Ressourceneffizienz - nur wie?
Die EU drängt auf eine deutliche Steigerung der Ressourceneffizienz in den kommenden Jahrzehnten. Doch drohen konkrete Ziele und Vorgaben zum Ressourceneinsatz den Industriestandort Europa zu beeinträchtigen? EURACTIV.de lud zu einer offenen Debatte nach Berlin.
Die EU drängt auf eine deutliche Steigerung der Ressourceneffizienz in den kommenden Jahrzehnten. Doch drohen konkrete Ziele und Vorgaben zum Ressourceneinsatz den Industriestandort Europa zu beeinträchtigen? EURACTIV.de lud zu einer offenen Debatte nach Berlin.
Seit Jahren rückt die Ressourceneffizienz auf der politischen Agenda nach oben. Immer öfter wird die Frage gestellt: Wie gehen Deutschland und Europa künftig mit Rohstoffen, Böden, Luft, Wasser, Nahrung und Energie um?
Mit der Leitinitiative Ressourcenschonendes Europa (EURACTIV-LinkDossier) formuliert die EU das Ziel, das Wirtschaftswachstum bis 2020 komplett vom Anstieg des Ressourcenverbrauchs abzukoppeln. EU-Wirtschafts- und Umweltpolitiker, Industrie- und Umweltverbände sind sich allerdings oftmals uneins in der Frage, mit welchen Vorgaben und Instrumenten der Ressourcenverbrauch der Europäer gesenkt werden kann und soll.
EURACTIV.de bat in Kooperation mit dem Nickel Institute und der Initiative Metalle pro Klima der WirtschaftsVereinigung Metalle zum Workshop "Der Faktor Rohstoffe im Spannungsfeld zwischen Industriepolitik und Ressourceneffizienz – eine offene Diskussion über Zielkonflikte" ins Haus der Bundespressekonferenz nach Berlin.
EURACTIV.de dokumentiert die Positionen.
Gebhart (CDU): Ressourceneffizienz schafft Wettbewerbsfähigkeit
Thomas Gebhart, CDU-Berichterstatter zum Thema Ressourceneffizienz im Umweltausschuss des Bundestages und Mitglied des Expertengremiums "Rohstoffsicherung und Ressourcenschonung" zeichnete die globalen Herausforderungen im Umgang mit Ressourcen und Rohstoffen nach.
Die Nutzung von Ressourcen habe weltweit zugenommen, bestimmte Ressourcen würden zunehmend knapper und teurer, so Gebhardt. Ein Grund sei das Wachstum der Weltbevölkerung. Heute leben rund 7 Milliarden Menschen auf der Erde, die Vereinten Nationen gehen von 9,2 Milliarden im Jahr 2050 aus. "Der Trend wird verstärkt, indem diejenigen, die noch nicht so wie wir in den westlichen Industriestaaten leben, verständlicherweise und zu Recht danach streben, Wohlstand und Wachstum zu generieren." Daraus folgt laut Gebhart die zentrale Herausforderung, "Wohlstand und Wachstum in echten Einklang zu bringen mit dem schonenden Umgang mit Ressourcen".
Gebhart widersprach der im Titel des Workshops anklingenden These, wonach es ein Spannungsfeld und Zielkonflikte zwischen einer starken Industrie auf der einen, und Ressourceneffizienz auf der anderen Seite gibt. Der effiziente Umgang mit Ressourcen werde mehr und mehr über die Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen und Branchen entscheiden, und biete in ökologischer wie in ökonomischer Hinsicht große Chancen. "Eine starke Industrienation wird eine Nation sein, die höchsteffizient mit Ressourcen umgeht", so Gebhart. "Der Betriebswirt würde sagen: ‚Wettbewerbsfähigkeit und Ressourceneffizienz sind keine konfligierenden Ziele, es sind komplementäre Ziele‘." Viele Unternehmen hätten bereits seit Jahrzehnten erhebliche Anstrengungen unternommen, ihre Ressourceeffizienz zu steigern.
