"Afrika ist ein Chancenkontinent geworden"

SpecialReport: Erster Deutscher Entwicklungstag Mit dem Ersten Deutschen Entwicklungstag soll ein Beitrag zu einem anderen Afrikabild in Deutschland geleistet werden. Denn dieses sei noch immer "ziemlich schräg", sagt Hans-Jürgen Beerfeltz. Im Interview erklärt der Staatssekretär im Entwicklungsministerium, dass man mehr Menschen und mehr mittelständische Wirtschaft für die Entwicklungszusammenarbeit mobilisieren will.

Afrika ist in vielerlei Hinsicht gerade in den letzten zehn Jahren ein Chancenkontinent geworden, sagt Hans-Jürgen Beerfeltz. Foto: Franziska Weiß / pixelio.de
Afrika ist in vielerlei Hinsicht gerade in den letzten zehn Jahren ein Chancenkontinent geworden, sagt Hans-Jürgen Beerfeltz. Foto: Franziska Weiß / pixelio.de

SpecialReport: Erster Deutscher Entwicklungstag

Mit dem Ersten Deutschen Entwicklungstag soll ein Beitrag zu einem anderen Afrikabild in Deutschland geleistet werden. Denn dieses sei noch immer „ziemlich schräg“, sagt Hans-Jürgen Beerfeltz. Im Interview erklärt der Staatssekretär im Entwicklungsministerium, dass man mehr Menschen und mehr mittelständische Wirtschaft für die Entwicklungszusammenarbeit mobilisieren will.

EURACTIV.de: Am 25. Mai 2013 findet bundesweit erstmals der Deutsche Entwicklungstag (DET) statt. Das Motto hierzu lautet: „Dein Engagement. Unsere Zukunft.“ Was soll darunter zu verstehen sein?

BEERFELTZ: Eigentlich ist es ein Doppelereignis. Erstens feiern wir den 50. Jahrestag der Gründung der Afrikanischen Union und wollen so einen Beitrag zu einem anderen Afrikabild in Deutschland leisten, da dies noch immer ziemlich schräg ist. Zum Zweiten verfolgen wir das Ziel, mehr Menschen und mehr mittelständische Wirtschaft für  die Entwicklungszusammenarbeit zu mobilisieren. Wir stellen fest, dass ungefähr eine Million Deutsche sich in etwa 3.000 Nichtregierungsorganisationen (NGOs) engagieren. Wir wissen aber auch, dass eigentlich viel mehr Menschen bereit wären, sich für die Themen der Entwicklungszusammenarbeit einzusetzen. Wir haben nur bislang die Tür dafür nicht weit genug aufgemacht. Wir würden gerne die Zahl der Engagierten auf zwei Millionen verdoppeln. Wir würden auch gerne mehr Verantwortliche der mittelständischen Wirtschaft gewinnen. Viele deutsche Mittelständler sind Weltmarktführer und könnten mit ihren Lösungen zu „Best Solutions“ in Partnerländern der Entwicklungszusammenarbeit beitragen.

EURACTIV.de: Sie sprachen das Afrikabild in der Bevölkerung an. Wie sieht dieses derzeit aus und was sind dafür die Ursachen?

BEERFELTZ: Vorrangig wird wahrgenommen, was an Kriegen, Terrorakten oder Hungersnöten stattfindet. So wird beispielsweise breit über die Fragilität von Ländern wie Somalia berichtet. Über das, was gut läuft, wird aber wenig berichtet. Afrika ist in vielerlei Hinsicht, gerade in den letzten zehn Jahren, ein Chancenkontinent geworden. Es gibt Länder, die sind jetzt schon mehrfach hintereinander unter den ersten zehn des Doing Business-Reports der Weltbank, was „best performing reform states“ angeht. Das sind Länder wie Ghana, Botswana, Burkina Faso oder Ruanda, die sich wirtschaftlich prächtig entwickeln, aber gleichzeitig auch die Grundlage für Demokratie und Rechtsstaatlichkeit verbreitern.

„Panafrikanische Zusammenarbeit könnte besser sein“

EURACTIV.de: Der 25. Mai 2013 ist zugleich der fünfzigste Jahrestag der Afrikanischen Union. Was kann die EU als Schwesterinstitution aus 50 Jahren panafrikanischer Zusammenarbeit lernen?

BEERFELTZ: Die panafrikanische Zusammenarbeit könnte besser sein. Es gibt zwischen den Staaten noch zu wenige Beziehungen. Das gilt auch für Handelsbeziehungen. Es gibt relativ wenig panafrikanische Initiativen. Wir freuen uns deshalb, dass wir gerade dieses Jahr dabei sind, die erste panafrikanische Universität zu starten.

EURACTIV.de: Am Samstag diskutieren sie auf der Abschlussveranstaltung über „Bilder die bewegen“. Welche Rolle spielt die Kultur als Faktor zur Stärkung der Menschenrechte?

