Agrarministerium gibt Startschuss für neue Ernährungsstrategie

Mit einem virtuellen Verbändegespräch hat Bundesagrarminister Cem Özdemir den Prozess zur Erarbeitung einer Ernährungsstrategie gestartet. Diese soll Lebensmittel in Deutschland gesünder und nachhaltiger machen, im Detail gehen die Erwartungen jedoch weit auseinander.

Euractiv.de
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Ziel der Ernährungsstrategie, die die Ampelparteien bereits im Koalitionsvertrag vereinbart hatten, ist es laut Bundesagrarministerium, “eine gesundheitsförderliche und nachhaltige Ernährungsweise für Verbraucherinnen und Verbraucher einfacher zu machen.” [SHUTTERSTOCK]

Mit einem virtuellen Verbändegespräch hat Bundesagrarminister Cem Özdemir den Prozess zur Erarbeitung einer Ernährungsstrategie gestartet. Diese soll Lebensmittel in Deutschland gesünder und nachhaltiger machen. In Detailfragen gehen die Erwartungen jedoch weit auseinander.

“Alle sollten die Möglichkeit haben, sich gut zu ernähren”, betonte Özdemir zu Beginn des Verbändegesprächs am Mittwoch (29. Juni).

Ziel der Ernährungsstrategie, die die Ampelparteien bereits im Koalitionsvertrag vereinbart hatten, ist es laut Bundesagrarministerium, “eine gesundheitsförderliche und nachhaltige Ernährungsweise für Verbraucherinnen und Verbraucher einfacher zu machen.”

Konkret soll die Strategie in diesem Zuge auf eine stärker pflanzenbasierte Ernährung sowie eine Reduzierung des Konsums von Zucker, Fett und Salz hinwirken.

Einen Ansatzpunkt hierfür sieht das Ministerium in der Gemeinschaftsverpflegung in Kantinen am Arbeitsplatz, in Bildungs- und Betreuungseinrichtungen.

“Es ist geradezu eine Schande, wenn unser Land es nicht schafft, als viertgrößte Volkswirtschaft der Welt, dass alle Kinder in der Schule ein vollwertiges, gesundes Essen (…) bekommen”, betonte der grüne Minister.

Maßnahmen wie die Verbesserung der Gemeinschaftsverpflegung sollen dabei auch dazu dienen, vulnerable Gruppen, Menschen mit Einwanderungsgeschichte und Kinder besser zu erreichen.

Hierzu gehört auch eine geplante Einschränkung an Kinder und Jugendliche gerichteter Werbung für Produkte mit hohem Zucker- oder Fettgehalt.

Aktuell seien in Deutschland rund 15 Prozent der Drei- bis Siebenjährigen übergewichtig, knapp 6 Prozent davon adipös, betonte Özdemir.

Vor knapp zwei Wochen hatten sich auch die Verbraucherschutzminister:innen der Bundesländer nach einem Treffen in Weimar für ein umfassendes Werbeverbot für Kinder bei ungesunden Lebensmitteln ausgesprochen.

Eckpunkte bis Jahresende

“Mit Blick auf die Schonung der natürlichen Ressourcen” will die Bundesregierung mit der Ernährungsstrategie außerdem der Verschwendung von Lebensmitteln entgegenwirken.

Die neue Ernährungsstrategie wäre in Deutschland die erste ihrer Art und soll als Dachstrategie bestehende, spezifischere Gesetze, Maßnahmen und Strategien bündeln, beispielsweise die Strategie zur Reduzierung der Lebensmittelverschwendung oder die sogenannte Reduktions- und Innovationsstrategie für Zucker, Fette und Salz in Fertigprodukten.

Mit ihrem übergreifenden Ansatz sowie dem Trend, einen stärkeren Fokus auf gesamte Ernährungssysteme statt hauptsächlich auf die landwirtschaftliche Produktion zu setzen, ähnelt die geplante Ernährungsstrategie in ihrem Ansatz der sogenannten Farm-to-Fork-Strategie, die die EU-Kommission auf europäischer Ebene 2022 vorgelegt hatte.

Bis zum Jahresende will das Ministerium nun ein Eckpunktepapier erstellen. Nach Konsultation mit den betroffenen Verbänden und einer Ressortabstimmung innerhalb der Bundesregierung soll die Strategie dann bis Ende 2023 vorliegen.

Unter den beteiligten Verbänden und Interessenvertreter:innen stieß das Vorhaben grundsätzlich auf Zustimmung. In der Praxis gehen die Erwartungen jedoch teils auseinander.

Mehr Bio, weniger Fleisch?

Inhaltlich erweist sich beispielsweise die Frage als Zankapfel, ob die Bundesregierung mit der Strategie einen höheren Anteil ökologischer Lebensmittel am Gesamtverbrauch anstreben sollte. Auf Produktionsseite hat sich die Ampel bereits das Ziel gesetzt, bis 2030 einen Anteil des Ökolandbaus von 30 Prozent aller Ackerflächen zu erreichen.

Für die Ernährungsstrategie forderte in einer Erklärung beispielsweise das Bündnis “Ernährungswende anpacken” – ein Zusammenschluss von 22 Organisationen aus verschiedenen Bereichen -, bis 2023 einen Anteil von 50 Prozent Bioprodukten in der Gemeinschaftsverpflegung anzuvisieren.

Aus Sicht des Deutschen Bauernverbands (DBV) sollten dagegen regionale Lebensmittel, egal ob aus konventioneller oder Bioproduktion, gleichermaßen unterstützt werden, wie ein Sprecher gegenüber EURACTIV Deutschland mitteilte.

Der Verband forderte außerdem, die Strategie müsse sich zur Mischkost bekennen, wie auch der Deutsche Lebensmittelverband, der die Industrie vertritt und in einer Erklärung betonte, sowohl tierische als auch pflanzliche Lebensmittel leisteten “einen wichtigen Beitrag zu einer bedarfsgerechten Energie- und Nährstoffversorgung.”

Das Bündnis “Ernährungswende anpacken” machte dagegen eine “pflanzenbasierte Ernährung vom Acker bis auf den Teller” zu einer seiner 10 Kernforderungen für die Strategie.

Freiwilligkeit versus Lenkung

Doch auch über die Art und Weise, wie eine Ernährungsstrategie ihre Zielsetzungen angehen sollte, sind die Interessenvertreter:innen uneins. Dabei geht es vor allem darum, wie stark die Maßnahmen – aufseiten von Verbrauchern wie Unternehmen – auf Freiwilligkeit setzen statt auf feste Vorgaben und Ordnungsrecht sollten.

Während sich das Verbändebündnis beispielsweise für “lenkende Steuern” ausspricht – so könnte die Mehrwertsteuer auf nachhaltige, gesunde oder tierfreundliche Produkte relativ gesenkt oder umgekehrt auf andere Produkte erhöht werden – lehnt der Deutsche Bauernverband eine “Strafsteuer zur Ernährungslenkung” als “Bevormundung der Verbraucher” strikt ab.

Derweil sprach sich der Lebensmittelverband auch in Bezug auf die Unternehmen der Lebensmittelwirtschaft für Freiwilligkeit und die Einhaltung “marktwirtschaftlicher Grundsätze“ aus.

So müsse die Strategie “berücksichtigen, dass es eine Unternehmensaufgabe ist, zu entscheiden, welche konkreten Maßnahmen auf Unternehmensebene ergriffen werden können.”

[Bearbeitet von Oliver Noyan]