Raphaël Glucksmann: Mann der Ukraine und EU-Spitzenkandidat der Sozialisten
Mit 14 Prozent in den Umfragen macht Raphaël Glucksmann, der Spitzenkandidat der französischen Sozialistischen Partei (PS), die Unterstützung der Ukraine zur Priorität seiner Kampagne. Bei anderen internationalen Krisen, wie dem Krieg in Gaza, bleibt er dagegen differenzierter.
Mit 14 Prozent in den Umfragen macht Raphaël Glucksmann, der Spitzenkandidat der französischen Sozialistischen Partei (PS), die Unterstützung der Ukraine zur Priorität seiner Kampagne. Bei anderen internationalen Krisen, wie dem Krieg in Gaza, bleibt er dagegen differenzierter.
„Er ist ein Freiheitskämpfer“, meinte Batu Kutelia und beschrieb, wie sehr er seinen Freund Raphaël schätze. Batu Kutelia, ehemaliger georgischer Botschafter in den Vereinigten Staaten von 2011 bis 2013, lernte Raphaël Glucksmann kennen, als dieser zu Beginn der 2010er Jahre Berater des georgischen Präsidenten Micheil Saakaschwili war. „Er half uns, nach dem Krieg mit Russland 2008 Unterstützung aus dem Westen zu bekommen.“
Als Sohn des französischen Philosophen André Glucksmann wurde Raphaël Glucksmann in der Nähe von Paris in ein privilegiertes und kosmopolitisches Umfeld hineingeboren. Er schwankte lange Zeit zwischen humanitärer Arbeit und Journalismus, bevor er „Revolutionsberater“ wurde, wie er in einem Artikel in Le Monde im Frühjahr 2014 scherzte. Damals war er in der Ukraine tätig und schrieb Reden für Vitali Klitschko, den Boxer, der einer der Anführer der Demonstranten auf dem Maïdan-Platz und später Bürgermeister von Kyjiw wurde.
„Raphaël Glucksmann wurde sich schnell der kriegerischen Absichten Wladimir Putins und seiner Fähigkeit bewusst, die Republiken der ehemaligen Sowjetunion zu destabilisieren, die sich von der russischen Kolonialherrschaft emanzipieren wollten“, merkte der Journalist Régis Genté, ein Experte für den Kaukasus, an.
Unterstützung für die Ukraine bis zum Schluss
Die unerschütterliche Unterstützung für Kyjiw macht Glucksmann zu einem der zentralen Punkte seiner Kampagne für die Europawahlen. Zu den vorgeschlagenen Maßnahmen gehören die Beschlagnahmung des eingefrorenen russischen Staatsvermögens in Höhe von 206 Milliarden Euro zur Unterstützung des ukrainischen Widerstands und die Einrichtung eines 100-Milliarden-Euro-Fonds „für Investitionen in die europäische Verteidigungsindustrie.“
Seine Gegner vom linken Spektrum kritisieren seine „kriegstreiberische“ Haltung, von der Waffenhändler profitierten würden. Andere werfen ihm seine jahrelange Zusammenarbeit mit Micheil Saakaschwili vor, der von Januar 2004 bis November 2013 Staatspräsident Georgiens war. Dieser gilt als „atlantischer und neoliberaler“ Präsident und ist seit 2021 in seinem eigenen Land offiziell wegen „Amtsmissbrauchs“ inhaftiert.
Diese Anschuldigungen werden von der rechten Rassemblement National (RN) und ihrem Spitzenkandidaten Jordan Bardella aufgegriffen. Dieser prangert den sozialistischen Kandidaten regelmäßig als „Sprachrohr für ausländische Interessen im Europäischen Parlament“ an.
Indem er seine Kampagne auf internationale Solidarität und Menschenrechte ausrichte, „hat [Raphaël Glucksmann] dennoch die Merkmale beibehalten, die die Identität der Sozialistischen Partei ausmachen“, bemerkte Pierre-Nicolas Baudot, Doktor der Politikwissenschaft und Spezialist für die Sozialistische Partei.
„Er nutzt die Lücke, die sich zwischen der Renaissance, die sich in nationalen Themen verfangen hat, und France Insoumise, deren außenpolitische Optionen die Menschen nur schwer überzeugen können, aufgetan hat“, so der Forscher weiter.
In einem Interview mit Euractiv forderte die Spitzenkandidatin von Macrons La France Insoumise, Manon Aubry, die Aufnahme von Verhandlungen mit Wladimir Putin. Des Weiteren empfahl sie die Entsendung von UN-Friedenstruppen zum Schutz der ukrainischen Atomkraftwerke.
In einem Interview mit LCI am 12. Mai sorgte sie für Kontroversen, als sie erklärte, dass die russische Armee „nicht auf Kyjiw marschiert“ sei, während im Frühjahr 2022 in den Vororten der ukrainischen Hauptstadt Kämpfe tobten.
„Wir haben alle für die Hilfe für die Ukraine gestimmt“, unterstrich der Europaabgeordnete Emmanuel Maurel, der für die Kommunisten kandidiert.
„Aber es gibt Themen, bei denen wir echte Differenzen mit Raphaël Glucksmann haben. Wir sind gegen die Erweiterung der Europäischen Union um die Ukraine und gegen die Aufhebung des Einstimmigkeitserfordernisses im Europäischen Rat für die Gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik (GASP).“
Während Raphaël Glucksmann sich lautstark für die Ukraine einsetzt, ist seine Position zum Krieg in Gaza differenzierter. Er ruft regelmäßig zur Mobilisierung auf, um „das Gemetzel zu verhindern.“ Er weigert sich hingegen, den Begriff Völkermord zu verwenden, um die andauernden Massaker zu beschreiben. Damit unterscheidet er sich von anderen linken Politikern, wie dem Vorsitzenden der Kommunistischen Partei (PC), Fabien Roussel, oder dem Vorsitzenden von La France Insoumis, Jean-Luc Mélenchon.
Ende April vertrat Raphaël Glucksmann außerdem die Ansicht, dass die Leitung der Universität Sciences Po Paris „das Recht zur Räumung“ der pro-palästinensischen Aktivisten habe, die das Gebäude blockierten. Er stand damit im Widerspruch zum ersten Sekretär der französischen Sozialistischen Partei (PS), Olivier Faure, der das Eingreifen der Ordnungskräfte als „katastrophal“ bezeichnete.
Glucksmanns Ansichten zur Ukraine scheinen jedoch bei den Wählern in einer Europawahl, in der internationale Fragen im Mittelpunkt stehen, Anklang zu finden. Für Philippe Marlière, Professor für Politikwissenschaft am University College London, „sind die Wähler, die für Raphaël Glucksmann stimmen werden, ehemalige PS-Mitglieder, die während des Debakels von 2017 zu Mélenchon und Macron übergelaufen sind und nun wieder zurückkommen.“
[Bearbeitet von Rajnish Singh/Kjeld Neubert]