Ungarns enormes ungenutztes Geothermiepotenzial
Ungarn liegt an einem riesigen Geothermiebecken und verfügt bereits über eine Fernwärmeinfrastruktur. Trotzdem unternimmt die Regierung keine Anstrengungen, um die Vorteile dieser Technologie zu nutzen, sagen Expert:innen.
Ungarn liegt an einem riesigen Geothermiebecken und verfügt bereits über eine Fernwärmeinfrastruktur. Trotzdem unternimmt die Regierung keine Anstrengungen, um die Vorteile dieser Technologie zu nutzen, beklagen Expert:innen.
Geothermische Energie ist eine lokale, erneuerbare Technologie, die unterirdische Wärme nutzt, um die Umgebung mit Wärme, Kälte oder Strom zu versorgen.
Für Länder wie Ungarn, das im geothermisch reichen Pannonischen Becken liegt und bereits über Fernwärmenetze aus der Sowjetzeit verfügt, ist die Geothermie eine potenziell kostengünstige und saubere Alternative zu fossilen Brennstoffen zum Heizen.
„Aufgrund seiner besonderen geologischen Gegebenheiten verfügt Ungarn über sehr günstige natürliche Bedingungen für die geothermische Energieerzeugung“, sagte Sandor Ronai, ein ungarischer Europaabgeordneter der oppositionellen linken Partei Demokratikus Koalícíó (Demokratische Koalition).
„Allerdings spielt die Geothermie auf dem ungarischen Energiemarkt noch immer eine unverhältnismäßig geringe Rolle“, fügte er hinzu.
Heute seien mehr als 650.000 ungarische Haushalte an Fernwärmenetze angeschlossen, so der Abgeordnete. „Diese Häuser könnten alle mit geothermischer Energie beheizt werden“, bemerkte er.
Vier Fliegen mit einer Klappe schlagen
Der Aufbau geothermischer Kapazitäten in Ungarn würde dazu beitragen, vier Ziele zugleich zu erreichen: den schrittweisen Ausstieg aus russischen fossilen Brennstoffen, die Schaffung einer stabilen, lokalen Energiequelle, die Verringerung der Treibhausgasemissionen und die Senkung der Energiepreise für die Verbraucher:innen.
Ungarn ist in besonderem Maße von ausländischen Energielieferungen abhängig. 85 Prozent seines Gasverbrauchs werden von russischen Lieferungen gedeckt, wobei es als Binnenland schwierig ist, alternative Energieträger wie Flüssiggas (LNG) zu importieren.
„Unserer Ansicht nach könnte die Geothermie Ungarn definitiv helfen, sich von Russland zu lösen, wenn dies ein Ziel unserer Regierung wäre. Vor allem, wenn man bedenkt, dass in Ungarn viele Haushalte mit Erdgas beheizt werden. Wenn wir also auf Erdwärme umsteigen, werden wir deutlich weniger Gas benötigen“, so Ronai.
Heute trägt die geothermische Energie nur zu knapp 2 Prozent zum ungarischen Wärmebedarf bei, und nur etwa 30 Gemeinden in Ungarn nutzen sie für diesen Zweck.
Das Haupthindernis ist der fehlende politische Wille, was laut Ronai ein allgemeines Problem der derzeitigen ungarischen Regierung ist, wenn es um erneuerbare Energien geht.
Im Moment konzentriere sich Budapest mehr auf die Erhöhung der Lieferungen von fossilem Gas und Kernenergie, beispielsweise mit dem laufenden Bau des in Russland hergestellten Kernreaktors Paks 2, so Ronai gegenüber EURACTIV.
„Dies vertieft nur unsere Abhängigkeit von Russland, was für die derzeitige pro-russische Regierung in Budapest leider von großer Bedeutung ist“, sagte er.
Diese Bedenken werden von Mihály Kurunczi vom ungarischen Wärmeenergieverband MTT geteilt. Ihm zufolge sind die Interessen des Landes an fossilem Gas das größte Hindernis für den Ausbau der ungarischen Geothermiekapazität.
„Hier in Ungarn ist die Regierung selbst im Gasgeschäft tätig“, sagte Kurunczi gegenüber EURACTIV. „Es gibt 21 Gashandelsunternehmen in diesem kleinen Land, und der Staat hat Geschäftsinteressen an der Hälfte von ihnen“, betonte er.
