Langsame Genehmigungen bei Windkraft stehen Klimazielen im Weg

Komplexe und langwierige Genehmigungsverfahren verzögern den Ausbau der Windenergie in Europa. Das bedeutet, dass die EU ihre Klimaziele wahrscheinlich verfehlen wird und noch länger von unzuverlässigen Gaslieferungen abhängig sein wird, warnt die Windindustrie.

EURACTIV.com
Wind turbine
Die Windindustrie fordert die EU auf, die Genehmigungsverfahren zu vereinfachen, Innovationen zu fördern und negative Ausschreibungen zu vermeiden. [<a href="https://pixabay.com/users/distelapparath-2726923/" target="_blank" rel="noopener">Markus Distelrath / Pixabay</a>]

Komplexe und langwierige Genehmigungsverfahren verzögern den Ausbau der Windenergie in Europa. Dadurch wird die EU ihre Klimaziele wahrscheinlich verfehlen und noch länger von unzuverlässigen Gaslieferungen abhängig sein wird, warnt die Windindustrie.

Der jüngste Bericht des Branchenverbands WindEurope, der am Donnerstag (24. Februar) veröffentlicht wurde, zeichnet ein düsteres Bild einer angeschlagenen europäischen Windindustrie – und das in einer Zeit, in der die Staats- und Regierungschefs der EU zu mehr erneuerbaren Energien aufrufen, um die Energiekrise zu lindern.

„Land ist nicht das Problem. Die Finanzierung ist nicht das Problem. Die Technologie ist nicht das Problem. Die öffentliche Meinung ist nicht das Problem. Es ist eifach nur die Komplexität der Genehmigungsverfahren“, sagte der CEO von WindEurope Giles Dickson gegenüber EURACTIV.

Dem Bericht zufolge hat die EU im Jahr 2021 11 Gigawatt an Windenergie installiert und es wird erwartet, dass bis 2026 durchschnittlich 17,6 Gigawatt installiert werden.

Das ist weniger als die 32 Gigawatt, die nach Ansicht der Industrie benötigt werden, um das Ziel der EU zu erreichen, bis 2030 einen Anteil von 40 Prozent an erneuerbaren Energien in ihrem Energiemix zu erreichen.

Obwohl 2021 mit einer Gesamtkapazität von 189 Gigawatt in der EU ein neues Rekordjahr für Windkraftanlagen war, lag der Fortschritt 11 Prozent unter den Prognosen der Windindustrie vom letzten Jahr, so der Bericht.

Obwohl die Windenergie in Europa in den nächsten zehn Jahren voraussichtlich wachsen wird, wird sie aufgrund von Problemen rund um Lieferkette und bei den Genehmigungen nicht annähernd so stark zunehmen wie benötigt, heißt es in dem Bericht weiter.

Die Bedenken der Industrie werden von den politischen Entscheidungsträger:innen der EU geteilt. Letzte Woche forderte das Europäische Parlament eine rasche Einführung von Offshore-Kapazitäten für erneuerbare Energien und schnellere Genehmigungsverfahren.

„Die Genehmigungsverfahren dauern im Moment zu lange. Wenn wir es nicht anders und viel schneller machen, werden wir unsere Ziele nicht erreichen“, sagte der federführende Gesetzgeber für dieses Thema, Morten Petersen.

Um dieser Hürde ein Ende zu setzen, fordert die Europäische Kommission die EU-Länder auf, die EU-Richtlinie für erneuerbare Energien von 2018 umzusetzen, die im Juli dieses Jahres hätte in Kraft treten sollen. Diese schreibt vor, dass Genehmigungen innerhalb von zwei Jahren nach Antragstellung erteilt werden müssen.

Bei einer Diskussion im Europäischen Parlament über die EU-Strategie für erneuerbare Energien im Offshore-Bereich sagte Energiekommissarin Kadri Simson, dass die Erteilung von Genehmigungen „eine der größten Herausforderungen“ für erneuerbare Energien sei.

Um dieses Problem anzugehen, wird die EU-Exekutive im Juni weitere Leitlinien für bewährte Praktiken vorlegen, um die, wie sie es nannte, „übermäßig komplexen und langwierigen Verwaltungsverfahren“ anzugehen.

