"Polemik statt Schmuse-Kritik": Henryk M. Broder erhält Anti-Europa-Preis
Für seine unsachliche Kritik an der EU erhält Henryk M. Broder die Europa-Distel der Europa Union Deutschland. Der Publizist nutzte die Preisverleihung für weitere Verbalattacken auf das "Adeltum" der Europäischen Union.
Für seine unsachliche Kritik an der EU erhält Henryk M. Broder die Europa-Distel der Europa Union Deutschland. Der Publizist nutzte die Preisverleihung für weitere Verbalattacken auf das „Adeltum“ der Europäischen Union.
Henryk M. Broder wagte sich in die Höhle des Löwen: Die Hauptstadtgruppe Europa-Professionell der überparteilichen Europa Union Deutschland (EUD) verlieh ihm am vergangenen Dienstag die Europa-Distel für den größten europapolitischen Fauxpas des Jahres – und Broder kam höchst persönlich, um sich den Preis abzuholen. In den Sitzreihen des Europäischen Hauses in Berlin saßen allesamt glühende Verfechter der europäischen Idee, die mit Broder hart ins Gericht gingen.
Mit seinem im vergangenen Jahr veröffentlichten Buch „Die letzten Tage Europas“ habe Broder die EU auf polemische Weise verunglimpft, sagte der Grüne Bundestagsabgeordnete Manuel Sarrazin in der mündlichen Begründung. „Mit seiner stark vereinfachten Kritik an der ausufernden Bürokratie in Brüssel, der maßlosen Mittelverschwendung und der ‚unrechtmäßigen‘ Gesetzgebung des Europäischen Parlaments hat Broder versucht, eine sachlich nicht zutreffende Suppe zu kochen“, so Sarrazin.
Doch Broder habe sein Ziel verfehlt. Noch immer unterstützen zwei Drittel der Deutschen die Europäische Idee, sagte Sarrazin. Nur mit konstruktiver Kritik und einem sachlichen Austausch könne Broder die EU wirklich treffen und verbessern. „Wir Pro-Europäer unterscheiden uns grundlegend von Kritikern wie Broder, denn wir haben immer den Anspruch, die Fehler der EU zu erkennen und Reformen anzumahnen“, so Sarrazin.
Doch Verbesserungsvorschläge zu machen sei nicht seine Aufgabe, so Broder. „Ich will darauf hinweisen, was nicht klappt. Und diese Kritik muss polemisch sein, alles andere ist Schmusekritik.“
Und so zeichnete Broder weiter Schreckensbilder der EU: „Da ist in den letzten Jahren ein Adel entstanden, der sich selber kooptiert und perpetuiert“, sagte Broder. Die Europäische Union verglich er mit der Ehe: „eine Institution, um Probleme zu lösen, die man ohne sie nicht hätte“. Dazu gehörten die Flüchtlingstragödien im Mittelmeer und die wirtschaftliche Schlieflage von Frankreich und Italien. „Die EU ist mit der Lösung dieser Probleme überfordert“, erklärte Broder.
Brok: „Wir erleben demokratische Revolution“
„Was wir derzeit erleben ist eine demokratische Revolution in der EU“, entgegnete der CDU-Europaabgeordnete Elmar Brok. Mit der Wahl des europäischen Spitzenkandidaten Jean-Claude Juncker zum Kommissionspräsidenten habe die EU „Geschichte geschrieben“.
Die Wahl des Regierungschefs in die Hände der Bevölkerung zu geben, ist laut Brok revolutionär – genauso wie der wachsende Einfluss des EU-Parlaments. „Wenn wir das jetzt im Oktober zu Ende bringen, wird es nicht mehr veränderbar sein“, so der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses im Europaparlament und Präsident der Union Europäischer Föderalisten (UEF).
Die Europaabgeordnete Sylvia-Yvonne Kaufmann (SPD) appellierte an die Verantwortung der europäischen Entscheidungsträger, sich mit den Bedenken der Menschen auseinanderzusetzen. So kritisierte sie die EU-Kommission, dass sie die Europäische Bürgerinitiative gegen die geplanten Freihandelsabkommen der EU mit den USA und Kanada für nicht zulässig erklärt hat.
Drei Europa-Lilien für herausragendes Engagement
Neben einer Distel für den „Anti-Europäer“ Broder gab es drei Europa-Lilien für herausragende Leistungen im Sinne der europäischen Idee. Für seine umfängliche und facettenreiche Berichterstattung über europäische Themen wurde der Deutschlandfunk für den herausragendsten europapolitische Einsatz geehrt. Die Europa-Lilie für Bürgerschaftliches Engagement ging an den Verein „Gemeinsam leben und lernen in Europa“. Das Online-Magazin „Treffpunkt Europa“ der JEF Deutschland erhielt die Auszeichnung für erfolgreiche Europäische Jugendarbeit.
Die Träger der Europa-Lilien: (v.l.) Toni Fischer und Perdita Wingerter (Gemeinsam leben und lernen in Europa), Thilo Kößler und Katrin Michaelsen (Deutschlandfunk), Julius Leichsenring und Frederico Permutti (Treffpunkt Europa). Foto: EUDDie Träger der Europa-Lilien: (v.l.) Toni Fischer und Perdita Wingerter (Gemeinsam leben und lernen in Europa), Thilo Kößler und Katrin Michaelsen (Deutschlandfunk), Julius Leichsenring und Frederico Permutti (Treffpunkt Europa). Foto: EUD
Die Europapreise hat die EUD erstmals 2011 vergeben. Nach einer öffentlichen und deutschlandweiten Ausschreibung werden aus den eingehenden Vorschlägen drei Nominierte je Kategorie ausgewählt und in einem offenen Online-Voting zur Abstimmung gestellt.
Frühere Träger der Europa-Lilie sind die ehemalige Wirtschaftsweise Beatrice Weder die Mauro und der Präsident des Europäischen Parlaments Martin Schulz. Europa-Disteln gingen an die BILD-Zeitung und den früheren CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt.