Was die EU von Afrika lernen kann

SpecialReport: Erster Deutscher EntwicklungstagOb Safari- oder Katastrophen-Kontinent: Afrika ist in den Köpfen der meisten Menschen noch immer mit vielen Klischees behaftet. Der Entwicklungstag hat einen Beitrag dazu geleistet, um ein differenzierteres und genaueres Bild von Afrika zu zeichnen, sagt Susanne Anger, Sprecherin von "Gemeinsam für Afrika", im Interview mit EURACTIV.de.

Bundesentwicklungsminister Dirk Niebel (re.) begrüßt die Botschafter mehrerer Länder beim ersten Deutschen Entwicklungstag. Foto: dpa
Bundesentwicklungsminister Dirk Niebel (re.) begrüßt die Botschafter mehrerer Länder beim ersten Deutschen Entwicklungstag. Foto: dpa

SpecialReport: Erster Deutscher EntwicklungstagOb Safari- oder Katastrophen-Kontinent: Afrika ist in den Köpfen der meisten Menschen noch immer mit vielen Klischees behaftet. Der Entwicklungstag hat einen Beitrag dazu geleistet, um ein differenzierteres und genaueres Bild von Afrika zu zeichnen, sagt Susanne Anger, Sprecherin von „Gemeinsam für Afrika“, im Interview mit EURACTIV.de.

EURACTIV.de: Am 25. Mai 2013 fand bundesweit erstmals der Deutsche Entwicklungstag statt. Wie lautet Ihr Fazit? ANGER: Unser Fazit ist überwiegend sonnig. Es war in nahezu allen Städten eine rege Beteiligung zu verzeichnen und von den meisten Besuchern gab es positive Resonanz. Die Organisationen konnten sich mit ihren Projekten und Anliegen positionieren und haben viele gute Gespräche geführt. Zudem wurden neue Interessenten an einer Mitarbeit und Unterstützung gefunden. Im Norden fiel der Entwicklungstag unter eine Dauerberieselung, die es uns natürlich schwer gemacht hat. Aber für das Wetter kann niemand etwas. Da müssen wir einfach auf nächstes Jahr hoffen. EURACTIV.de: Schwerpunktthema war in diesem Jahr Afrika vor dem Hintergrund des 50. Jahrestages der Afrikanischen Union. Wie ist es um das Afrika-Bild in der Bevölkerung bestellt und was konnte der Entwicklungstag daran ändern? ANGER: Afrika ist noch immer in den Köpfen der meisten Menschen in unserem Land mit vielen Klischees behaftet. Ob es der Safari- oder der Katastrophen-Kontinent ist. Der Entwicklungstag konnte da durchaus einen guten Beitrag leisten, um ein differenzierteres und genaueres Bild von Afrika zu zeichnen. Es konnte gut dargestellt werden, was in der Entwicklungszusammenarbeit durchaus positiv läuft, dass sie Sinn macht und Dinge verändert. Unser Anliegen war auch, dieses differenzierte Bild den Besuchern näher zu bringen und somit eine höhere Akzeptanz dafür zu erzielen, den Entwicklungsetat auf die 0,7 Prozent zu erhöhen. Dieses Ziel kann nur mit höherem politischen Druck von NGOs und weiter Teile der Bevölkerung erreicht werden.