Die Industrie gerät ins Stocken

Die Genehmigungsprobleme gefährden nicht nur die Klimaziele der EU, sie schaden auch der europäischen Windindustrie. In Europa gibt es fünf Hersteller von Windturbinen, wobei vier von ihnen zurzeit rote Zahlen schreiben, so Dickson.

„In den letzten zwei Jahren musste die Industrie Produktionsstätten für Turbinen und Komponenten in Deutschland, Spanien und Dänemark – Europas traditionellen Hochburgen der Windindustrie – schließen“, so WindEurope in einem Brief an die Präsidentin der Europäischen Kommission, Ursula von der Leyen, Anfang dieser Woche.

Der Industrieverband warnte die EU-Exekutive, dass der europäische Markt zu klein sei, um die Industrie am Leben zu erhalten. Es bestehe die Gefahr, dass sie gegenüber der chinesischen Konkurrenz an Boden verliere.

Um dies zu verhindern, fordert die Industrie die EU auf, die Genehmigungsverfahren zu vereinfachen, Innovationen zu fördern und negative Ausschreibungen zu vermeiden, bei denen die Windindustrie für die Rechte zum Bau eines Windparks zahlen muss.

Ehrgeiz und Realität

Trotz der Probleme mit den Genehmigungsverfahren seien die Ziele der EU-Länder für den Ausbau der Windenergie tatsächlich ehrgeizig, so Dickson gegenüber EURACTIV.

Schweden hat mit 2,1 Gigawatt Windkraftleistung im Jahr 2021 den größten Anteil an neuen Windkraftanlagen in der EU, dicht gefolgt von Deutschland (1,9 Gigawatt) und den Niederlanden (1,3 Gigawatt).

Auch Mittel- und Osteuropa setzt auf die Windenergie. Lettland, Litauen und Estland haben sich große Ziele gesetzt und sind dabei, diese zu erreichen. So hatte Litauen im letzten Quartal 2021 die meisten Aufträge für die Entwicklung Windparks.

Auch Polen hat ehrgeizige Pläne für die Offshore-Windkraft. Die neuesten Ausbaupläne sollen bis Ende 2026 umgesetzt werden. Auch in Kroatien, Bulgarien und Rumänien sieht es gut aus, auch wenn Ungarn, die Slowakei und die Tschechische Republik nicht so ehrgeizig sind.

Außerdem bemühen sich die EU-Länder, das Thema Genehmigungen in Angriff zu nehmen. Italien hat ein Dekret dazu veröffentlicht und Frankreich hat Maßnahmen ergriffen.

Unterdessen prüft Deutschland eine Vereinfachung der Regeln und Verfahren, um das Ziel der neuen Regierung zu erreichen, ab nächstem Jahr 5 Gigawatt und ab 2027 10 Gigawatt Windkraftanlagen an Land zu installieren.

Doch die Windparkbauer in Deutschland und anderen EU-Ländern sehen sich mit einem weiteren Problem konfrontiert: dem Widerstand von Anti-Windkraft-Gruppen, die sich in den letzten Jahren besser organisiert haben und finanziell besser ausgestattet sind.

„Es gibt einen Zusammenhang zwischen der Komplexität der Genehmigungsverfahren und den rechtlichen Herausforderungen, mit denen wir oft konfrontiert werden. Denn je komplexer das Antragsformular ist, desto leichter ist es für einen gut bezahlten Anwalt, etwas in dem Formular zu finden, das Sie nicht ganz korrekt ausgefüllt haben“, sagte Dickson.

Als Antwort auf die Kritik an den Auswirkungen der Windindustrie auf die Artenvielfalt, die oft die Grundlage für Rechtsstreitigkeiten ist, sagte Dickson, dass die Installateure die Flugrouten von Zugvögeln meiden und oft Sensoren installieren, um zu verhindern, dass sie die Turbinen treffen. Windturbinen können auch der Artenvielfalt zugutekommen, denn Offshore-Turbinen seien gut für Mollusken, die wiederum zum Wachstum der Fischbestände beitragen, fügte er hinzu.

Die EU-Richtlinie über erneuerbare Energien wird derzeit überarbeitet und sieht unter anderem schnellere Genehmigungsverfahren für Windparks und den Ausbau des Stromnetzes vor.

[Bearbeitet von Frédéric Simon]