BEERFELTZ: Das ist bei uns ein breiter werdender Bereich. Das BMZ hat erkannt, dass, wenn man Verhalten und Lebenswirklichkeiten ändern möchte, man einen ganzheitlicheren Ansatz braucht. Man muss kulturelle Kontexte besser berücksichtigen, um die richtigen Anknüpfungspunkte zu finden, damit sich kulturell tradierte Einstellungsmuster verändern können.

Hohe Wertschätzung für die Themen der Entwicklungszusammenarbeit

EURACTIV.de: Dirk Niebel sagt: „Entwicklungspolitik fußt auf einem breiten gesellschaftlichen Konsens, den wir stärken wollen“. Das Thema Entwicklungszusammenarbeit erfreut sich einer starken Unterstützung seitens der europäischen Bevölkerung. Ist das Problem nicht eher, dass die Entwicklungshilfe bei Politikern nicht denselben Stellenwert hat?

BEERFELTZ: Umfragen belegen eine hohe Wertschätzung für die Themen der Entwicklungszusammenarbeit. Unser Ziel ist es, die Lücke zwischen rhetorischer Wertschätzung und aktivem Handeln zu verkleinern. Wir wollen das Verhalten verändern und mehr Menschen dazu bewegen, selbst etwas in der Entwicklungszusammenarbeit zu machen. Dazu gibt es viele Möglichkeiten bei Nichtregierungsorganisationen und bei staatlich geförderten Programmen – von „weltwärts“ für junge Menschen bis zum Senior-Experten-Service für Rentner. Da ist aus meiner Sicht noch unheimlich viel Luft nach oben. Aus politischer Sicht: Jeder, der ein Ressort hat, wünscht sich, dass er noch mehr Mittel und noch mehr Personal zur Verfügung hat. Wir haben den BMZ-Haushalt in den letzten Jahren um über 500 Millionen Euro gesteigert, die wir zusätzlich in die Entwicklungszusammenarbeit investieren konnten. Wir haben mit der großen Fusion zur GIZ jetzt schon eine Fusionsrendite von annähernd 30 Millionen Euro erwirtschaftet, die ebenfalls zusätzlich der Entwicklungszusammenarbeit zur Verfügung steht. Insgesamt gilt: Um politisch mehr zu erreichen, ist auch mehr Engagement in der Zivilgesellschaft und der Wirtschaft im Inland wichtig.

Ein neuer Dreiklang

EURACTIV.de: Ist das ein allgemeines Rezept, damit Entwicklungszusammenarbeit angesichts der Finanz- und Staatsschuldenkrise erfolgreich sein kann?

BEERFELTZ: Ich glaube, dass ein Staat niemals allein das ganze Ausmaß der notwendigen internationalen Verantwortung wahrnehmen kann. Es ist auch prinzipiell immer nötig, dass der private Sektor und die Zivilgesellschaft einbezogen werden. Das ist übrigens nicht eine rein deutsche Liebhaberei. Das entspricht auch dem, was international die allgemeine Denkrichtung darstellt – denken Sie an Rio+20 oder den Aid Effectiveness Summit in Busan. Wir brauchen einen neuen Dreiklang aus Zivilgesellschaft, Wirtschaft und Staat. Eine Idee, die wir mit unserem Engagementgipfel und auch mit dem Entwicklungstag verfolgen, ist, dass wir NGOs und Wirtschaft zusammenbringen. Das ist ja noch eine Welt mit vielen Vorurteilen – und zwar beiderseits. In Wahrheit haben sich die NGOs in erheblichen Umfang professionalisiert. Die sind also viel marktwirtschaftlicher geworden. Auf der anderen Seite gibt es viele Wirtschaftsunternehmen, die durch corporate social responsibility viel verantwortlicher geworden sind. Diese Zielsetzung, mit dem Entwicklungstag zum Matching zwischen NGOs und Wirtschaft beizutragen, beschränkt sich übrigens nicht mehr nur auf die ursprünglichen 16 Städte. Bundesweit sind noch diverse Städte dazugekommen. Mit dem was sie vor Ort haben, machen sie einfach zusätzlich mit.

EURACTIV.de: Deutschland ist noch weit davon entfernt, das 0,7-Prozent-Ziel zu erreichen. Was sind die Stärken Deutschlands im Vergleich mit anderen Ländern?

BEERFELTZ: Im Vergleich mit vielen anderen Ländern weltweit stehen wir prozentual nicht schlecht da. Der Prozentsatz ist ohnehin nicht allein entscheidend. Die Mittel müssen auch wirksam eingesetzt werden. Mit der neuen GIZ und dem Deutschen Evaluierungsinstitut für Entwicklungszusammenarbeit haben wir diesbezüglich international weit beachtete Fortschritte erzielt.

Interview: Daniel Tost

Links

Deutscher Entwicklungstag: Website 

Deutscher Entwicklungstag: Programm für Berlin 

BMZ: Was ist der Deutsche Entwicklungstag?

BMZ: Erster deutschlandweiter Entwicklungstag

Engagement Global: Der Deutschen Entwicklungstag kommt 

Gemeinsam für Afrika: Gemeinsam für Afrika lädt ein, den „Kontinent der Potenziale” zu bereisen (21. Mai 2013)