Ohne Geld keine Qualität

EURACTIV.de: Bis 2015 wollte man eigentlich 0,7 Prozent des Bruttonationaleinkommens für öffentliche Entwicklungszusammenarbeit einsetzen. Deutschland ist noch weit von diesem 0,7-Prozent-Ziel entfernt. Von der CDU heißt es allerdings, das Ziel sei damals „recht willkürlich gesteckt“. Zudem könne man „wahre Erfolge“ in der Entwicklungszusammenarbeit nicht allein an der Höhe der Gelder, sondern an der Qualität und Nachhaltigkeit der Projekte festmachen. Wie bewerten Sie diese Auffassung? ANGER: Ohne Zweifel kommt es auf die Qualität der Entwicklungszusammenarbeit an. Aber Qualität kann man nicht ohne Geld erzielen. Wenn man statt 0,38 nun 0,7 Prozent Budget hätte, könnte man doppelt so gute Arbeit in bester Qualität leisten. Deshalb halten die Entwicklungsorganisationen an ihrer Forderung fest, das gegebene Versprechen einzuhalten. Darüber hatte man auch damals – als es gegeben wurde – schon genug nachgedacht. Wir erwarten von der nächsten Bundesregierung, dass sie alle Anstrengungen unternimmt, dieses Versprechen endlich einzulösen. EURACTIV.de: Wer ist Schuld daran, dass das Afrika-Bild in der deutschen Vorstellung negativ geprägt ist? Ist es das Bildungssystem? Sind es die Medien? ANGER: Es ist eine Mischung aus allem. Es ist auf der einen Seite ein Bildungssystem, das unserem Nachbarkontinent, seiner Geschichte, Entwicklung und Tradition viel zu wenig Aufmerksamkeit widmet. Auf der anderen Seite berichten die Medien nur dann ausführlich, wenn in Afrika mal wieder die Hölle los ist. Ob es eine Hungerkatastrophe ist, wenn es um Korruption oder einen Bürgerkrieg geht. Über Erfolge wird wenig berichtet. Über positive Entwicklungen noch weniger. Das Bild wird ganz stark von den Medien bestimmt. EURACTIV.de: Was kann die EU als Schwesterinstitution aus 50 Jahren panafrikanischer Zusammenarbeit lernen? ANGER: Man muss sich nur ansehen, wie es keine gemeinsame Außenpolitik der EU in Bezug auf Syrien gibt. Von den 54 afrikanischen Ländern, die noch viel differenzierter in ihrer Entwicklung und ihrer Zusammensetzung sind als die Europäische Union mit 27 Ländern, kann die EU lernen, dass Einigung möglich ist. Und zwar über unterschiedlichste Traditionen und kulturelle Vorstellungen hinweg. Da können wir durchaus von den Afrikanern lernen.

Misslungenes Plakat mit guter Absicht

EURACTIV.de: Im Vorfeld des Entwicklungstages und an diesem selbst gab es einigen Unmut über eine Plakatkampagne des BMZ. Wie beurteilen Sie das Plakat und die Aufregung darum? ANGER: Dieses Plakat hatte eine gute Absicht, war aber misslungen. Es war aber kein Plakat zum Entwicklungstag. Dass es genutzt wird, um den Entwicklungstag zu kritisieren, liegt erst mal auf der Hand und ist logisch. Wir finden es aber nicht angemessen. Es haben fast 600 Akteure in 16 Städten ihre Arbeit präsentiert. Sie haben unglaublich viel Engagement in die Vorbereitung und Durchführung dieses Tages gesteckt. Dass dieses Anliegen aufgrund der Diskussion um ein misslungenes Plakat insbesondere in der medialen Berichterstattung droht unterzugehen, finden wir mehr als misslich. Wir halten es nicht für schlau, berechtigte Kritik an solch einem Plakat an einem solch wichtigen Tag so in der Vordergrund zu stellen. EURACTIV.de: Kritik gibt es häufig an Bundesentwicklungsminister Dirk Niebel und seinem Ministerium wegen der Orientierung der deutschen Entwicklungszusammenarbeit an Wirtschaftsinteressen. Ist diese Kritik nachvollziehbar? ANGER: Dass NGOs das natürlich vorsichtig beurteilen und sehr kritisch beobachten ist naheliegend und nachvollziehbar. Es geht aber nicht darum, pauschal eine wirtschaftliche Ausrichtung zu verteufeln. Das wäre Blödsinn. Es wäre auch naiv, zu glauben, dass eine Entwicklungszusammenarbeit keine nationalen Interessen verfolgt. Und nationale Interessen sind nicht grundsätzlich verkehrt. Wenn es aber einen einseitigen Trend gäbe, die Entwicklungszusammenarbeit vor allem an wirtschaftlichen Konzerninteressen auszurichten, dann üben selbstverständlich auch wir deutliche Kritik. Interview: Daniel Tost

Links

Zum Thema auf EURACTIV.de Afrika – Partnerschaft auf Augenhöhe oder Neokolonialismus? (27. Mai 2013) „Afrika ist ein Chancenkontinent geworden“ (24. Mai 2013) Afrika: Potenziale, Perspektiven und Klischees (23. Mai 2013) Einblicke in die Entwicklungszusammenarbeit (22. Mai 2013) Deutscher Entwicklungstag: Website  Deutscher Entwicklungstag: Programm für Berlin  BMZ: Was ist der Deutsche Entwicklungstag? BMZ: Erster deutschlandweiter Entwicklungstag Engagement Global: Der Deutschen Entwicklungstag kommt  Gemeinsam für Afrika: Gemeinsam für Afrika lädt ein, den „Kontinent der Potenziale” zu bereisen (21. Mai 2013)