Gebhart verwies auf das Nationale Ressourceneffizienzprogramm (ProgRess), das die Bundesregierung im Früjahr 2012 verabschieden will und das konkrete Verbesserungsmöglichkeiten aufzeigen werde. "Ressourceneffizienz wird die Wachstumsbranchen von morgen prägen", so Gebhart.
Oliver Bell (Metalle pro Klima): Der Markt zwingt zur Effizienz
Oliver Bell markierte die Position der Metallindustrie in der Debatte um Ressourceneffizienz. Bell ist Executive Vice President Rolled Products der Hydro Aluminium Deutschland GmbH und vertritt als Präsident des europäischen Dachverbands Eurometaux die Interessen europäischer und globaler Metallerzeuger und -verarbeiter sowie nationaler Metallverbände, etwa der deutschen Wirtschaftsvereinigung Metalle. Zudem ist Bell Vorsitzender der Initiative Metalle pro Klima, einem Zusammenschluss von 21 Unternehmen der Nichteisen (NE)-Metallindustrie, die es sich das Ziel setzt, die Beiträge und Leistungen der Industrie zu Klimaschutz, Ressourcen- und Energieeffizienz sichtbar zu machen.
Bell stellte zunächst fest: "Die effiziente Nutzung der Ressourcen wird als entscheidender Faktor der Wachstums- und Beschäftigungspolitik in Europa definiert, und diesen Ansatz unterstützen wir voll." Kritisch sehe man allerdings, wenn das Leitmotiv der politischen Marschrichtung ‚Weniger ist mehr‘ laute, was im Zweifel auch einen staatlich angeordneten Verzicht bedeute. "Dies ist sicher nicht die Lösung", so Bell.
Die Metallindustrie setze bereits auf Ressourceneffizienz, allein schon aus ökonomischen Gründen. "Wenn wir als Unternehmen bestehen wollen, müssen wir effizient arbeiten, sonst scheiden wir aus dem Markt aus." Hierfür bedürfe es keiner zusätzlichen regulativen Maßnahmen des Staates. Permanente Verbesserungen seien die Voraussetzung, um auch in Zukunft im globalen Wettbewerb zu bestehen.
Die NE-Metallindustrie trage insbesondere durch das Recycling und das Heben von Recyclingpotenzialen wesentlich zur Ressourceneffizienz und Rohstoffsicherheit bei, so Bell. "Das meiste in Europa genutzte Aluminium beispielsweise ist heute schon einmal recycelt." Metall werde nie verbraucht, sondern nur gebraucht. "Mit einem geringen Energieaufwand kann es immer und immer wieder genutzt werden."
Der Manager hob das Innovationspotenzial der Nichteisen(NE)-Metallindustrie hervor, das Ressourceneffizienz ermögliche. Der Umstieg auf den automobilen Leichtbau werde ohne Aluminium nur schwer möglich sein. Elektromobilität sei ohne Kupfer nicht realisierbar. Die Energiewende finde ohne NE-Metalle nicht statt, die beispielsweise für Windkraft und Solaranlagen benötigt werden. Allerdings wehrte sich Bell dagegen, Innovationen mit staatlichen Vorgaben zu erzwingen. "Wir werden Innovationen nicht staatlich verordnen können, sondern nur durch unternehmerische Freiheit erreichen."
Bell unterstrich die Härte des globalen Wettbewerbs und warnte mit Blick auf Regulierungen vor einer De-Industrialisierung Europas. "Wir können alle ’schmutzigen‘ Prozesse aus Europa auslagern und machen nur noch Finanzgeschäfte und Dienstleistungen, dann sind wir extrem ressourceneffizient", so Bell. Aber er hoffe, dass dieser Weg nicht beschritten werde, denn ob in den aufstrebenden Schwellenländern ("BRIC-Staaten") das gleiche Umweltbewusstsein wie in Europa herrsche, sei fraglich. "Nur durch die Industrieverlagerung haben wir das Klima nicht gerettet."
