UNESCO-Chefin Bokova: UN-Agenturen werden in der Post-2015-Agenda stärkere Rolle spielen

Die Agenturen der Vereinten Nationen werden in der Post-2015-Agenda eine noch ausschlaggebendere Rolle spielen als bisher unter den Milleniums-Entwicklungszielen. Denn die Agenturen sind wie die neuen Nachhaltigen Entwicklungsziele (SDGs) universell, sagt die UNESCO-Generaldirektorin Irina Bokova gegenüber EURACTIV in einem Exklusivinterview.

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This article is part of our special report "Auf dem Weg zu Nachhaltigen Entwicklungszielen"
UNESCO-Generalsekretärin Irina Bokova.
UNESCO-Generalsekretärin Irina Bokova. [<a href="https://www.flickr.com/photos/itupictures/16637272186/in/photolist-rmbnos-rmbdEq-r6RL5e-r6KhZL-rotkWH-r6RLiR-qrtD6w-r6UPNw-pSBP6T-ecz6um-ecz6j9-ecttaB-qwQAQJ-r6RLZa-o7fYhJ-qxrfen-oqzdJN-qwYerH-qwQAPS-ob7wTV-ob8tE6-oszCJA-osjS6V-ob8tEX-oszCGS-nQxnDm-qPNUvs-7x9MgH-e3Eo4N-ecz6nS-qPJ4h4-qxsCbe-nvDN1L-qPNRku-pT7bcz-anV5c5-qf3raT-osB7Rt-osjS4a-qUonZH-rup6sb-g9p9pK-ob7wNV-oszCBm-osjRZT-oumU4t-osB7Nx-ob7wJB-oszCy5-oszCyf" target="_blank" rel="noopener">[ITU Pictures/Flickr]</a>]

Die Agenturen der Vereinten Nationen werden in der Post-2015-Agenda eine noch ausschlaggebendere Rolle spielen als bisher unter den Milleniums-Entwicklungszielen. Denn die Agenturen sind wie die neuen Nachhaltigen Entwicklungsziele (SDGs) universell, sagt die UNESCO-Generaldirektorin Irina Bokova gegenüber EURACTIV in einem Exklusivinterview.

Irina Bokova ist bulgarische Diplomatin. Sie war Bulgariens stellvertretende Außenministerin und dabei für die europäische Integration zuständig. Derzeit ist sie in ihrer zweiten Amtszeit Generaldirektorin der UNESCO, der Organisation der Vereinten Nationen für Erziehung, Wissenschaft und Kultur.

EURACTIV: Die EU und die UN machen viele Dinge gemeinsam, dennoch scheinen sie weit entfernte Galaxien zu sein. Nicht viele hier in Brüssel verstehen, was genau in der UN-Welt vor sich geht. Können Sie beschreiben, was Sie machen, um die Nachhaltigen Entwicklungsziele, die SDGs zu beeinflussen?

BOKOVA: Ich selbst bin die Vorsitzende des Hochrangigen Ausschusses zur Handhabung (HLCM) unter dem Chief Executive Board, dem UN-Generalsekretär Ban Ki-Moon vorsteht. Dieses Gremium bringt alle Direktoren der [UN]-Agenturen und Fonds zusammen. Es gibt drei für ihre Frage relevante Gremien, eines ist HLCM und wir drei, Helen Clark, die Vorsitzende der Entwicklungsgruppe der Vereinten Nationen (UNDG) und Achim Steiner von UNEP, der den Hochrangigen Ausschuss zu Programmen leitet, haben kürzlich an einer zweitägigen Diskussion im Rahmen des Wirtschafts- und Sozialrats (ECOSOC) teilgenommen, die der Post-2015-Agenda gewidmet war.

Einige sehr wichtige Themen kamen in den Diskussionen auf. Zunächst einmal die Relevanz des Systems der Vereinten Nationen. Es geht um die allgemeine Situation in der Welt, über die größten sektorübergreifenden Probleme, die die Entwicklung beeinträchtigen. Es geht auch um die Art und Weise, wie die Post-2015-Agenda mit COP 21 verknüpft werden muss, mit dem Klimawandel und mit den Ergebnissen der Pariser Konferenz im Dezember, die hoffentlich eine robuste Vereinbarung auf den Weg bringen wird.

