Selenskyj: Ukraine entgeht nur knapp einer nuklearen Katastrophe

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj sagte, die Welt sei nur knapp einer Strahlenkatastrophe entkommen, nachdem die Stromversorgung des ukrainischen Atomkraftwerks Saporischschja wegen russischen Beschusses nahe der Anlage für mehrere Stunden eingestellt werden musste, was Moskau bestritt.

EURACTIV.com with Reuters
Satellite imagery of Zaporizhzhia nuclear power plant
"Russisches Roulette ist eine gute Metapher, denn die Russen drehen die Kammer des Revolvers und drohen damit, das Gehirn des Reaktors über ganz Europa auszublasen", sagte Paul Bracken, Experte für nationale Sicherheit. [Handout photo/EPA/EFE]

Die Welt sei nur knapp einer Strahlenkatastrophe entkommen, nachdem die Stromversorgung des ukrainischen Atomkraftwerks Saporischschja wegen russischen Beschusses nahe der Anlage für mehrere Stunden eingestellt werden musste, so der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj.

Selenskyj sagte, dass der russische Beschuss am Donnerstag (25. August) Brände in den Aschegruben eines nahegelegenen Kohlekraftwerks ausgelöst habe, wodurch der Saporischschja-Reaktorkomplex – Europas größte Anlage dieser Art – vom nationalen Stromnetz getrennt wurde.

Er lobte die ukrainischen Techniker:innen, welche die Anlage unter den Augen des russischen Militärs betreiben, und erklärte, dass die Stromversorgung durch Dieselgeneratoren sichergestellt wurde, die für die Kühl- und Sicherheitssysteme der Anlage unerlässlich sind.

„Wenn unser Kraftwerkspersonal nach dem Stromausfall nicht reagiert hätte, dann hätten wir bereits die Folgen eines Strahlenunfalls zu bewältigen gehabt“, sagte er in einer Abendansprache.

„Russland hat die Ukraine und alle Europäer in eine Situation gebracht, die nur einen Schritt von einer Strahlenkatastrophe entfernt ist.“

Wladimir Rogow, ein von Russland ernannter Beamter in der besetzten Stadt Enerhodar in der Nähe des Atomkraftwerks, machte die ukrainischen Streitkräfte für ein Feuer in einem Wald in der Nähe des Kraftwerks verantwortlich. Er sagte, dass die Einwohner der Gegend am Donnerstag mehrere Stunden lang keinen Strom hatten.

„Dies wurde durch die Unterbrechung der Stromleitungen vom Kernkraftwerk Saporischschja infolge der Provokationen der Selenskyj-Kämpfer verursacht“, schrieb Rogow auf Telegram. „Die Unterbrechung selbst wurde durch einen Brand und einen Kurzschluss in den Stromleitungen ausgelöst.“

Das staatliche ukrainische Atomunternehmen Energoatom erklärte, es sei die erste vollständige Trennung der Anlage vom nationalen Stromnetz gewesen, die zu einem Brennpunkt in dem sechsmonatigen Krieg geworden ist.

Russland ist im Februar in die Ukraine einmarschiert, hat das Kraftwerk im März erobert und kontrolliert es seitdem, obwohl ukrainische Techniker:innen es immer noch betreiben.

Die Vereinten Nationen bemühen sich, sich Zugang zu der Anlage zu verschaffen und haben die Entmilitarisierung des Gebiets gefordert. Beamte der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) seien „sehr, sehr nahe dran“, Saporischschja besuchen zu können, sagte der Generaldirektor der Behörde, Rafael Grossi, am Donnerstag.

Russland und die Ukraine haben sich gegenseitig beschuldigt, die Anlage zu beschießen, was die Angst vor einer nuklearen Katastrophe geschürt hat.

Expert:innen haben vor der Gefahr gewarnt, dass die Abklingbecken in denen die abgebrannten Brennelemente gelagert und gekühlt werden – oder die Reaktoren der Anlage beschädigt werden könnten. Die Unterbrechung der Stromversorgung, die für die Kühlung der Becken erforderlich ist, könnte zu einer katastrophalen Kernschmelze führen.