Bell warnte davor, die Industrie mit Ressourceneffizienz-Vorgaben zu überfordern.
"Der Ressourceneffizienz sind in den unterschiedlichen Bereichen auch physikalische Grenzen gesetzt, und wir sollten mit unseren Erwartungen an die größten Effizienzpotenziale realistisch bleiben." Die Einsparpotenziale seien höchst unterschiedlich, je nachdem wie effizient ein Unternehmen bereits arbeitet. "Unsere Unternehmen sind teilweise 100 Jahre alt, aber sie haben permanent nachinvestiert, und die Anlagen sind auf den neusten technologischen Stand", so Bell.
Die Effizienzpotenziale der europäischen Metallindustrie seien nicht vergleichbar mit denen eines Einfamilienhauses aus den 60er Jahren, bei dem durch eine Renovierung eine Effizienzverbesserung von 30 Prozent und mehr realisiert werden kann.
Bell äußerte seine Skepsis, dass es möglich sei, geeignete Ressourceneffizienzvorgaben für Unternehmen unterschiedlicher Größen und Branchen zu machen. Zur Veranschaulichung verglich er die Ressourcenpolitik mit einem Marathonlauf: "Wenn man der Industrie sagt, sie muss beim Ressourceneinsatz jedes Jahr zwei oder drei Prozent besser werden, dann ist das so, als wenn man Marathonläufern sagt, sie müssen jedes Jahr 20 Minuten schneller laufen. Die Schlechtesten werden nach sechs Jahren nur noch vier statt sechs Stunden für die Strecke brauchen, weil sie entsprechend trainieren konnten. Aber diejenigen, die schon zu Beginn schnell waren und die Strecke in drei Stunden schafften, werden den Marathon nach sechs Jahren nicht in einer Stunde laufen, das geht einfach nicht."
Michael Angrick (UBA): Ressourcenproduktivität deutlich steigern
Michael Angrick, Leiter des Fachbereichs für nachhaltige Produkte und Produktion beim Umweltbundesamt (UBA), erläuterte die deutschen Anstrengungen für mehr Ressourceneffizienz.
Zunächst wies Angrick auf den Handlungsdruck hin. "Etwa 18 Prozent der Weltbevölkerung verbrauchen heute rund 80 Prozent der Ressourcen", so Angrick. "Dass das dauerhaft nicht gut gehen kann, weil natürlich alle Menschen auf der Welt ein gewisses Wohlstandsniveau erreichen wollen, muss uns klar sein." Der Druck auf bestimmte Materialien, auf Ressourcen und Rohstoffe werde zunehmen. "Das ist der wesentliche Grund, weshalb die EU und die nationalen Regierungen dieses Thema seit Jahren angehen."
Mit Blick auf das EU-Ziel, das Wirtschaftswachstum vom Ressourcenverbrauch abzukoppeln, sagte Angrick: "Ich bin sehr skeptisch, ob das ausreichen wird." Aus seiner Sicht werde man zu anderen Formen kommen müssen, wie man mit Materialien umgeht. "Das ist ein globales Problem und geht weit über den EU-Rahmen hinaus, das wird noch unsere Kinder beschäftigen."
2002 hat sich Deutschland das Ziel gesetzt, die Rohstoffproduktivität bis 2020 gegenüber 1994 zu verdoppeln. Angrick zufolge gehe man im Umweltbundesamt derzeit davon aus, das bis 2050 eine Verbesserung der Effizienz um den Faktor 10 notwendig werden könnte.
In Deutschland habe mit der Gründung der nationalen Rohstoffagentur (DERA), des Zentrums für Ressourceneffizienz (ZRE) beim Verein der deutschen Ingenieure (VDI) und des Ressourceninstituts in Freiberg wichtige Schritte unternommen.