Eine weitere wichtige Fragestellung hängt mit der Rolle der spezialisierten [UN]-Agenturen zusammen. Mir schwebt eine größere Rolle unter der Post-2015-Agenda vor, weil die UN-Agenturen, die zwischenstaatlich sind, in enger Beziehung mit der nationalen Politik stehen und auf einen wahren Wandel der öffentlichen Politik hinarbeiten. Allerdings sind die Agenturen auch universell. Sie sind normativ, standardbestimmend, arbeiten im Vorfeld, sie bauen Kapazitäten auf und sie sind allumfassend. Von diesem Standpunkt betrachtet gibt es keinen Zweifel, dass sich die Rolle der spezialisierten Agenturen vergrößern sollte.

Aber die große Frage ist, ob die UN den Zweck der Post-2015-Agenda erfüllen werden können. Das hängt mit der UN-Reform zusammen und hier kann ich, in meiner Eigenschaft als HLCM-Vorsitzende, sagen, dass sich die Vereinten Nationen in einer sehr ernsthaften Diskussion über „Delivering as One“ engagiert, und wie man sich in Richtung einer neuen Generation von Delivering as One bewegen kann, dass business as usual keine Option ist, dass wir unsere Arbeitsweise radikal verändern müssen. Zweitens hängt das auch mit den UN-Mitarbeitern zusammen, mit neuen Kompetenzen und der Veränderung der Art, wie wir inter-agieren, auch mit unserer eigenen Institution, das hängt mit der Datenrevolution zusammen, die ins Leben gerufen werden sollte, weil es einfach unmöglich ist, eine Politik einzusetzen, wenn sie nicht auf einer sehr ernsthaften Analyse fußt. Und drittens geht es um die wahren Indikatoren und die Messbarkeit der Nachhaltigkeitsziele (SDGs).

Ich begreife, dass das kompliziert klingt, aber ich kann es in einfachere Worte übersetzen. Wir müssen sicherstellen, dass die UN unter der Post-2015-Agenda liefert. Denn die Erwartungen an die Organisation und ihre Verantwortlichkeiten sind groß.

Die UNESCO ist in der EU hauptsächlich für ihre starke Rolle im Bereich Bildung und Kultur bekannt. Gibt es noch mehr?

Na klar. Die UNESCO ist in etlichen Bereichen der Post-2015-Agenda aktiv. Nicht nur im Bildungsbereich spielen wir eine führende Rolle. Wir haben aktiv darauf hingearbeitet, dass die Meere ein eigenes Entwicklungsziel gewidmet bekommen. Gemeinsam mit der „Intergovernmental Oceanographic Commission“ haben wir uns für die Meereswissenschaft, Klimaforschung, der Verasauerung, die Verschmutzung der Ozeane und für den Aufbau von Tsnumami-Frühwarnsystemen stark gemacht. Das alles gehört auch zu unseren Aufgaben.

Wir arbeiteten sehr aktiv in den Bereichen Süßwasser und Abwasseranlagen, an der Wasserzusammenarbeit durch das internationale hydrologische Programm, an Wassersicherheit, an der Verknüpfung von Wassersicherheit, Energiesicherheit und Nahrungsmittelsicherheit, wir haben auch sehr aktiv daran gearbeitet, damit die Biodiversitäts-Probleme durch unser „Man and the Biosphere Programme“ einbezogen werden. Wir arbeiteten sehr aktiv und ich denke, wir haben sehr gute Ergebnisse erzielt, damit das kulturelle Erbe und die Kultur- und Kreativwirtschaft Bestandteil etlicher SDGs wird. Wir haben nie darauf abgezielt, ein eigenes Kulturziel in den SDGs einzubringen. Vielmehr wollen wir Kultur als Antreiber für Entwicklung, sozialen Zusammenhalt und urbane Nachhaltigkeit verstanden wissen.

Wenn die SDGs verabschiedet werden, hoffe ich, dass es in der politischen Erklärung einen Text geben wird, der außer die Ziele aufzuführen, auch erwähnt, dass es genauso wichtig ist, sich darüber im Klaren zu sein, wie sie erreicht werden sollen und dass Kultur eines der stärksten Instrumente zur Mobilisierung der verschiedenen Gemeinschaften ist. Weil wir den Menschen in den Mittelpunkt der Post-2015-Agenda stellen, ist es klar, dass die Kultur eine große Rolle spielen sollte.