Paul Bracken, ein Experte für nationale Sicherheit und Professor an der Yale School of Management, erklärte, es bestehe die Sorge, dass Artilleriegranaten oder Raketen die Reaktorwände durchschlagen und die Strahlung über ein potenziell großes Gebiet verteilen könnten, ähnlich wie beim Unfall im Reaktor von Tschernobyl 1986.

Ein Ausfall der Anlage in Saporischschja könnte „Hunderte oder Tausende von Menschen töten und die Umwelt in einem weitaus größeren Gebiet bis nach Europa hinein schädigen“, so Bracken.

„Russisches Roulette ist eine gute Metapher, denn die Russen drehen die Kammer des Revolvers und drohen damit, den Reaktor in ganz Europa in die Luft zu jagen“, so Bracken.

Zusammenstöße

Russlands Bodenoffensive ist in den letzten Monaten ins Stocken geraten, nachdem seine Truppen in den ersten Wochen der Invasion aus der Hauptstadt Kyjiw zurückgedrängt worden waren, aber die Kämpfe entlang der Frontlinien im Süden und Osten dauern an.

Die russischen Streitkräfte kontrollieren einen Teil des Territoriums entlang der ukrainischen Schwarzmeer- und Asowschen Küste, während sich der Konflikt in der östlichen Donbass-Region zu einem Zermürbungskrieg entwickelt hat.

Russland erklärte, seine Streitkräfte hätten am Mittwoch einen Bahnhof in der Ostukraine angegriffen und dabei 200 ukrainische Militärangehörige getötet. Damit bestätigte es einen Angriff, bei dem nach Angaben Kyjiws 25 Zivilist:innen getötet wurden, als das Land seinen Unabhängigkeitstag feierte.

Das russische Verteidigungsministerium erklärte, eine Iskander-Rakete habe einen Militärzug am Bahnhof Chaplyne getroffen, der Waffen an die ukrainischen Streitkräfte in der östlichen Region Donbass liefern sollte.

Ukrainer:innen sagten, dass Zivilist:innen getötet wurden, als ein Haus und der Bahnhof getroffen wurden und fünf Zugwaggons in Flammen aufgingen.

Moskau bestreitet, Zivilist:innen ins Visier genommen zu haben, und Reuters war nicht in der Lage, die Berichte unabhängig zu verifizieren.

Das ukrainische Militär teilte am Freitag mit, seine Luftwaffe habe an zwei verschiedenen Orten Truppen- und Waffenkonzentrationen angegriffen.

Der Bericht kam einen Tag nachdem das russische Verteidigungsministerium erklärt hatte, die russischen Streitkräfte hätten acht ukrainische Kampfflugzeuge bei Angriffen auf Luftwaffenstützpunkte in den Regionen Poltawa und Dnipropetrowsk zerstört. Dies wäre einer der schwersten Verluste für die ukrainische Luftwaffe in den letzten Wochen.

Kyjiw hat wiederholt zusätzliche, hochwertige westliche Militärtechnik gefordert, die es zur Abwehr russischer Angriffe benötigt.

Selenskyj telefonierte am Donnerstag mit US-Präsident Joe Biden, der die Unterstützung der USA für die Ukraine gegen Russland bekräftigte, wie das Weiße Haus mitteilte.

In einem Schritt, der die westlichen Schätzungen über die hohen russischen Verluste während des Krieges untermauern dürfte, unterzeichnete Präsident Wladimir Putin am Donnerstag ein Dekret, mit dem die russischen Streitkräfte von 1,9 Millionen auf 2,04 Millionen aufgestockt werden.

Der Kreml gibt an, das Ziel sei die „Entnazifizierung“ und Entmilitarisierung der Ukraine und die Beseitigung einer vermeintlichen Bedrohung für die Sicherheit Russlands. Die Ukraine und der Westen halten dies für einen unbegründeten Vorwand für einen Eroberungskrieg.