Das kommende nationale Ressourcenprogramm ProgRess werde speziell die Ressourceneffizienz in kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) stärken, etwa indem Best Practise-Beispiele in die Breite kommuniziert und Informationsdefizite in den Firmen beseitigt werden. Speziell in KMU gebe es noch große Einsparpotenziale beim Materialeinsatz, so Angrick. Während die Arbeitsproduktivität in Deutschland zwischen 1960 und 2005 um den Faktor 4 gesteigert wurde, stieg die Materialproduktivität im selben Zeitraum nur um den Faktor 2.
Angrick setzt zudem Hoffnungen auf das neue Kreislaufwirtschaftsgesetz (28. Oktober 2011) hin, das unter anderem die Recyclingquoten in Deutschland steigern soll.
Angrick wies Befürchtungen von Eurometaux-Präsident Oliver Bell zurück, die Ressourcenschutzpolitik werde der Industrie schaden. "Ich verstehe nicht den aus meiner Sicht massiv überzogenen Hinweis darauf, dass eine Regierung, und zwar egal welcher Colour, nichts anderes zu tun hat, als die Industrie zu knebeln, zu knechten und klein zu machen, das ist einfach nicht der Fall", so Angrick. "Was wir im Laufe der Jahre getan haben, hat dazu geführt, dass wir einige Innovationen in Deutschland schneller erreicht haben als in anderen Ländern." Niemand werde so tollkühn sein zu sagen, man wolle Industrieproduktion aus Deutschland vertreiben und nur auf Dienstleistungen setzen. Gemeinsames Ziel von Politik und Wirtschaft sei eine nachhaltigere Lebensweise. Speziell bei den Themen Forschung, Innovation und Recycling gebe es viel Einigkeit mit der Wirtschaft. "Wir sind gar nicht so weit auseinander", so Angrick, "bisher haben wir uns auch immer gefunden."
Klaus Dosch (Kathy Beys-Stiftung): "Die Politik muss klare Vorgaben machen"
Klaus Dosch stellte die Position der Aachener Stiftung Kathy Beys dar, die für "Wege zu einem effizienten, genügsamen und damit zukunftsfähigen Umgang mit Ressourcen" wirbt.
Die unabhängige, private, gemeinnützige Stiftung habe die Ressourceneffizienz vor rund zehn Jahren als das wesentliche Thema identifiziert, heute sei es "Mainstream". "Globalisiert ist der Ressourcenverbrauch nicht tragfähig", so Dosch. "Hebt man die BRIC-Staaten auf unser Wohlstandsniveau, dann werden uns die Ökosysteme um die Ohren fliegen."
Dosch zufolge steht mehr Ressourceneffizienz nicht im Widerspruch zu Wettbewerbfähigkeit "Wenn es gelingt, innerhalb von zehn Jahren 20 Prozent zusätzlich zum normalen technischen Fortschritt an Material- und Energiekosten einzusparen, entlastet das den Finanzierungssaldo des Staates um 100 Milliarden Euro und die Unternehmen um 120 Milliarden Euro", so Dosch mit Verweis auf eine Studie (2005) der Stiftung.
Dosch forderte ein grundlegendes Umdenken im Umgang mit Ressourcen. "Ressourceneffizienz wird derzeit eher als eine Art Topfauskratzen betrachtet, indem wir die bestehenden Produktionsprozesse möglichst effizient gestalten, beispielsweise mit Computerprogrammen den Abfall minimieren", so der Experte der Kathy Beys Stiftung. "Das funktioniert klasse, aber das wird nicht reichen – wir müssen ein anderes Wohlstandsmodell leben."
Man müsse den heutigen Wohlstand mit einer deutlich geringeren Menge an Ressourcen gewährleisten. Große Hoffnungen setzt Dosch in diesem Zusammenhang auf deutsche Unternehmen, weshalb er die Gründung des Zentrums für Ressourceneffizienz beim Verein der deutschen Ingenieure ausdrücklich begrüßte. "Wenn wir das mit unseren deutschen Ingernieuren nicht schaffen, wird es wahrscheinlich niemand auf der Welt schaffen." Technologien für mehr Ressourceneffizienz seien ein vorzügliches Exportprodukt.