Ich bin nicht sicher, ob die Weltgemeinschaft von der Wichtigkeit von Kulturgütern überzeugt ist. Der Islamische Staat (IS) hingegen schon. Das Ausmaß, in dem der IS die menschliche Kultur und das kollektive Gedächtnis auslöscht ist ein klarer Beweis dafür. Es muss doch sehr schwer für die UNESCO sein, einem solch barbarisches Handeln gegenüberzustehen – gerade weil der Internationale Gemeinschaft der Appetit auf Militäreinsätze vergangen ist.

Ohne Zweifel: Was in Syrien und dem Irak passiert ist eine Tragödie für die gesamte Menschheit. Über Jahrzehnte hinweg haben keine so systematische Zerstörung des kulturellen Erbes erlebt. Wir wissen ja, Mesopotamien ist die Wiege der menschlichen Zivilsation, das erste Alphabet ist dort aufgetaucht und etliche Erfolge, wie etwa die Idee der kulturellen Vielfalt des Nahen Ostens, haben dort stattgefunden. Die IS-Extremisten verfolgen Minderheiten, zerstören kulturelle Monumente und beteiligen sich an rechtswidrigem Handel von Waffen und Drogen, um ihre Aktivitäten zu finanzieren. Ich nenne das „kulturelle Säuberung“.

Es ist unheimlich schwierig, ein solches Phänomen zu bekämpfen. Aber was uns Mut macht ist, dass der Wille nie stärker war, das Kulturerbe zu bewahren. Wir wollen den illegalen Handel von Drogen, Waffen und Öl eindämmen. Hier arbeiten wir mit Interpol, der Weltzollorganisation und dem Büro der Vereinten Nationen für Drogen- und Verbrechensbekämpfung zusammen. Ich denke die jüngsten Daten geben uns Mut.

Wir sitzen heute in Brüssel. Was bringt Sie eigentlich hier her?

Ich habe an einer Konferenz teilgenommen, die sich um die Einbeziehung von Kultur-Aspekten in EU-Projekten der Entwicklungszusammenarbeit dreht. Mit Hilfe der EU haben wir nationale Mechanismen aufgebaut, um die UNESCO-Konvention zum Schutz der kulturellen Vielfalt in Entwicklungs- und Schwellenländern umzusetzen. In einigen Ländern haben wir die staatlichen Strukturen gestärkt, um Kulturpolitik auszubauen und zu modifizieren, in anderen Ländern haben wir der Kulturindustrie unterstützt. Dieses Projekt werden wir weiter fortführen.

Ich habe mich auch mit EU-Entwicklungskommissar Neven Mimica sowie mit Silvia Costa, Vorsitzende des Kulturausschusses im Europaparlament getroffen. Ich hatte außerdem die Ehre, Königin Mathilde von Belgien zu sprechen, die ein großes Interesse gezeigt hat – insbesondere in unserer Bildungsarbeit und unseren Bemühungen, das kulturelle Erbe zu bewahren. Frau Costa hat mich für September zu einer Diskussion im Europaparlament eingeladen. Dort soll es darum gehen, wie das EU-Parlament ihre Kulturpolitik effizienter gestalten kann. Ich habe mich kürzlich auch mit EU-Kulturkommissar Tibor Navracsics getroffen. Dabei ging es um Bildungsaspekte insbesondere mit Blick auf die Nachhaltigen Entwicklungsziele.

Sie sprachen über Reformen in den Vereinten Nationen. Wie wäre es denn, wenn Sie Ban Ki-moon folgen, dessen Amtszeit Ende 2016 ausläuft? Das hat ja sogar das Boulevard-Magazin „Paris Match“ kürzlich vorgeschlagen. Hat Ihre Kampagne schon begonnen?

Ich konzentriere mich derzeit vollständig auf meine Arbeit in der UNESCO. Denn wir haben große Herausforderungen dieses Jahr zu bewältigen. Natürlich unterstütze ich den UN-Generalsekretär. Wir arbeiten zudem eng zusammen mit der französischen Regierungen, um den Pariser Klimagipfel COP 21 zu einem Erfolg zu führen. Ich bin sehr stolz und geschmeichelt über die Entscheidung der bulgarische Regierung, mich für das Amt des UN-Generalsekretärs zu nominieren. Das ist natürlich ein wichtiges Ziel für unser Land, wie das bereits Premierminister Boyko Borissov und Präsident Rossen Plevneliev mehrere Male bekräftigt haben. Aber momentan habe ich genug als UNESCO-Chefin zu tun.