Wirtschaftsprüfung: Barnier gegen die "großen Vier"

Im EU-Parlament bahnt sich eine neue "Lobby-Schlacht" an. Die EU-Kommission will die Dominanz der vier großen Wirtschaftsprüfungsgesellschaften brechen. Ein Interessenverband der "Big Four" fordert deutliche Änderungen der EU-Pläne. Auch mit britischem Widerstand wird gerechnet. Die Grünen wittern schon jetzt eine Verwässerung der Maßnahmen.

„Die Krise hat das Vertrauen der Verbraucher in Abschlussprüfungen erschüttert“, meint EU-Binnenmarktkommissar Michel Barnier. Mit seiner Reform des Abschlussprüfungsmarktes stößt er auf massive Kritik. Foto: EC.
"Die Krise hat das Vertrauen der Verbraucher in Abschlussprüfungen erschüttert", meint EU-Binnenmarktkommissar Michel Barnier. Mit seiner Reform des Abschlussprüfungsmarktes stößt er auf massive Kritik. Foto: EC.

Im EU-Parlament bahnt sich eine neue „Lobby-Schlacht“ an. Die EU-Kommission will die Dominanz der vier großen Wirtschaftsprüfungsgesellschaften brechen. Ein Interessenverband der „Big Four“ fordert deutliche Änderungen der EU-Pläne. Auch mit britischem Widerstand wird gerechnet. Die Grünen wittern schon jetzt eine Verwässerung der Maßnahmen.

KPMG, Ernst & Young, Deloitte und PricewaterhouseCoopers (PwC) beherrschen den Markt für Wirtschaftsprüfung. EU-Binnenmarktkommissar Michel Barnier will mit einem Gesetzespaket die Dominanz der "großen Vier" brechen, die praktisch alle großen Konzerne weltweit prüfen. Mit den Vorschlägen "wird auf einem Markt, der insbesondere an der Spitze zu stark konzentriert ist, größere Diversität angestrebt", erklärte der französische Kommissar bei der Vorstellung der Gesetzesinitiative am Dienstag. Die neuen Regeln sollen in drei bis fünf Jahren greifen.

EU-Parlament und Mitgliedsstaaten müssen dem Kommissionsvorschlag noch zustimmen. Erwartet wird der Widerstand Großbritanniens, wo die "großen Vier" ihren Europasitz haben. 

Dem Kommissions-Entwurf zufolge dürfen Unternehmen nicht mehr festlegen, dass eine der vier großen Gesellschaften die Prüfung vornehmen muss. Auch müssen die Unternehmen nach spätestens sechs Jahren einen anderen Prüfer beauftragen ("Obligatorische Rotation"). Wenn zwei Gesellschaften die Bilanz prüfen, kann die Frist auf neun Jahre verlängert werden. Kleinere Prüfungsgesellschaften sollen auf diese Weise bessere Marktchancen bekommen. Ursprünglich hatte die Kommission eine Pflicht zur Beschäftigung von zwei Prüfern geplant. 

"Vertrauen in die Abschlüsse wiederherstellen"

Die Kommission will mit den Vorschlägen auch die Qualität der Prüfungen verbessern. "Die Finanzkrise des Jahres 2008 hat die Schwächen des europäischen Systems der Abschlussprüfungen deutlich zu Tage treten lassen", heißt es zur Begründung. "Einige große Finanzinstitute erhielten bei Abschlussprüfungen unmittelbar vor und während der Krise uneingeschränkte Bestätigungsvermerke, und das trotz der erheblichen immanenten Schwächen hinsichtlich ihrer finanziellen Solidität."

Beispielsweise bemerkte Ernst & Young anscheinend nicht die desaströse Lage der US-Bank Lehman Brothers, deren Pleite das Weltfinanzsystem ins Straucheln brachte. Auch in aktuellen Kontrollberichten der nationalen Aufsichtsbehörden werde die Qualität der Abschlussprüfungen kritisiert, heißt es aus Brüssel. 

Um Interessenkonflikte der Prüfer zu vermeiden, schlägt die Kommission vor, dass sie für ihre Mandanten keine prüfungsfremden Leistungen erbringen dürfen. Bislang stand der Verdacht im Raum, dass Unternehmen ihre Wirtschaftsprüfer zu ‚laxeren‘ Bilanz-Kontrollen bewegen können, indem sie bei diesen beispielsweise zusätzliche Beratungsleistungen einkaufen.

Zudem sollen große Prüfungsgesellschaften nach dem Willen der Kommission ihre Prüfungstätigkeiten von den prüfungsfremden Leistungen trennen, um jede Gefahr von Interessenkonflikten auszuschließen.

Die Kommission schlägt außerdem eine Koordinierung der Prüferaufsicht im Rahmen der Europäischen Wertpapier- und Marktaufsichtbehörde (ESMA) vor. "Wir müssen das Vertrauen in die Abschlüsse von Unternehmen wiederherstellen", so Barnier.