Dosch widersprach energisch der These, es brauche keine politischen und regulatorischen Vorgaben zur Ressourceneffizienz. "Notwendig sind klare Zielvorgaben der Politik, wie wir sie aus dem Klimaschutz kennen", so der Experte. Die deutsche Vorgabe, die Ressourcenproduktivität bis 2020 zu verdoppeln, habe aber den Haken, dass sie nicht einfach durch Verlagererung der ’schmutzigen Produktionsprozesse‘ ins Ausland erfüllt werden dürfe.
Als Beispiel für inkonsistente politische Vorgaben nannte Dosch Vorschriften zur Energieeffienz von Autos, bei denen schwere Pkw vergleichsweise gut wegkämen. Falsche Anreize würden Ingenieure nicht zum Leichtbau animieren. Auch die Normen für den Spritverbrauch hätten eine Schwachstelle. Ingenieure würden die Motorelektronik so optimieren, dass ein Auto auf dem Prüfstand gute Verbrauchswerte voweist. "In der Praxis sind die auf dem Prüfstand ermittelten Verbrauchswerte aber einfach nicht realistisch", so Dosch. "Die Politik kann die Rahmenbedingungen so setzen, dass es sich lohnt, effiziente Autos zu bauen anstatt effiziente Motorelektronik, die sich an den Vorgaben vorbeilaviert."
Kritik übte Dosch auch an der unübersichtlichen Kennzeichnung der Energieeffizienz von Kühlschränken, etwa an "chaotischen" Kategorien wie "A+++". "Die Endkunden müssen wissen, was ein ressourceneffizientes Produkt und was nicht."
Generell seien klare Maßzahlen für die Kommunikation des Themas Ressourceneffizienz wichtig. "Die Industrie bekommt alles hin, man muss ihr nur sagen, was sie tun soll. Die Politik muss nur den Mut haben, sehr klar auszudrücken, wo die Reise hingehen muss", so Dosch. Es gehe nicht nur darum, die Produkte leichter zu machen oder ‚downzusizen‘, sondern auch darum, sie langlebiger zu machen und einmal eingesetzte Ressourcen länger zu nutzen. Zahlreiche Studien, etwa der Unternehmensberatungen Roland Berger und McKinsey, hätten belegt: "Ressourceneffizienz lohnt sich, die Potenziale müssen einfach nur gehoben werden."
Paul Anciaux (EU-Kommission): "Von der Industrie wird viel verlangt"
Paul Anciaux, Policy Officer bei der Generaldirektion Unternehmen und Industrie der EU-Kommission, gab einen Überblick zur europäischen Rohstoff- und Ressourcenpolitik.
Die Kommission hat eine Liste von 14 wirtschaftlich wichtigen Rohstoffen erstellt, bei denen die Versorgung Europas gefährdet ist. Dazu gehören zum Beispiel Kobalt, Magnesium und Wolfram. Die Liste wird laut Anciaux in den kommenden drei Jahren überprüft und gegebenenfalls erweitert.
Um die Versorgung der EU mit den kritischen Rohstoffen langfristig sicherzustellen, legte die Kommission im Februar 2011 die EU-Rohstoffstrategie KOM(2011) 25 vor.
Die EU-Rohstoffpolitik setzt auf den internationalen Dialog und die Handelsabkommen mit den rohstoffexportierenden Ländern. Speziell die Zusammenarbeit mit Afrika hob Anciaux hervor. Das große, aber noch nicht voll entwickelte Rohstoffpotenzial biete Afrika Chancen für nachhaltiges Wachstum und beim Kampf gegen die Armut. Die EU-Kommission und die Afrikanische Union (AU) haben sich im Juni 2010 auf eine Zusammenarbeit in den Bereichen "Verantwortungsvolles Regieren", Infrastruktur sowie "Geologische Kenntnisse und Fähigkeiten" verständigt. Ende Januar 2012 findet hierzu eine Konferenz in Brüssel statt.
