Die Ukraine kann Russland besiegen - und zwar so

Trotz anhaltender westlicher Skepsis kann die Ukraine gewinnen und Russland in seinem Angriffskrieg besiegen, schreiben die Europaabgeordneten Viola von Cramon-Taubadel, Nicola Beer und Michael Gahler.

Euractiv.com
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Ukrainische Soldaten schießen aus einer erbeuteten russischen 152,4 mm Haubitze Msta-B an einer Frontlinie in der Nähe der Stadt Kupyansk im Gebiet von Charkiw, Ukraine, 06. Oktober 2022 inmitten der russischen Militärinvasion. [EPA-EFE/SERGEY KOZLOV]

Trotz anhaltender westlicher Skepsis kann die Ukraine gewinnen und Russland in seinem Angriffskrieg besiegen, schreiben die Europaabgeordneten Viola von Cramon-Taubadel, Nicola Beer und Michael Gahler.

Viola von Cramon-Taubadel (Grüne/EFA) ist Schattenberichterstatterin für die Ukraine. Nicola Beer (Renew) ist die Vizepräsidentin des Europäischen Parlaments. Michael Gahler (EVP) ist Berichterstatter für die Ukraine.

Obwohl die ukrainische Verteidigung wiederholt alle düsteren Prognosen über ihre Chancen widerlegt hat, bleibt Skepsis über die Fähigkeit der Ukraine, den Krieg zu gewinnen, weit verbreitet.

Nach der brillanten Operation zur Befreiung von Teilen der Regionen Charkiw und Cherson ist es nun an der Zeit, dass der Westen den gleichen Mut an den Tag legt wie die Ukrainer:innen, als sie begannen, an die Fähigkeit ihres Landes zu glauben, den Krieg zu gewinnen. Er muss genügend Ressourcen bereitstellen, um diesen Horror zu beenden.

Russland hat Verluste erlitten. Es verlor die Kämpfe um die Eroberung von Kyjiw, Charkiw, Mykolajiw und Tschernihiw, zog seine Truppen aus der Nordukraine zurück, gab die Kontrolle über das nordwestliche Schwarze Meer ab und versuchte, einen Teil seiner Truppen aus Isjum-Kupiansk zu retten.

Putins Regime besteht darauf, dass diese Schritte „Gesten des guten Willens“ gewesen seien. In Wirklichkeit hat Russland jedoch seine Truppen aus diesen Schlachten abgezogen, als ein Verharren nur noch mehr Verluste bedeutet hätte.

Trotz alledem glaubt der Westen immer noch nicht, dass die Ukraine die russische Invasion militärisch zurückschlagen kann. Diese Überzeugung besteht schon seit dem 24. Februar, aber sie basiert nicht auf Fakten und objektiven militärischen Analysen.

Diese Meinung besagt, dass Russland einfach zu groß und zu stark sei, um militärisch besiegt werden zu können; deshalb auch all die Vorhersagen, dass die Ukraine innerhalb von Tagen oder Wochen fallen würde.

Doch egal, wie oft diese Annahmen widerlegt wurden, hält sich dieser Glaube hartnäckig.

Es gibt Politiker:innen in der demokratischen Welt, die offen an einen ukrainischen Sieg glauben, während andere an ihrer alten Angst vor der russischen Macht festhalten.

Ein schnelles und diplomatisches Ende dieses Krieges wäre wunderbar gewesen, aber Moskau hat keine Begriffe wie Zugeständnisse oder Kompromisse in seinem Wortschatz. Realistischerweise hängen ehrliche Verhandlungen davon ab, dass Russlands militärische Macht so weit zurückgeht, dass es keines von Putins Zielen in der Ukraine erreichen kann.

Wir können diesen Punkt erreichen. Und das müssen wir – so schnell wie möglich.

Es besteht kein Zweifel, dass Russland über kolossale Waffen- und Munitionsvorräte verfügt. Allerdings stammt das Rückgrat der russischen Militärmacht noch aus Sowjetzeiten und diese Vorräte haben ihre Grenzen. Wenn Russland seine wichtigen Vorräte zur Neige gehen, wird es seinen Angriffskrieg gegen die Ukraine nicht fortsetzen können.

Seit Mai setzt Russland Raketen ein, die auf Schiffe ausgelegt und gegen Bodenobjekte sehr unpräzise sind. Im Juli ging Russland noch einen Schritt weiter und führte in der Ukraine Angriffe mit S-300 durch, die noch weniger geeignet sind, Bodenziele zu treffen und eine begrenzte Reichweite haben.

Mit dem Einsatz dieser Raketen vermeidet Russland, dass ihm die anderen, für den Angriff auf Bodenziele bestimmten Raketen ausgehen. Nachdem die Ukraine die versprochenen fortschrittlichen westlichen Luftabwehrsysteme erhalten hat, wird Russland nur noch sehr begrenzte Möglichkeiten haben, tief in ukrainisches Gebiet einzudringen.

Ähnliche Streckungen und Flickschusterei gibt es bei allen Teilen des russischen Militärs, was zu einer verminderten Kampfeffizienz der russischen Truppen führt. Seit der Einnahme von Lyssjansk im Juli hat Russland keine wesentlichen Fortschritte mehr gemacht, während eine gut geplante ukrainische Gegenoffensive im September und Oktober die russischen Einheiten in die Flucht schlug.

Entscheidend ist, dass es Russland bisher nicht gelungen ist, die Luftüberlegenheit über der Ukraine zu gewinnen. Die schlechte Aufklärungsarbeit, die geringe Präzision und die ukrainische Luftabwehr haben dazu geführt, dass die militärische Bedeutung der russischen Raketen gering ist. Die russischen Panzertruppen haben kolossale Verluste erlitten. Somit war die Artillerie der entscheidende Faktor für praktisch alle russischen Vorstöße seit April.