Reaktionen


EU-Parlament

Grüne: Lobbying der Finanzindustrie zeigt Dringlichkeit starker Regulierung

Sven Giegold, finanz- und wirtschaftspolitischer Sprecher der Grünen im EU-Parlament, erklärte: "Dem Oligopol der Prüfer, das schon in der Finanzkrise versagt hat, ist es gelungen, die Gesetzesvorschläge der Kommission auszuhöhlen und zu verwässern. Dies zeigt einmal mehr, dass die Marktmacht der vier großen Wirtschaftsprüfungsunternehmen gebrochen werden muss. Unabhängig davon, ob die unzureichenden Prüfungen Folge von Selbstgefälligkeit, Interessenkonflikten oder Fahrlässigkeit sind, ist eine stärkere Regulierung essentiell. Nachdem die Vorschläge der Kommission zurechtgestutzt wurden, ist es nun Aufgabe des Europaparlaments, unabhängig vom Lobbydruck eine härtere Regulierung sicherzustellen."

"Auflagen zur obligatorischen gemeinsamen Prüfung durch verschiedene Prüfer wären ein wichtiger Schritt zur Verringerung der Dominanz der ‚großen Vier‘. Außerdem müssen Unabhängigkeit, striktere Überwachung und eine höhere Qualität der Audits gewährleistet werden. Das Europaparlament hat zuvor schon die Entwicklung eines europaweiten Haftungsregimes für den Berufsstand und eine gründliche Untersuchung des Marktes für Abschlussprüfungen durch die EU-Wettbewerbsbehörde gefordert. Wir bedauern, dass dies nicht in die endgültigen Vorschläge der Kommission eingeflossen ist. Die Grünen werden im Gesetzgebungsprozess für diese Punkte kämpfen."

"Die Trennung von Wirtschaftsprüfungs- und anderen Dienstleistungen ist ein entscheidender und begrüßenswerter Schritt, um Interessenkonflikte zu vermeiden. Neben der obligatorischen Rotation von Wirtschaftsprüfern müssen aber Alternativen zur Praxis entwickelt werden, dass die Unternehmen ihre Prüfer selbst bezahlen und bestimmen. Wir begrüßen, dass die Europäische Wertpapier- und Marktaufsichtsbehörde (ESMA) eine neue aufsichtsrechtliche Rolle einnehmen wird."

Wirtschaftsverbände

IDW: "Vorschläge wirken mittelstandsfeindlich"

Das deutsche Institut der Wirtschaftsprüfer (IDW) – ein Interessenverband, in dem die "vier Großen" Mitglied sind – übte scharfe Kritik an Barniers Plänen."Die nunmehr vorliegenden Vorschläge der EU-Kommission nutzen bestehende Möglichkeiten nur unzureichend und setzen falsche Schwerpunkte", erklärte IDW-Vorstandssprecher Klaus-Peter Naumann. "Auch führen die Vorschläge der EU-Kommission zu einer erhöhten Konzentration im Prüfungsmarkt", so Neumman. "Sie wirken damit mittelstandsfeindlich." Im europäischen Gesetzgebungsprozess seien deutliche Veränderungen erforderlich. Barniers Pläne seien ein "Irrweg ohne Beispiel".

Besonders kritisch sieht das IDW die geplante Pflicht zur Rotation der Prüfer. "Wir müssen befürchten, dass im Falle der verpflichtenden Rotation mehr Prüfungsmandate zu den großen Prüfungsgesellschaften wechseln als umgekehrt. Eine erhöhte Konzentration im Prüfungsmarkt wäre die Folge", erklärte Naumann. Zudem belegten alle bisherigen Studien, dass die externe Rotation die Prüfungsqualität belastet.

Wp.net: "Viele gute Ansätze"

Der Verband mittelständischer Wirtschaftsprüfer (wp.net) begrüßte dagegen den EU-Entwurf: "Die Vorschläge der EU-Kommission geben viele gute Ansätze, um die Qualität der Abschlussprüfungen deutlich zu erhöhen und die Rolle der Abschlussprüfer zu stärken", erklärte Johannes von Waldthausen, geschäftsführender Vorstand von wp.net. Insbesondere die Vorschläge zur Einführung einer obligatorischen Rotation der Prüfungsgesellschaften stoßen bei dem Verband auf Zustimmung, der nach eigenen Angaben rund 1100 kleinere und mittelständische Unternehmen für Wirtschaftsprüfung vertritt. Kritisch sieht der Verband allerdings die Tatsache, dass die Kommission in ihren Vorschlägen auf die verbindliche Einführung der gemeinsamen Abschlussprüfung verzichtet hat. "Nach wie vor sind wir davon überzeugt, dass die Unabhängigkeit des Abschlussprüfers und die Prüfungsqualität durch Joint Audits maßgeblich verbessert werden", so von Waldthausen.

awr

Einen englischsprachigen Artikel zum Thema finden Sie hier.

Links


Dokumente

EU-Kommission: Wiederherstellung des Vertrauens in Abschlüsse: Europäische Kommission strebt mehr Qualität, Dynamik und Offenheit auf dem Markt für Abschlussprüfungen an. Pressemitteilung (30. November 2011)

EU-Kommission: Reforming the Audit Market – Frequently Asked Questions. Memo 11/856 (30. November 2011)

EU-Kommission: "Reform des Abschlussprüfungsmarktes". Übersicht über die Kommissionsvorschläge.

Mehr zum Thema auf EURACTIV.de

EU will Macht der vier großen Wirtschaftsprüfer brechen (11. Februar 2011)