Außerdem setzt die EU auf eine verstärkte Förderung heimischer Rohstoffe. Hindernisse für den Bergbau müssten abgebaut werden, so Anciaux. Zwar läge die Zuständigkeit bei den Mitgliedsstaaten, auf europäischer Ebene könne man sich um den Austausch bemühen. Das Wissen um die eigenen Rohstoffe und die Zusammenarbeit zwischen den nationalen geologischen Diensten gelte es zu stärken.
Schließlich rückt die EU die Ressourceneffizienz und das Recycling in den Fokus, um ihre Importabhängigkeit zu verringern. "Verbesserte Recyclingquoten können den Druck auf die Primärrohstoffe mildern", so Anciaux. Derzeit prüfe die Kommission, wie sich die EU-Abfallverbringungsverordnung besser umsetzen lasse.
Im Rahmen des "Fahrplans für ein ressourcenschonendes Europa", den die Kommission im September 2011 vorgestellt hat, würden bis 2013 Indiktoren zur Senkung des Ressourcen-Einsatzes entwickelt, und zwar in einem "offenen Prozess", an dem sich die Wirtschaft beteiligen könne. Die Idee, mittelfristig konkrete Zielvorgaben für die Ressourceneffizienz auf EU-Ebene festzulegen, stößt bei den EU-Wirtschafts- und Umweltministern allerdings bislang auf Skepsis (EURACTIV.de vom 27. Dezember 2011).
Als Gemeinsamkeit der Rohstoff- und Ressourcenpolitik machte Anciaux die Bedeutung von Innovationen aus. Die Kommission strebe Innovationspartnerschaften über die gesamte Wertschöpfungskette an – vom Bergbau über das Recycling bis zu Substitution von kritischen Rohstoffen. Das Fazit des Kommissionsbeamten: "Die Herausforderungen werden nicht über Nacht verschwinden, aber die Kommission wird sie angehen."
Anciaux hob hervor, bei der Umsetzung der EU-Rohstoff- und Ressourcenstrategie werde viel von der Industrie erwartet. Auch gebe es je nach Produkt mehr oder minder große Schwierigkeiten, die Effizienz zu messen und zu steigern. "Ein typisches Handy enthält 40 bis 60 Rohstoffe, ganz oft in sehr kleinen Mengen", so Anciaux. "Für die Industrie ist es schwer, diese Rohstoffe in ihrem Lebenzyklus zu erfassen und am Ende die Ressourceneffizienz mit einer einzigen Zahl zu versehen." Die Kommission werde bei diesem Prozess helfen, etwa im Rahmen der Innovationspartnerschaften.
awr
Links
Mehr zum Thema auf EURACTIV.de:
Rohstoffpreisindex auf Allzeithoch (4. Januar 2011)
Ressourceneffizienz: EU-Umweltminister bremsen Kommission (27. Dezember 2011)
Aktuelle Dokumente zur EU-Ressourcen- und Rohstoffpolitik
EU-Kommission: Statement by Commissioner Poto?nik following the Environment Council (19. Dezember 2011)
Council of European Union: Ergebnisse des EU-Umweltministerrats (3139th Council). Pressemitteilung (19. Dezember 2011)
EU-Kommission: Fahrplan für ein ressourcenschonendes Europa (20. September 2011)
EU-Parlament: Bericht über eine erfolgreiche Rohstoffstrategie für Europa
(2011/2056(INI)). Ausschuss für Industrie, Forschung und Energie (ITRE). Berichterstatter: Reinhard Bütikofer. Angenommen am 13. September 2011. (25. Juli 2011)
EU-Kommission: Mitteilung über die Festigung der Beziehungen zwischen der EU und Afrika. COM (2010) 634 (10. November 2010)