Zerstörter Staudamm: Ukraine fürchtet Verluste im Agrarsektor
Die Zerstörung des Kachowka-Damms, die zu schweren Überschwemmungen in Teilen der Ukraine geführt hat, dürfte nach Angaben der Regierung in Kyjiw die landwirtschaftliche Produktion und Exporte beeinträchtigen.
Die Zerstörung des Kachowka-Damms, die zu schweren Überschwemmungen in Teilen der Ukraine geführt hat, dürfte nach Angaben der Regierung in Kyjiw die landwirtschaftliche Produktion und Exporte beeinträchtigen.
Bei einem Anschlag wurde der große Staudamm im Süden der Ukraine am Dienstag (6. Juni) zerstört, wodurch zwei Dutzend Dörfer überflutet wurden und 17.000 Menschen evakuiert werden mussten.
Abgesehen von den unmittelbaren humanitären Folgen könnten die Überschwemmungen auch erhebliche Auswirkungen auf die landwirtschaftliche Produktion des Landes haben, wie mehrere Ministerien warnten.
In einer am Mittwoch veröffentlichten Erklärung schätzt das ukrainische Landwirtschaftsministerium, dass allein am ukrainisch kontrollierten rechten Ufer des Dnipro rund 10.000 Hektar landwirtschaftliche Nutzfläche von Überschwemmungen betroffen sein werden und „ein Vielfaches mehr am linken Ufer“, das sich derzeit unter russischer Kontrolle befindet.
„Detaillierte Informationen werden in den kommenden Tagen nach der Analyse von Informationen und Bildern über das Ausmaß der Überschwemmung bekannt werden“, heißt es in der Erklärung.
Das Ministerium warnte auch vor Unterbrechungen der Wasserversorgung von „31 Bewässerungssystemen“ für Felder in den Regionen Dnipropetrowsk, Cherson und Saporischschja.
Weitreichende Auswirkungen
„Die Auswirkungen werden mehrere Dimensionen haben“, sagte der stellvertretende Wirtschaftsminister Taras Kachka am Dienstag gegenüber Reportern in Brüssel. Dies schließe auch Schäden an der Bewässerung ein.
Kachka erklärte zwar, dass der Dammbruch nicht den gesamten Agrarsektor des Landes beeinträchtigen werde, da „alle Regionen der Ukraine für die Landwirtschaft sehr wichtig sind“, der Schaden für die Nahrungsmittelproduktion werde aber „nicht zu unterschätzen sein.“
Kachka wies auch auf die Auswirkungen des Vorfalls auf die Verkehrsinfrastruktur und damit auf künftige Agrarexporte über den Fluss Dnipro und das Schwarze Meer hin.
Aktuell liegt das Schwarzmeer-Abkommen zwischen Kyjiw und Moskau, welches den Export ukrainischen Getreides über die Schwarzmeerhäfen ermöglichen sollte, ukrainischen Angaben zufolge auf Eis, da Russland die Registrierung von Schiffen in ukrainischen Häfen blockiert hat.
Sobald jedoch die Schwarzmeerhäfen nicht mehr blockiert seien, könne es aufgrund der entstandenen Schäden durch den Dammbruch schwieriger werden, die Exporte wieder anzukurbeln, so Kachka.
Olja Korbut, Mitarbeiterin des Zentrums für Europäische Politikanalyse (CEPA), sagte ebenfalls in einer Erklärung, dass der Angriff nicht nur die Ukraine, sondern auch die übrigen Schwarzmeerländer betreffen werde.
„Durch die Zerstörung der Bewässerungssysteme in der landwirtschaftlich geprägten Südukraine wird die ohnehin schon geringe Exportkapazität des ukrainischen Getreides noch weiter sinken“, fügte sie hinzu.
Das Landwirtschaftsministerium warnte unterdessen auch vor „negativen Folgen“ für die Fischerei. So sei bereits jetzt Fischsterben beobachtet worden. „Die Laichzeit ist soeben zu Ende gegangen, und als Folge des sinkenden Wasserspiegels wird der Laich in den flachen Gebieten austrocknen“, heißt es in der Erklärung.
Außerdem könnten 95.000 Tonnen ausgewachsener Fische verenden, so die Schätzung des Ministeriums.
Agrarexporte sind eine wichtige Einnahmequelle für die Ukraine, vor allem in Anbetracht des wirtschaftlichen Rückschlags, den der russische Angriffskrieg dem Land beschert hat.
Während Moskau und Kyjiw sich gegenseitig für die Zerstörung des Staudamms verantwortlich machen, sind sich die meisten Experten einig, dass ein russischer Angriff das deutlich wahrscheinlichere Szenario ist, und auch die EU hat die Zerstörung als einen russischen Angriff verurteilt.
„Wir bekräftigen unsere Unterstützung für den Friedenskurs von Präsident Selenskyj, der auch die Rechenschaftspflicht für Kriegsverbrechen, die nukleare Sicherheit, die Energiesicherheit, die Lebensmittelsicherheit und den Schutz der Umwelt umfasst“, erklärten der EU-Chefdiplomat Josep Borrell und der für Krisenmanagement zuständige Kommissar Janez Lenarčič.
Für Kachka zeigen der Vorfall und der entstandene Schaden für die Lebensmittelproduktion, „dass Russland kein Interesse an der Entwicklung der Ukraine hat.“
„Was sie wollen, ist einfach alles zu zerstören und so viel Schaden wie möglich anzurichten“, fügte er hinzu.
Die EU und viele ihrer Mitgliedstaaten haben Russland seit Beginn des Krieges wiederholt vorgeworfen, Lebensmittel als Waffe einzusetzen.
Gerardo Fortuna und Alexandra Brzozowski trugen zu diesem Bericht bei.
(Bearbeitet von Natasha Foote/Nathalie Weatherald)