Wird Putin ohne einen Schuss abzugeben gewinnen?

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President Vladimir Putin visits Patriot park
Könnte Putin in der Ukraine-Krise gewinnen, auch ohne dass es zu einer militärischen Auseinandersetzung kommt, fragt Georgi Gotev. [ EPA-EFE/ALEXEI NIKOLSKY / SPUTNIK / KREMLIN POOL MANDATORY CREDIT]

Wenn westliche Analysten sich einen Krieg zwischen Russland und der Ukraine vorstellen, haben sie wahrscheinlich Bilder des Zweiten Weltkriegs vor Augen: Panzer, Truppen und Flugzeuge. Sieht Putin das auch so?

Der massive Aufbau russischer Truppen in der Nähe der ukrainischen Grenzen und die Ukrainer, die Schützengräben ausheben, verstärken die Vorstellung von aufeinanderprallenden Truppenkontingenten natürlich noch zusätzlich.

Aber diese Menetekel eines kriegsähnlichen Szenarios könnte auch irreführend sein.

Die russische „Silowiki“-Elite, deren Anführer Putin ist, hat eine besondere Vorliebe für hybride Formen der Kriegsführung. Ihr „best-case“ Szenario ist, einen militärischen Sieg davonzutragen, ohne dass es zu bewaffnetem Konflikt kommt.

Angenommen, es gelingt dem Kreml, die Ukraine wirtschaftlich und politisch so weit zu destabilisieren, dass es nach einigen Monaten der Spannungen an den Grenzen zu einem Regimewechsel kommt. In diesem Fall hätte das Militär gewonnen, ohne einen einzigen Schuss abzufeuern.

Anders als der Westen scheint sich die ukrainische Führung dieser Option bewusst zu sein.

Deshalb ist Kyiv so verärgert darüber, dass westliche Länder ihr Botschaftspersonal evakuieren und Fluggesellschaften ihre Flüge streichen. Solche Maßnahmen kommen dem Ziel des Kremls, Kyiv wirtschaftlich und gesellschaftlich zu destabilisieren, sehr entgegen.

Dabei ist letztendlich die entscheidende Frage, ob die Ukrainer dem Westen weiterhin gut gesonnen bleiben, trotz des andauernden belagerungsähnlichen Zustand und den damit verbunden Entbehrungen.

Russland scheint darauf zu setzen, dass dies nicht der Fall ist. Das könnte dann wiederum zu Unruhen und irgendwann zu einem Regierungswechsel führen. Und Russland weiß, wie man in einem Land, das einst Teil der Sowjetunion war, die Fäden zieht.

Hinter den Kulissen zieht Putin bereits die Fäden und ist zweifellos bereits dabei, potenzielle, moskautreue Nachfolger der pro-europäischen Regierung in der Ukraine zu positionieren.

Um diesen hybriden Krieg zu gewinnen, muss der Kreml nur dafür sorgen, dass der Westen das Interesse an dem Gerangel an seiner Ostflanke verliert. Das ist einfach, denn sobald ein Krieg nicht mehr als unmittelbar bevorstehend angesehen wird, wird sich der Westen anderweitig umsehen und womöglich die Geschäftsbeziehungen mit Russland sogar weiter intensivieren.

Aber das ist nicht alles, worauf Russland setzt: Der Westen wird faktisch davon abgehalten, in der Ukraine zu investieren. Seien wir ehrlich, niemand möchte in einem instabilen und von Säbelrasseln geplagten Umfeld investieren.

Wenn Investments ausbleiben und die Bevölkerung genug von der russischen Belagerung hat, wird der Zusammenbruch der Regierung in Kyiv ganz von selbst kommen und Putin steht als Sieger da.

Was also könnten der Westen – und insbesondere die EU – tun, um ein solches Szenario zu verhindern?

Einerseits bräuchte die Ukraine massive wirtschaftliche und politische Unterstützung in noch nie dagewesenen Umfang. Allerdings ist nicht klar, ob der Westen großzügig genug sein wird. Abgesehen davon sind nicht alle EU-Länder ganz so „heiß“ auf die Ukraine, wie man meinen würde.

Gerade Deutschland ist in dieser Hinsicht oft gespalten, wodurch zum Teil signifikante Teile der Bevölkerung der NATO und den USA die Schuld an der Eskalation des Konflikts in die Schuhe schieben.

Und Russland wird sein Bestes tun, um die Zweifler dazu ermutigen, auf Distanz zu bleiben.

Letztendlich muss der Westen bereit sein, Sanktionen gegen Russland selbst dann zu verhängen, wenn die Invasion ausbleibt. Denn das Ausbleiben einer Reaktion des Westens könnte dazu führen, dass die Ukraine  weiterhin im Würgegriff  des Kreml bleibt.

Allerdings ist bislang unklar, welche Instrumente realistischerweise auf dem Tisch liegen. Während Deutschland das Aus von Nord Stream 2 bei einem russischen Angriff auf die Ukraine zu akzeptieren scheint, bleibt unklar, was bei der Beibehaltung des Status quo passieren wird.

Russland ist auf einen hybriden Krieg vorbereitet – auch auf diplomatischer Ebene. Der Westen ist es nicht.