Die Cloud - Paradigmenwechsel für die europäische Wirtschaft?
Interview mit EU-Kommissarin für Digitale AgendaBrüssel will die Nutzung von Cloud Computing fördern. Wenn es darum geht, ob hunderttausende von Unternehmen Erfolg haben oder scheitern, kann die Cloud den Unterschied machen, erklärt Neelie Kroes, für die Digitale Agenda zuständige EU-Kommissarin, im Interview mit EURACTIV.
Interview mit EU-Kommissarin für Digitale AgendaBrüssel will die Nutzung von Cloud Computing fördern. Wenn es darum geht, ob hunderttausende von Unternehmen Erfolg haben oder scheitern, kann die Cloud den Unterschied machen, erklärt Neelie Kroes, für die Digitale Agenda zuständige EU-Kommissarin, im Interview mit EURACTIV.
EURACTIV: Wie viel kann die Digitale Agenda und die "European Cloud Partnership" tatsächlich zum Wachstum beitragen?
KROES: Unsere digitale Wirtschaft in Europa ist viel größer, als die meisten Menschen annehmen. Sie ist größer als die belgische Wirtschaft und wenn sie ein Land wäre, könnte sie eine G20-Mitgliedschaft beantragen. Mit über 12 Prozent im Jahr wächst sie derzeit auf chinesischem Niveau heran. Außerdem schafft sie über 2,6 Arbeitsplätze für jede gestrichene Stelle aufgrund der von ihr generierten Veränderungen. Die Nachfrage nach erfahrenen IT-Spezialisten übersteigt das Angebot. Die Digitale Agenda ist also von Bedeutung. In der schwierigen wirtschaftlichen Lage ist die digitale Wirtschaft ein Rückgrat für Arbeitsplätze und Wachstum. Wenn wir uns ranhalten und die Mitgliedsstaaten die Digitale Agenda umsetzen, würden wir ein höheres Wachstum des Bruttoinlandsprodukts von einem Prozent beobachten können. Die Cloud steht hierbei im Zentrum.
Die Cloud wird eine Revolution vor allem für kleine Unternehmen aber auch für den öffentlichen Sektor sein, wenn wir ihr den richtigen Schwung geben können. Darum ist die "European Cloud Partnership" so wichtig. Es verwendet die Auftragsvergabe des öffentlichen Sektors als Hebel, um die Cloud für alle Unternehmen und Bürger in Europa voranzutreiben.
EURACTIV: Wie steht Europa derzeit gegenüber den konkurrierenden Volkswirtschaften (China, USA, Russland, Südamerika) in der Informations- und Kommunikationstechnik da?
KROES: Hier gibt es ein gemischtes Bild. Wir sind führend in vielen Aspekten der Bereiche Mobil und Breitband. Aber wir liegen im sehr schnellen Breitband zurück, unser Hochleistungs-Computing hinkt hinterher, wir investieren nicht in der gleichen Art und Weise wie viele asiatische Wirtschaften. Aber anders als nahezu alle unsere Konkurrenten haben wir eine allumfassende digitale Strategie, die Digitale Agenda, für die ich verantwortlich bin. Wir werden nicht alle ihre Vorteile direkt sehen können, aber die Digitale Agenda wird auf längere Sicht eine hohe Dividende für Europa bedeuten. Europa wird das Tempo bestimmen beim E-Commerce, E-Health, Copyright, Standards und Datenschutz, bei was immer man will. Es ist im wahrsten Sinne des Wortes die beste Investition, die Europa machen kann und darum bin ich davon so begeistert.
Massive Steigerung der Flexibilität in der Kostenkontrolle
EURACTIV: Warum ist der Einsatz von Cloud Computing für kleine Unternehmen bedeutend?
KROES: Ein Breitband-Zugang als Basis hilft kleinen Unternehmen ihren Wachstum und Export zu verdoppeln. Cloud Computing bringt sie auf die nächste Stufe. Anstatt eine teure Infrastruktur und Software kaufen und unterhalten zu müssen, können sie diese als Services effektiv mieten. Das führt zu einer massiven Steigerung der Flexibilität in der Kostenkontrolle. Und es senkt die Hürden für Unternehmen, die sich zum Beispiel um einen Kredit bemühen. Zusammen wird dies einen bedeutenden Einfluss auf die Produktivität der gesamten Wirtschaft haben, für große wie für kleine Firmen.
EURACTIV: Die Themen, die sie mit der European Cloud Partnership angehen wollen – so wie Datenschutz, Kompatibilität, Lock-ins und Rechtssicherheit – sind Bereiche, mit denen die Kommission und Regierungen erst zufrieden sein müssen, bevor sie die Cloud vollständig annehmen. Werden Unternehmen schon vorher damit beginnen, die Cloud zu nutzen?
