„Überlastet“: EU-Beamte fordern kürzere Arbeitszeiten
Mitarbeiter der EU-Kommission klagen über eine „extreme“ Arbeitsbelastung – just während sich die 32.000 Beschäftigte starke Behörde auf eine umfassende Überprüfung vorbereitet.
Beschäftigte der EU-Kommission verlangen kürzere Arbeitszeiten, mehr Auslands-Homeoffice und besseren Burnout-Schutz – ausgerechnet während die Behörde eine interne Reform prüft, die den Beamtenapparat grundlegend verändern könnte.
Eine Reduzierung der Arbeitszeit war das populärste Anliegen bei einer hybriden Vollversammlung am Freitag. Das Treffen, bei dem die Anliegen von tausenden Beschäftigten gesammelt wurden, war von der Frage überschattet, ob die Wochenarbeitszeit unter 40 Stunden fallen könnte.
EU-Bedienstete trafen dabei auf das Team, das die sogenannte „Large Scale Review“ der Arbeitsabläufe verantwortet.
Doch EU-Kommissar für Personal und Verwaltung, Piotr Serafin, bremste die Erwartungen sofort aus. Die Überprüfung finde vor dem Hintergrund schwieriger Verhandlungen über den nächsten EU-Haushalt statt, sagte er – und die Mitgliedstaaten seien kaum bereit, eine größere EU-Verwaltung zu finanzieren.
„Ich glaube, das Muster neue Aufgaben, keine neuen Ressourcen wird sich auch künftig fortsetzen“, sagte er laut einer Euractiv vorliegenden Aufzeichnung. „Je besser wir zeigen, dass wir uns auf neue Prioritäten einstellen können, desto glaubwürdiger sind wir in diesem Verhandlungsprozess.“
Der Kommissar erklärte, er habe die Mitgliedstaaten gebeten, im neuen Haushaltsplan 2.500 zusätzliche Stellen für die Kommission zu finanzieren. Doch ein EU-Diplomat sagte gegenüber Euractiv, die Regierungen hätten den Vorschlag bei einer jüngsten Vorstellung im Rat „fast einstimmig“ kritisiert.
Die Teilnehmenden der Kommissionssitzung konfrontierten Serafin und weitere Spitzenbeamte, die die Überprüfung leiten, mit zahlreichen Fragen zu ihren Arbeitsbedingungen.
Im Online-Tool Slido erhielt ein Teilnehmer namens Pablo 54 Zustimmungsklicks für die Feststellung, dass „in manchen Diensten die Mitarbeitenden dauerhaft überlastet sind“. Eine weitere Person beklagte eine „extreme“ Arbeitsbelastung. „Wann hört diese ‚mehr mit weniger‘-Mentalität endlich auf?“, fragte jemand. „Immer mehr Kolleginnen und Kollegen sind ausgebrannt“, merkte ein anderer an.
Eine Forderung nach mindestens 30 Tagen Telearbeit aus dem Ausland pro Jahr erhielt 141 Zustimmungsklicks. Serafin lehnte dies ab und verwies auf die derzeitige Grenze von zehn Tagen.
Auch im Saal waren die Wortmeldungen deutlich. „Wir bekommen im Arbeitsalltag nie das Gefühl, dass wir das größte Kapital der Kommission sind, weil Informationen gehortet werden, weil man uns nicht vertraut, weil die meisten emotional und intellektuell bereits völlig ausgestiegen sind“, sagte eine Beamtin namens Ivanka.
„Wir nehmen das Wohlbefinden des Personals äußerst ernst“, entgegnete Stephen Quest, der oberste Personalchef der Kommission, wies jedoch zugleich darauf hin, dass die „Large Scale Review keine Personalreform“ sei. Er schloss aber nicht aus, dass einzelne bestehende Entscheidungen angepasst werden könnten.
Quest sagte zudem, mehr als 100 Personen innerhalb der Kommission arbeiteten an der Überprüfung.
Dann rückte Catherine Day in den Fokus – die ehemalige Generalsekretärin der Kommission, die die externe Expertise für die Überprüfung koordiniert. Day sagte, sie sei in einem jüngsten Artikel von Euractiv „falsch zitiert“ worden. Darin steht, sie habe angedeutet, unbefristete Stellen im Beamtenapparat könnten abgeschafft werden. Ihre Aussagen hatten Gewerkschaften alarmiert.
„Ich habe nicht gesagt, dass es Ziel der Gruppe sei, unbefristete Stellen in der Kommission abzuschaffen. Das läge sehr weit von allem entfernt, was ich unterstützen würde“, sagte sie am Freitag.
Day, 71, sah sich außerdem mit Fragen konfrontiert, ob die Verantwortlichen der Überprüfung zu alt und zu weit weg vom aktuellen Arbeitsalltag seien.
„Sollten nicht jüngere Beamte, statt pensionierter, Teil der Gruppe sein?“, fragte ein anonymer Teilnehmer – und erhielt 126 Zustimmungsklicks. „Wen repräsentiert Day? Pensionierte Beamte?“, fragte ein anderer und bekam 100 Likes.
Day erklärte, dass sie und andere Expertinnen und Experten Außenerfahrung einbrächten und mit vielen der diskutierten Themen aus ihrer Zeit in der Institution bestens vertraut seien.
Serafin will die endgültigen Empfehlungen Ende 2026 Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und den anderen Kommissaren vorlegen.
(mm, jl)