Studie: Seenotrettung im Mittelmeer führt nicht zu mehr Flüchtlingen

Humanitäre Aktionen zur Seenotrettung auf dem Mittelmeer führen laut einer neuen Modellstudie nicht dazu, dass mehr Migranten sich auf die gefährliche Reiseroute begeben.

EURACTIV.com with AFP
The search and rescue ship Geo Barents brings 572 people in the port of Catania
Das Ergebnis widerspricht der Behauptung, dass von Wohltätigkeitsorganisationen betriebene Schiffe, die Migranten im Mittelmeer finden und retten, Menschen dazu ermutigen, ihr Leben zu riskieren, um in die Europäische Union zu gelangen. [EPA-EFE/ORIETTA SCARDINO]

Humanitäre Aktionen zur Seenotrettung auf dem Mittelmeer führen laut einer neuen Modellstudie nicht dazu, dass mehr Migranten sich auf die gefährliche Reiseroute begeben.

Das Ergebnis steht dem Argument entgegen, von NGOs betriebene Seenotrettungsschiffe im Mittelmeer würden mehr Menschen dazu ermutigen, ihr Leben zu riskieren, um auf diesem Weg in die Europäische Union zu gelangen.

Stattdessen würden Migranten durch die Verschärfung von Konflikten, Naturkatastrophen oder wirtschaftliche Not in ihren Herkunftsländern zu der gefährlichen Reise getrieben, so die Studie.

Nach Angaben der Internationalen Organisation für Migration (IOM) der Vereinten Nationen sind seit 2014 mehr als 20.000 Migranten bei dem Versuch, die zentrale Mittelmeerroute von Nordafrika nach Italien zu überqueren, ums Leben gekommen.

Eine Reihe von Schiffen, die von Wohltätigkeitsorganisationen betrieben werden, sind im Einsatz, um Migranten, die sich oft auf kaum seetauglichen Booten befinden, vor dem Ertrinken im Mittelmeer zu retten.

Die italienischen Regierungen der letzten Jahre, darunter auch die der derzeitigen rechtsextremen Ministerpräsidentin Giorgia Meloni, haben immer wieder versucht, die Arbeit der privaten Seenotretter zu blockieren oder deren Schiffe zu beschlagnahmen, mit dem Argument, sie würden Menschen zur Überfahrt animieren und so Schleppern in die Hände spielen

Die neue Studie, die in der Zeitschrift Scientific Reports veröffentlicht wurde, fand jedoch keine Belege für diesen sogenannten „Pull-Faktor“, wie Co-Autorin Ramona Rischke vom Deutschen Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung erklärte.

„Dies deutet darauf hin, dass Such- und Rettungsaktionen in erster Linie Leben retten und nicht die Migration anziehen“, sagte sie gegenüber Journalisten.

NGOs „kriminalisiert und behindert“

Die Forscher analysierten Daten der EU-Grenzschutzagentur Frontex, der Küstenwachen von Tunesien und Libyen, der IOM und von UNITED for Intercultural Action – einer gemeinnützigen Organisation, die die Identität von auf See Verschollenen erfasst.

Anschließend simulierten sie mithilfe von Prognosemodellen die Migrantenströme auf der zentralen Mittelmeerroute zwischen 2011 und 2020 und suchten nach Faktoren, die sich auf die Zahl der Überfahrten auswirken.

Die Studie ergab, dass nicht einmal die einjährige Operation Mare Nostrum der italienischen Regierung, bei der mehr als 100.000 Migranten im Mittelmeer gerettet wurden, bevor sie 2014 endete, zu mehr Überfahrten geführt habe.

Konflikte, Umweltbedingungen, Arbeitslosigkeit und Rohstoffpreise spielten jedoch eine Rolle, ebenso wie die Wetterbedingungen am Tag der Einschiffung und der Umfang des Flugverkehrs aus nordafrikanischen und nahöstlichen Ländern, so die Studie.

Die Daten zeigten auch, dass es 2017 einen Rückgang der Überfahrten gab, als die libysche Küstenwache ihre Bemühungen verstärkte, Boote mit Migranten abzufangen und im Rahmen eines umstrittenen, von der EU unterstützten Abkommens zurück nach Libyen zu schicken.

Dies sei trotz „gut dokumentierter Menschenrechtsverletzungen gegen potenzielle Migranten“ geschehen, unter anderem in Haftanstalten entlang der libyschen Küste, so die Studie.

In der ersten Hälfte dieses Jahres starben oder verschwanden 1.727 Menschen auf der zentralen Mittelmeerroute, die meisten durch Ertrinken, so das Missing Migrants Project der IOM letzte Woche.

Rischke beklagte, dass „Such- und Rettungsaktivitäten von NGOs weiterhin kriminalisiert und behindert werden“, obwohl die Zahl der „Schiffsunglücke und der registrierten Todesfälle in letzter Zeit wieder zugenommen hat.“

Im Februar hatte Italien ein Gesetz verabschiedet, das es Schiffen von NGOs verbietet, mehr als eine Seenotrettung auf einmal durchzuführen, und sie verpflichtet, in einem zugewiesenen Hafen anzulegen.