Ukraine-Krieg könnte zu Medikamentenknappheit führen
Die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) überwacht "sehr genau" mögliche Engpässe bei Medikamenten oder medizinischem Material aufgrund des Krieges in der Ukraine. Bislang wurden jedoch keine kritischen Engpässe gemeldet.
Die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) überwacht mögliche Engpässe bei Medikamenten oder medizinischem Material aufgrund des Krieges in der Ukraine. Bislang wurden keine kritischen Engpässe gemeldet, die Gefahr besteht jedoch weiter.
Neben der Verknappung von Weizen und Rohstoffen in der EU könnte der Krieg in der Ukraine auch zu einer Verknappung von Medikamenten führen.
„Die EMA und die nationalen Behörden verfolgen sehr genau, wie sich der Krieg in der Ukraine auf die Versorgung mit Arzneimitteln in der EU auswirkt“, erklärte die EMA gegenüber EURACTIV.
Die Gesundheitsbehörde konzentriert sich auf die Verknappung von Medikamenten, die in der Ukraine und in Russland hergestellt werden, sowie auf Engpässe, die durch die erhöhte Nachfrage in den Nachbarländern entstehen, die Flüchtlinge aufnehmen.
Von den 5,7 Millionen Flüchtlingen, die seit Beginn des Krieges am 24. Februar aus der Ukraine geflohen sind, gingen drei Millionen nach Polen, 757.000 nach Rumänien und 471.000 nach Ungarn; bis zu 2,6 Millionen könnten jedoch bereits in ihre Heimat zurückgekehrt sein.
Die EMA arbeitet eng mit der EU-Behörde für die Krisenvorsorge und -reaktion bei gesundheitlichen Notlagen (European Health Emergency Response and Preparedness Authority), den Mitgliedsstaaten und den Pharmaverbänden zusammen, um tatsächliche oder potenzielle Engpässe rechtzeitig zu erkennen, so die Agentur.
Bisher wurden „keine kritischen Engpässe aufgrund des Krieges in der Ukraine gemeldet“, heißt es weiter.
Engpässe bei Arzneimitteln werden normalerweise auf nationaler Ebene von den zuständigen Behörden verwaltet. Das Mandat der EMA wurde jedoch vor kurzem erweitert und umfasst nun auch Engpässe, die zu einer „Krisensituation“ führen könnten, in der die Reaktionen der EU-Länder „koordiniert werden müssen.“
Engpässe in Russland
In Europa sind die Bestände an Arzneimitteln und medizinischer Ausrüstung derzeit zufriedenstellend.
In Russland hatten die Apotheken jedoch mit Engpässen bei im Ausland hergestelltem Insulin und anderen Diabetesmitteln zu kämpfen, berichtete die russische Tageszeitung Kommersant im März.
Nach Angaben der russischen Arzneimittelaufsichtsbehörde (Roszdravnadzor) und des russischen Apothekenverbands sind die Engpässe jedoch auf eine „dringende Verbrauchernachfrage“ zurückzuführen.
Die vom Kommersant befragten russischen Bürger:innen sagten, dass sie sich mit Vorräten eindecken wollten, um den Handels- und Wirtschaftsfolgen des Krieges vorzubeugen.
Der Krieg in der Ukraine hat auch die Pharmaindustrie des Landes in Mitleidenschaft gezogen, da der Konflikt die Versorgung mit Rohstoffen unterbrochen hat.
Obwohl Indien und China Russland mit 80 Prozent der Rohstoffe versorgen, die es für die Herstellung von Medikamenten benötigt, hat der Krieg die Lieferketten ernsthaft unterbrochen.
Europa, das normalerweise auch zu den wichtigsten Rohstofflieferanten Russlands gehört, hat Sanktionen gegen Russland verhängt, die zwar nicht direkt auf die Pharmaindustrie des Landes abzielen, aber ebenfalls Auswirkungen auf die Lieferketten haben.
Gefährdete klinische Studien
Nach Angaben der EMA hatte der Krieg erhebliche Auswirkungen auf die klinischen Studien in der Ukraine.
Bevor Russland im Februar einmarschierte, gab es in der Ukraine nach Angaben der US-amerikanischen Food and Drug Administration (FDA) etwa 250 laufende klinische Studien, darunter 117 für Krebs.
Niedrige Kosten und günstige Gesetze machen die Ukraine für Pharmaunternehmen zu einem attraktiven Standort für klinische Studien, wie die NGO Public Eye 2013 feststellte.
Doch seit Beginn des Krieges im Februar liegen die Studien aufgrund der Bombenangriffe auf Krankenhäuser, der Schwierigkeiten bei der Beschaffung von Medikamenten und der Flucht von Patienten aus dem Land auf Eis.
„Es ist schwer vorstellbar, dass die klinischen Studien reibungslos verlaufen“, sagte Patrick Durish, Experte für Gesundheitspolitik bei Public Eye, gegenüber EURACTIV.
Um Patient:innen zu helfen, die keine Behandlung erhalten konnten, hat die Koordinierungsgruppe für klinische Studien (CTFG) der EMA empfohlen, sich auf die Überweisung von Studienteilnehmer:innen an Versorgungszentren in der EU zu konzentrieren.
[Bearbeitet von Alice Taylor]