Um die Preise während der Gaskrise niedrig zu halten, so Kurunczi, habe die Regierung „enormes politisches Kapital“ in die Deckelung der Energiepreise für Haushalte gesteckt, was Expert:innen zufolge in diesem Jahr bis zu 3,45 Milliarden Euro an Steuergeldern kosten könnte.
„Unter diesem Gesichtspunkt ist es vielleicht nicht immer im Interesse der Politik, Erdgas durch lokale Energie zu ersetzen“, sagte Kurunczi. „Wenn die Verbraucher:innen ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen, sind sie natürlich nicht mehr so abhängig vom Erdgas“, fügte er hinzu.
Ungarns riesiges geothermisches Potenzial
Derzeit nutzt Ungarn in seinen berühmten 260 Thermalbädern etwa die gleiche Menge an gefördertem Wasser für therapeutische Zwecke wie für die Gewinnung von Wärmeenergie.
Expert:innen schätzen, dass in Ungarn jährlich etwa 80-90 Millionen Kubikmeter Thermalwasser mit einer Temperatur von mehr als 30 Grad Celsius aus einer Tiefe zwischen 300 und 2.500 Metern gefördert werden.
Etwa ein Drittel davon wird abgekühlt und als Trinkwasser verwendet, etwa ein weiteres Drittel wird in den berühmten 260 Thermalbädern des Landes genutzt, der Rest dient der Energiegewinnung. Dies entspricht knapp 0,4 Prozent des gesamten jährlichen Primärenergiebedarfs des Landes und macht etwa 1,5 Prozent des Heizenergiebedarfs aus.
Die von MTT durchgeführten Modellrechnungen legen nahe, dass Ungarn pro Jahr etwa 380-400 Millionen Kubikmeter Thermalwasser mobilisieren könnte.
In Verbindung mit dem Einsatz von Wärmepumpen könnte der Anteil der Geothermie an der ungarischen Energieversorgung auf 10 Prozent und am Wärmebedarf auf ein Viertel steigen, so der Verband.
Das erforderliche Investitionsniveau, um die Vorteile einer verstärkten Nutzung der Geothermie zu erreichen, wäre laut einem Vorschlag des Verbands der Organisationen für erneuerbare Energien (MESZSZ) für 2019 überschaubar.
„Öffentliche Investitionen sind eindeutig für die Umstellung auf Fernwärme erforderlich, aber auch für Häuser mit individuellen Heizsystemen ist aufgrund der hohen Investitionskosten eine erhebliche öffentliche Unterstützung notwendig“, so Ronai.
„Öffentliche Investitionen sind eindeutig für die Umstellung auf Fernwärme erforderlich, aber auch für Häuser mit individuellen Heizsystemen bedarf es wegen der hohen Investitionskosten erheblicher öffentlicher Unterstützung“, sagte Ronai.
„Obwohl sie langfristig billiger sind, bleiben die Investitionskosten ohne öffentliche Subventionen und Anreize so hoch, dass sich die meisten Haushalte die Umstellung auf Erdwärme nicht leisten können“, fügte er hinzu.
Nach ihren Berechnungen könnte Ungarn mit einer jährlichen Investition von etwa 61,3 Millionen Euro (24,75 Milliarden Forint) in vierzig Jahren 53 Petajoule pro Jahr (PJ/Jahr) an Wärmeenergie aus geothermischen Quellen gewinnen. Dies entspricht nach Schätzungen von Fachleuten einer Gesamtinvestition von etwa 2,45 Milliarden Euro über vier Jahrzehnte.
In der letzten öffentlich zugänglichen Fassung des 386-seitigen ungarischen Corona-Konjunkturprogramms, das Budapest 7,2 Milliarden Euro an Zuschüssen und 9,6 Milliarden Euro an rückzahlbarer Unterstützung bringen könnte, wird die Geothermie jedoch nur dreimal erwähnt.
Der Plan wird derzeit von der Europäischen Kommission aus rechtsstaatlichen Gründen blockiert, und es gibt keine Anzeichen dafür, dass dieser Stillstand in nächster Zeit überwunden wird.
„Der ungarische Staat muss ehrgeizigere Ziele sowohl für erneuerbare Energien als auch für Energieeffizienz setzen. Ohne die richtigen Anreize und finanzielle Unterstützung wird sich die geothermische Energie nicht durchsetzen“, sagte Ronai.
EURACTIV hat sich mehrfach an die zuständigen Ministerien gewandt, aber bisher noch keine Antwort auf die Frage erhalten, warum nicht mehr in die Geothermie investiert wird.
[Bearbeitet von Frédéric Simon]