächlich unsicherer machen“, sagte Mayer in seinem Vortrag. „Und das wird einige der Wohlstandsgewinne zunichtemachen, die von ‚De-Risking‘ erwartet werden“, fügte er hinzu.
Mayer erklärte, dass, wenn Staaten engere Handelsbeziehungen unterhielten, sie durch einen Krieg größeren wirtschaftlichen Schaden erleiden würden. Das bedeute, dass die Verringerung der Handelsbeziehungen und Abhängigkeiten zwischen zwei Wirtschaftsblöcken Kriege wahrscheinlicher machen könne.
„Wenn ich einen Zoll von 20 Prozent auf China erhebe, dann handle ich weniger mit China, was bedeutet, dass es weniger kostspielig ist, wenn ich mit China Krieg führe“, erläuterte Mayer.
„Wenn man ‚De-Risking‘ betreibt, senkt man die Kosten […] eines Krieges mit China – wenn man einen Krieg mit China führt“, sagte er, „aber man macht dieses Ereignis wahrscheinlicher.“
Mit Vorsicht zu genießen
Euractiv fragte Mayer, ob seine Ergebnisse bedeuteten, dass die laufende De-Risking-Strategie der EU gegenüber China ein Fehler sei.
Mayer gab daraufhin jedoch zu bedenken, dass sein Modell bisher nur auf die Beziehungen zwischen den USA und China angewendet wurde. Daher sei Vorsicht geboten, wenn die Überlegungen auf Europa übertragen werden.
„Für Europa und China könnte es tatsächlich ganz anders aussehen, weil die Beziehungen nicht so asymmetrisch sind. Sie beziehen sich womöglich nicht auf dieselben Güter. Das Bild könnte also ganz anders aussehen“, sagte er.
„Um [De-Risking] als Fehler zu bezeichnen, muss man sehr an das Modell glauben“, sagte er. „Wenn es die Wahrscheinlichkeit eines Krieges zu sehr erhöht, ist es mit Sicherheit ein Fehler“, fügte er jedoch hinzu.
Konferenzteilnehmer wiesen schnell darauf hin, dass Mayers Modell von einer Rationalität der politischen Akteure ausgeht.
Ein Konferenzteilnehmer, der anonym bleiben wollte, sagte, dass dies nicht immer vorausgesetzt werden könne. Die Kosten-Nutzen-Analyse von Staats- und Regierungschefs sei nicht bekannt, wie beispielsweise im Fall des russischen Präsidenten Wladimir Putin.
Der Teilnehmer vermutete, dass die jüngste Änderung der Einstellung der EU gegenüber China damit erklärt werden könne, dass China nicht mehr als rein wirtschaftlich motiviert angesehen werde.
Er sagte, dass „De-Risking“ gegenüber China in der Tat immer noch als rational angesehen werden könne, selbst wenn es die Wahrscheinlichkeit eines Krieges leicht erhöhe. Grund dafür sei, dass die potenziellen Auswirkungen einer Eskalation, beispielsweise zwischen China und Taiwan, auf Europa dadurch verringert würden.
Schularick vertrat auch die Ansicht, dass dies die Bemühungen der EU antreibe, eigene Kapazitäten in der Halbleiterfertigung aufzubauen. Ein Großteil davon befindet sich derzeit in Taiwan.
„Es ist keine ideale Situation, wenn ein so entscheidender Bestandteil der modernen Industrie […] auf einer kleinen Insel in einem geopolitischen Brennpunkt konzentriert ist, der im Grunde die ganze Welt versorgt“, sagte er.
„Das wird sich möglicherweise auch auf die Anreize auswirken, die wir haben, um Taiwan und andere zu verteidigen, wenn die Halbleiterindustrie plötzlich stärker diversifiziert ist“, merkte er an.
Habeck: Glaube an freien Markt in Krise
In seiner Rede vor der Podiumsdiskussion verteidigte Habeck die „De-Risking“-Strategie der EU und Deutschlands.
„Die Welt hat sich verändert […], vielleicht auf eine tiefere, grundlegendere Weise, als wir gerne glauben, wenn wir [öffentlich] über Wirtschaftszahlen sprechen.“
„Wenn wir einer offenen, globalisierten Welt nicht vertrauen können, können wir nicht sicher sein, dass Rohstoffe, kritische Komponenten und vielleicht auch einige Medizinprodukte immer auf den europäischen Markt kommen werden“, erklärte der Vizekanzler.
„Ich denke, es ist immer besser, vorsichtig statt naiv zu sein“, sagte er. Dabei verwies er auf die Bemühungen, die Produktion strategischer Güter wieder auf europäischen Boden zurückzubringen.
„Meine Politik konzentriert sich hauptsächlich darauf, wirtschaftliche Sicherheit in wirtschaftliche Überlegungen einzubringen“, fügte Habeck hinzu.
Als Reaktion auf Schularick stimmte Habeck später jedoch zu, dass die Gefahr bestehe, dass eine „Überreaktion“ zur Stärkung der wirtschaftlichen Sicherheit den Interessen der EU „schaden“ könnte.
„Natürlich besteht [einerseits] die Gefahr, dass man sich selbst ins Knie schießt“, sagte er.
„Andererseits“ würde es jedoch offensichtliche Anzeichen dafür geben, dass „dieser Glaube an den freien Markt“ tief in der Krise stecke, fügte er hinzu.
[Bearbeitet von Anna Brunetti/Alice Taylor-Braçe]