Neue Gentechnik: Nichts zu gewinnen, viel zu verlieren

Wer wirklich mehr Nachhaltigkeit und stabile Erträge in der Landwirtschaft will, setzt mit NGT aufs falsche Pferd, schreibt der Grünen-Bundestagsabgeordnete Karl Bär im Gastbeitrag.

Joerg Farys – www.dieprojektoren.de
Am 5. Juli hat die EU-Kommission einen Vorschlag veröffentlicht, mit dem sie bestehende Umwelt- und Verbraucherschutzauflagen für den Einsatz neuer Gentechnikverfahren in Pflanzen abschaffen will. [Jörg Farys]

Die Europäische Kommission will einen Großteil der Pflanzen, die mit neuen Gentechnikverfahren (NGT) erzeugt werden können, vom Gentechnikrecht ausnehmen. Frans Timmermans sah darin ein Werkzeug, um die Ziele des Green Deals zu erreichen. Doch dieses Versprechen erweist sich bei näherem Betrachten als unhaltbar. Wer wirklich mehr Nachhaltigkeit und stabile Erträge in der Landwirtschaft will, setzt mit NGT aufs falsche Pferd.

Karl Bär ist Abgeordneter der Grünen im Deutschen Bundestag. Er war 2019 für das Umweltinstitut München einer der Organisatoren der Europäischen Bürgerinitiative „Save Bees and Farmers“, die einen schrittweisen Ausstieg aus der Nutzung chemisch-synthetische Pestizide forderte.

Am 5. Juli hat die EU-Kommission einen Vorschlag veröffentlicht, mit dem sie bestehende Umwelt- und Verbraucherschutzauflagen für den Einsatz neuer Gentechnikverfahren in Pflanzen abschaffen will. NGT-Pflanzen sollen künftig das bestehende Zulassungsverfahren mit Risikoprüfung nicht mehr durchlaufen. Durch NGT-Pflanzen erzeugte Lebensmittel sollen nicht länger gekennzeichnet werden. Der Vorteil? So können Saatgutunternehmen Produkte auch in Europa verkaufen, die bislang von Verbraucher*innen abgelehnt werden.

Diese Änderungen rechtfertigt die Kommission in ihrer Pressemitteilung mit hehren Beweggründen: „Sie erlauben es, verbesserte Pflanzensorten zu entwickeln, die klimaresilient und resistent gegen Schädlinge sind, die weniger Dünger und Pestizide brauchen und höhere Erträge sichern und die uns helfen, den Einsatz und das Risiko von chemisch-synthetischen Pestiziden zu halbieren und die Abhängigkeit der EU von Agrarimporten zu reduzieren.“

Meinen Recherchen zufolge sind diese Ziele mit einer Deregulierung von NGT nicht zu erreichen.

Am Beispiel der Pestizideinsparung möchte ich das verdeutlichen: Herbizide, Insektizide oder Fungizide machen 90 Prozent der in der EU eingesetzten Spritzmittel aus. Um einen Beitrag zu leisten, den Pestizideinsatz bis 2030 zu halbieren, müssten NGT-Pflanzen mit Eigenschaften zur Einsparung dieser Spritzmittel sehr bald zur Verfügung stehen.

Doch selbst ohne strenge Auflagen und Regularien wachsen nach zehn Jahren NGT-Forschung auf den Feldern in den USA, Argentinien oder Brasilien nur eine kleine Bandbreite an wenigen Sorten aus NGT. Diese Pflanzen sind entweder herbizidtolerant oder haben konsumentenorientierte Eigenschaften. Dazu zählt zum Beispiel Gemüse, das nicht so schnell braun wird. Auch ein Blick in Veröffentlichungen darüber, welche neuen Pflanzeneigenschaften mit NGTs entwickelt werden, zeigt: Trotz vieler interessanter Forschungsprojekte gelangt kaum ein NGT-Produkt zur Marktreife.