Unter den derzeitigen Kriegsbedingungen ist die einzige Möglichkeit für die Ukraine, der russischen Artillerie entgegenzutreten, die eigene Artillerie, und zwar sowohl durch die Zerstörung der russischen Haubitzen und Raketenwerfer als auch durch die Störung der Logistik der Munitionsversorgung. Beides kann fast ausschließlich durch Artillerie geschehen.

Die Ukraine hat ein beachtliches Arsenal an Artillerie nach NATO-Standard erhalten, aber das reicht bei weitem nicht aus. Die Zahlen sind eindeutig: Der Westen lieferte mehr als 200 schwere Haubitzen und einige leichtere, sowie etwa 25 MLRS (Multiple-Launch-Raketen-Systeme).

Rein mengenmäßig verfügte die Ukraine vor dem 24. Februar über viel mehr Artillerie, als sie von ihren Partnern erhalten hat – über tausend Stück.

Russland wiederum hat mehrere tausend Artilleriegeschütze in der Ukraine stationiert, darunter rund tausend Raketenartilleriesysteme.

Die westliche Artillerie hat ihre Überlegenheit in Bezug auf Präzision und Reichweite gegenüber den sowjetischen/russischen Systemen bewiesen. Allerdings hat die Ukraine nicht genug, um eine Frontlinie von über 1000 km zu decken. Im April ging der alten ukrainischen Artillerie die Munition aus.

Diese Lücke könnte geschlossen werden – warum wird sie es nicht?

Ein gängiges Argument: Es werde nie genug sein, egal wie viele Waffen an die Ukraine geliefert werden.

Es ist zwar immer gut, mehr Mittel zur Verteidigung gegen einen Aggressor von solchem Ausmaß zu haben, aber 300 bis 400 zusätzliche Haubitzen und ein paar Dutzend MLRS würden die Situation dramatisch verändern.

Die Ukraine hätte immer noch weniger Verteidigungsanlagen als Russland, aber es wäre genug, um alle Sektoren der Frontlinie abzudecken. Die überlegene Reichweite und Präzision würde den Unterschied in der Anzahl ausgleichen.

Auf diese Weise würden die russischen Truppen ihren letzten Vorteil verlieren. Vor allem, wenn die Ukraine mehr Anti-Drohnen-Ausrüstung erhält, um der russischen Aufklärung zu begegnen. Die NATO-Länder, vor allem die größten, haben genug Artillerie, um ausreichend zu liefern, und eine Wirkung zu erzielen.

Ein weiteres häufiges Argument ist, dass diese Staaten nicht mehr liefern könnten, da sie weiterhin verpflichtet seien, ihre eigene Bevölkerung und ihre Verbündeten zu verteidigen.

Obwohl dies erwähnenswert ist, verfehlt es den Punkt. Russland hat keine kampffähigen Truppen, um die NATO anzugreifen. Mit jeder zerstörten Haubitze oder jedem zerstörten Panzer verliert Russland die Fähigkeit, andere Länder anzugreifen.

Die Länder, die Russland geografisch am nächsten sind, haben ihre Bestände am stärksten dezimiert. Sie haben verstanden, dass der Sieg der Ukraine ihre beste Verteidigung ist – ein Verständnis, das der Rest des Westens erst noch erreichen muss.

Wir müssen mehr schwere Waffen, gepanzerte Kampffahrzeuge und deutlich mehr präzisionsgelenkte Munition bereitstellen, bevor der Winter kommt. Dies sollte Hand in Hand mit der Ausbildung an schweren Waffen und der taktischen Beratung von Offizieren gehen.

Eine Möglichkeit, die Ukraine effektiver zu bewaffnen, besteht darin, die Last auf alle Verbündeten zu verteilen.

Eine konkrete Idee wurde zum Beispiel in der letzten Entschließung des Europäischen Parlaments geäußert und von uns mit überwältigender Mehrheit angenommen: Wenn 13 europäische Staaten, die zusammen 2.000 Leopard-2-Panzer besitzen, 10 Prozent ihrer Panzer an die Ukraine abgeben, würden sie immer noch über genügend militärische Fähigkeiten verfügen, um sich im Falle eines Angriffs zu verteidigen.

Hätten wir die Ukraine mit mehr Waffen beliefert, wäre sie vielleicht in der Lage gewesen, Russland in diesem Jahr zu besiegen. Dies scheint jedoch unwahrscheinlich. Die Teilmobilisierung wird es Russland nicht auf magische Weise ermöglichen, die Ukraine zu besiegen, aber sie wird den Krieg verlängern.

Dieser verzweifelte Schachzug Putins mag den Mangel an militärischen Kräften beheben, aber er wird nicht alle anderen Probleme lösen, sondern wahrscheinlich sogar einige verschlimmern. Dazu gehören eine niedrige Moral, eine schlechte Organisation oder alte Ausrüstung. Moderne Kriege werden nicht durch Massen von Soldaten gewonnen, die als Kanonenfutter benutzt werden.

Die ukrainischen Streitkräfte können in diesem Herbst weiterhin große Fortschritte machen. Mit diesen Zugewinnen und mit genügend Artillerie und Munition wären die ukrainischen Streitkräfte in der Lage, die russische Logistik, die Munitionsdepots und die Befehls- und Kontrollstrukturen weiter zu dezimieren. Und das würde den Grundstein für die nächste große Gegenoffensive zur Befreiung der besetzten Gebiete legen.

Derweil werden die westlichen Länder hoffentlich entscheiden, Russland als Hauptlieferant von Panzern und anderen gepanzerten Fahrzeugen für die ukrainischen Streitkräfte zu übertrumpfen.