KROES: Mehr als die Hälfte der europäischen Unternehmen nutzen sie bereits. Jeder mit einem Webmail-Account oder einer Facebook-Seite verwendet die Cloud. Aber statt ins Kalte Wasser zu springen, wären die Unternehmen besser in der Lage, die Cloud anzuwenden, wenn es mehrere Services gibt, die ihren speziellen Bedürfnissen entsprechen, und wenn sie sicher sein können, was mit ihren Daten passiert, zum Beispiel wenn etwas schief geht.
Die Verwendung der Cloud, die wir heute vor allem im privaten Sektor sehen, findet trotz der Schwierigkeiten in den Bereichen, die Sie genannt haben, statt. Wir müssen dafür sorgen, dass sie in Vorteile umgewandelt werden. Und wir müssen die öffentlichen Vermittler in einer ebenso systematischen Art und Weise ins Spiel bringen. Die öffentliche Auftragsvergabe sollte den Wettbewerb in der Bereitstellung der Cloud zum Vorteil aller vergrößern.
EURACTIV: Obwohl die Cloud Partnership europäisch ist, kommt ein Großteil der Technologie die dahinter steckt aus dem Ausland. Stellt dies ein Problem dar? Sollte mehr Cloud Technologie in Europa angesiedelt sein?
KROES: Wir behandeln alle Unternehmen in der EU gleich. Viel wichtiger als wo ein Unternehmen herkommt, ist, ob sie den europäischen Unternehmen und Bürgern die Dienste liefern, die sie benötigen und wollen, und ob sie Zugang zu einem Umfeld haben, das es ihnen ermöglicht, Arbeitsplätze in Europa zu schaffen. Nichtsdestoweniger möchte ich einen dynamischen digitalen Sektor in Europa sehen, weil klar ist, wie wichtig dies für Arbeitsplätze und Wachstum ist – je mehr europäische Clouds Erfolg haben, desto besser. Wir wählen keine Gewinner aus; wir kreieren nur eine Umgebung, in der es mehr Gewinner geben kann.
Kann man die Cloud kontrollieren?
EURACTIV: Kann die Kommission oder die Regierungen die Cloud überhaupt regulieren oder ist sie zu groß, um sie zu kontrollieren?
KROES: Vertrauen und Sicherheit zu gewährleisten, ist eindeutig eine Aufgabe der öffentlichen Instanzen. Aber das heißt nicht, dass wir die Cloud kontrollieren können. Oder dass sie über allgemeine Bestimmungen hinaus, wie zum Beispiel zum Datenschutz, reguliert werden sollte. Unser Ziel muss es sein, das Spielfeld des Internets eher zu beschützen, als es zu kontrollieren.
Freiwillige Ansätze wie Verhaltensregeln können diesen Schutz nicht alleine bieten. Wer wird zum Beispiel haftbar gemacht, wenn etwas in der Cloud schief geht und Daten verloren gehen oder beschädigt sind? Welche Regeln und welche Gerichtsbarkeit sollen angewandt werden? Dies sind Fragen, die Verhaltensregeln alleine nicht befriedigend beantworten können.
EURACTIV: Welchen Unterschied wird die Nutzung der Cloud machen? Welche neuen Möglichkeiten sind am wichtigsten?
KROES: Es ist schlicht und einfach ein Paradigmenwechsel für die europäische Wirtschaft. Die Cloud kann den Unterschied ausmachen, wenn es darum geht, ob hunderttausende von kleinen Unternehmen Erfolg haben oder scheitern. Sie kann den öffentlichen Dienst so viel effektiver und erschwinglicher machen. Ich denke daher, dass die kleinen Unternehmen und Regierungen am meisten als Organisationen profitieren können. Jeder, der je eine Video-Website gesehen hat, kann von den Vorteilen für den Einzelnen berichten.
Eine richtige Verwendung der Cloud wird bedeuten, dass das Internet weiterhin ein Generator für Innovationen, Wachstum und Frieden sein kann. Es wird außerdem helfen, unsere Wirtschaft umweltbewusster zu gestalten, indem die Informations- und Kommunikationstechnologie effizienter und für bestimmte Bedürfnisse genutzt wird.
Interview: Jeremy Fleming
Übersetzung: Julia Backes
Links
EURACTIV Brüssel: Kroes: Cloud can deliver digital growth. (15. Februar 2012)
Dokumente
Europäische Kommission: Neelie Kroes speech on Eu data protection reform and Cloud Computing “Fuelling the European Economy” event, Microsoft Executive Briefing Centre Brussels. (30. Januar 2012)
Europäische Kommission: Neelie Kroes speech in setting up the European Cloud Partnership, World Economic Forum Davos, Switzerland. (26. Januar 2012)