Zur Einsparung von Herbiziden durch NGT gibt es nicht einmal einen intellektuellen Ansatz. Es gibt aber auf dem Markt mit alten wie mit neuen Gentechnikmethoden erzeugte Pflanzen, die besonders viel dieser Gifte aushalten. Der Einsatz von Herbiziden ist deshalb in den USA und Südamerika in den letzten Jahrzehnten rasant angestiegen und wird weiter ansteigen, wo sich solche Pflanzen durchsetzen.

Die Ideen zur Einsparung von Insektiziden mit Gentechnik sind weder neu noch erfolgversprechend: Es gibt transgene Pflanzen, die bakterielle Insektengifte produzieren. Das Resultat ist ein Wettlauf gegen die Natur. Mit diesen Pflanzen können so lange chemisch-synthetische Insektizide eingespart werden, bis wichtige Fraßfeinde sich evolutionär anpassen und resistent gegen das Gift in der Pflanze werden. Dann muss wieder mehr gespritzt werden. Inzwischen gibt es transgene Sorten, die gleich mehrere bakterielle Insektengifte produzieren. Den Wettlauf dauerhaft zu gewinnen, ist aber unmöglich. NGT-Pflanzen können diesen Ansatz kopieren, sind jedoch bisher weder auf dem Markt noch in der Entwicklungspipeline.

Nur bei pilzresistenten Sorten sind überhaupt für die EU relevante Projekte in der Pipeline. Pflanzensorten, die gegen Pilzbefall resistent oder tolerant sind, können den Einsatz von Fungiziden erfahrungsgemäß für eine Zeit lang verringern. Das gelingt bereits durch klassische Züchtung mit Resistenzgenen aus bestehenden Sorten oder verwandten Arten gut. Doch auch hier besteht das Problem, dass Schaderreger Resistenzen durchbrechen können. NGTs versprechen durch das Einschleusen von Genen aus verwandten Sorten und Arten in gute Ertragssorten einen Vorteil im Wettlauf mit der Evolution der Pilze. Doch bisher ist kein pilzresistentes NGT-Saatgut auf dem Markt.

Von den neun Forschungsprojekten in der Entwicklungspipeline zur Entwicklung von pilzresistenten NGT-Pflanzen sind vier für Europa relevant. Und nur eine davon hat überhaupt ein relevantes Fungizid-Einsparpotential in Europa – eine Botrytis-resistente NGT-Rebe.

Mein Fazit: NGT werden absehbar keinen Beitrag dazu leisten, den Einsatz von Pestiziden in der EU zu verringern, geschweige denn bis 2030 zu halbieren.

Ähnlich wie die Debatte um E-Fuels in Autos und die Kernfusion zur Energieproduktion wird die Gentechnik in der Landwirtschaft dafür genutzt, die Umstellung des Systems zu verzögern. Sie ist im ursprünglichen Wortsinn Ideologie: Sie verschleiert den Blick auf die Realität und dient den bestehenden Machtverhältnissen.

Die wichtigste Ursache für den hohen Pestizideinsatz in Europa ist die mangelnde Vielfalt auf den Feldern. Bereits etwas weitere Fruchtfolgen, wie sie jeder Bio-Betrieb praktiziert, reduzieren den Pestizideinsatz deutlich. Weitere agrarökologische Maßnahmen wie Humusaufbau und das Pflanzen von Hecken und Bäumen erhöhen die Widerstandsfähigkeit des Anbausystems und sind deshalb auch hilfreich zur Anpassung der Landwirtschaft an den Klimawandel.

Die Landwirtschaft hat mit der neuen Gentechnik nichts zu gewinnen, aber viel zu verlieren. Sie führt in eine Sackgasse. Die Deregulierung dieser umstrittenen Technologien gegen den Willen der Verbraucher*innen verschlechtert das Vertrauen in die europäische Landwirtschaft. Die EU sollte das bewährte Gentechnikrecht erhalten und Maßnahmen fördern, die bereits bewiesen haben, dass sie die gewünschten Effekte auch erzielen.