Warum die Diplomatie mit Russland gescheitert ist

Die beiden jüngsten Fernsehansprachen des russischen Präsidenten Wladimir Putin geben Aufschluss darüber, warum die diplomatischen Bemühungen der westlichen Staats- und Regierungschefs gescheitert sind.

Euractiv.de
Russian President Putin chairs meeting with Russian businessmen
Putin zuzuhören, ist eine ziemliche Herausforderung. Für jemanden, der mit dem russischen Kontext nicht vertraut ist, klingen seine Worte, selbst wenn sie korrekt übersetzt sind, etwas verworren. [ALEKSEY NIKOLSKYI/EPA-EFE]

Die beiden jüngsten Fernsehansprachen des russischen Präsidenten Wladimir Putin geben Aufschluss darüber, warum die diplomatischen Bemühungen der westlichen Staats- und Regierungschefs gescheitert sind.

Putin sprach am Montag und Mittwoch im Fernsehen. Am Montag verkündete er nach mehr als einer Stunde Redezeit, in der er versuchte, die Geschichte der Ukraine und Russlands neu zu schreiben, die Anerkennung der sogenannten Republiken Donezk und Lugansk. Am Mittwoch hielt er sich bei seiner historischen „Lehrstunde“ zwar kürzer, die Resultate seiner Rede waren aber verheerend: Ein Krieg gegen die Ukraine wurde vom Zaun gebrochen.

Putin zuzuhören, ist eine ziemliche Herausforderung. Für jemanden, der mit dem russischen Kontext nicht vertraut ist, klingen seine Worte, selbst wenn sie korrekt übersetzt sind, etwas verworren.

Wer, wie der Autor dieses Textes, während des Kommunismus in Bulgarien gelebt hat, hat keine Probleme, Putin zu verstehen. Dort hatten die Menschen jeden Freitag keine andere Wahl hatten, als russisches Fernsehen zu sehen.

Die Schaffung einer falschen Wirklichkeit war schon damals ein großes Geschäft. Dieser Orwellschen Realität zufolge blühten die kommunistischen Länder auf, während der Westen von Protesten erschüttert wurde und ständig am Rande des Zusammenbruchs stand.

Junge Leute zweifelten damals an dieser Botschaft. Aber viele andere glaubten daran, vor allem die Älteren und die Menschen in der Provinz.

Putins künstliche Welt erinnert mich an diese falschen Gedankenkonstruktionen. Aber er geht noch weiter, indem er die Geschichte umschreibt und die Ukraine als künstliche Konstruktion von Wladimir Iljitsch Lenin hinstellt, obwohl eigentlich der ganzen Welt bewusst sein sollte, dass die Ukraine historisch die Wiege Russlands ist.

Putin zufolge war die pro-europäische Revolution auf dem Maidan ein von der US-Botschaft in Kiew gesponserter Staatsstreich, die derzeitigen Führer der Ukraine sind Neonazis, und sie planen die gewaltsame Einnahme der Krim und des Donbass, möglicherweise unter Einsatz von Atomwaffen (das ist kein Scherz, lesen Sie die Kreml-Protokolle vom 21. und 23. Februar).

So einfach ist das. Putin sagt es, wiederholt es, und was noch schlimmer ist: Er scheint es auch zu glauben.

Berichten zufolge dauerte das Treffen von Emmanuel Macron mit Putin an dem berühmten langen Tisch fünf Stunden. Wir können uns vorstellen, wie Putin den französischen Präsidenten über die Geschichte belehrt hat. Allein seine anfängliche Erklärung könnte leicht zwei Stunden gedauert haben.

Dann hat Macron vielleicht versucht, etwas zu sagen, und Putin hat einfach wiederholt, was er bereits gesagt hat, weil dieser Franzose die Komplexität der russischen Geschichte nicht versteht.

So sind wahrscheinlich die fünf Stunden vergangen, und es ist kein Wunder, dass das Treffen ein Misserfolg war.

Dann wiederholte der deutsche Olaf Scholz die Erfahrung, aber für Putin kann dieser Deutsche einfach nicht in Merkels Fußstapfen treten.

Wenn die Europäer Putin nicht verstehen, dann haben die Amerikaner wenig bis gar keine Chance. Was kann man schließlich von den Förderern der Neonazis in Kiew erwarten?

So ist die Diplomatie gescheitert – wenn wir so großzügig sind, anzunehmen, dass sie überhaupt eine Chance hatte.

Niemand wusste, was Putin tun würde. Das Video, das zeigt, wie Putin seinen Geheimdienstchef Sergej Naryschkin demütigt, enthüllt auch, dass der Chefspion nicht die geringste Ahnung hatte, was Putin an diesem Tag, dem 21. Februar, verkünden würde.

„Der Mann, der zu wenig wusste“ war eine Komödie. Dies ist eine Tragödie. Für alle.

[Bearbeitet von Alice Taylor/Zoran Radosavljevic]