Abwanderung: Tschechien sucht Ersatz für hochqualifizierte Arbeitskräfte [DE]

Hochqualifizierte Tschechen werden verstärkt von Stellenangeboten in den alten Mitgliedstaaten angelockt. Wenn Tschechien die fehlenden Fachkräfte nicht ersetzen kann, wird das Wirtschaftswachstum des Landes darunter leiden, warnt eine Studie.

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Hochqualifizierte Tschechen werden verstärkt von Stellenangeboten in den alten Mitgliedstaaten angelockt. Wenn Tschechien die fehlenden Fachkräfte nicht ersetzen kann, wird das Wirtschaftswachstum des Landes darunter leiden, warnt eine Studie.

Die Studie analysiert den Bedarf an qualifizierten Arbeitskräften in unterschiedlichen ‚alten’ Mitgliedstaaten und vergleicht die Daten mit dem Bedarf an qualifizierten Arbeitskräften in der Tschechischen Republik. Ebenfalls analysiert werden tschechische Politikinitiativen, die darauf abzielen, ‚Brain-Drain’ zu verhindern und die Gründe für die Abwanderung von tschechischen Experten nach Westen untersuchen. 

Die vergleichende Studie kommt zu dem Ergebnis, dass die Branchen, in denen in Tschechien die Nachfrage an qualifizierten Arbeitskräften das Angebot übertrifft, die gleichen sind wie in den ‚alten’ Mitgliedstaaten (EU-15). Es fehlen Ärzte und hochqualifiziertes medizinisches Personal, IT-Spezialisten, Manager und Unternehmer, sowie Fachkräfte in der Elektro- und Elektronikbranche und Maschinenbauingenieure. Es sind also die gleichen Arbeitskräfte, die auf dem tschechischen Arbeitsmarkt benötigt werden, die von westeuropäischen Arbeitgebern gesucht werden.

Die Studie nennt Deutschland als Beispiel für ein Land, das Übergangsregeln eingeführt hat und gleichzeitig eine neues ‚Einwanderungsgesetz’ erlassen hat, um Wissenschaftler, IT-Experten und Ärzte nach Deutschland zu holen und so die Nachfrage auf dem deutschen Arbeitsmarkt zu stillen.

Tschechien ist bemüht, qualifizierte ausländische Arbeitnehmer nach Tschechien zu locken. 2003 hat das Land, als erste der Volkswirtschaften im Übergang, ein Pilotprojekt (‚Active Selection of Qualified Foreign Workers’) lanciert, mit dem Ziel, ausländische Arbeitnehmer (aus Nicht-EU-Ländern) nach Tschechien zu holen. Das Projekt ist ein erster Schritt auf dem Weg zu einer kohärenten Einwanderungspolitik. Wichtigster Aspekt des Projekts ist die raschere Bearbeitung von Anträgen auf Arbeitserlaubnis für hochqualifizierte Arbeitskräfte. Bei regulären Anträgen kann die Bearbeitungszeit sehr lang sein. 

Das Projekt ist nicht auf bestimmte Berufsgruppen beschränkt, aber das Herkunftsland spielt eine entscheidende Rolle. Ausländische Anwärter müssen mindestens Abitur haben und bereits vor Ankunft eine Zusage für eine Beschäftigung vorweisen können. Laut den Autoren der Studie ist diese Voraussetzung die Erklärung für die geringe Teilnahme an dem Projekt.

Um die Anzahl der Teilnehmer zu erhöhen, hat das tschechische Arbeitsministerium eine Internetseite eingerichtet (‚Jobs for Foreigners’), die ausländischen Arbeitskräften bei der Jobsuche in Tschechien helfen soll. Jedoch werden auf der Seite nur wenige Stellen angeboten und deren Qualität lässt einiges zu wünschen übrig. Die Autoren stellen daher die Frage, ob dies der richtige Weg ist, um ausländische Arbeitskräfte anzulocken.

Das durchschnittliche Qualifikationsniveau der tschechischen Erwerbstätigen ist relativ hoch. Die Erklärung hierfür ist die hohe Zahl an teilqualifizierten Arbeitnehmern. Es gibt jedoch einen Mangel an diplomierten Spezialisten – nur 13% der Erwerbstätigen haben einen Hochschulabschluss, im Vergleich zu 25% in der EU-15. Die Autoren nennen fehlende Verknüpfungen zwischen dem tschechischen Bildungswesen und dem Arbeitsmarkt als Grund für dieses Missverhältnis.  

Die Studie untersucht auch die Beweggründe der hochqualifizierten tschechischen Arbeitskräfte, die im westlichen Ausland, wie den alten Mitgliedstaaten und den USA, nach Arbeit suchen. Nach Ansicht der Autoren sei das Lohnniveau nicht entscheidend. Dieses Kriterium spiele eher für die mittel- und geringqualifizierten Arbeitnehmer eine Rolle, während für die untersuchte Zielgruppe eher Erfahrungen und der Wissenserwerb im Mittelpunkt stünden.

Dennoch betont die Studie von RILSA auch die Bedeutung finanzieller Beweggründe. Im Hinblick auf internationale und tschechische Studien zieht diese Studie den Schluss, dass ein Einkommen im Ausland, das das Niveau des tschechischen Einkommens um mindestens das Dreifache übersteigt, für einen Weggang ausschlaggebend ist. Aber auch schon bei einem nur doppelt so hohen Gehalt würde eine Abwanderung in Erwägung gezogen. Ein Vergleich zeige, dass die reale Kaufkraft tschechischer Spezialisten etwa 40% der Kaufkraft hochqualifizierter Arbeitskräfte aus den alten Mitgliedstaaten ausmache. Deswegen zieht die Studie die Schlussfolgerung, dass die Motivation für eine Stellenaufnahme in den westlichen Mitgliedstaaten bestehen bleibt.