Albanische asylsuchende Kinder verschwinden in Großbritannien

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Die Polizei meldet laut Guardian, dass bloß die Hälfte aller Vermissten gefunden wurde. [Shutterstock/Martchan]

Von den 200 asylsuchenden Kindern, die aus den von der britischen Regierung zur Verfügung gestellten Hotels verschwunden sind, waren nach Angaben von Minister Lord Murray 88 Prozent Albaner. In Tirana sorgte das Verschwinden der Kinder und die Nachlässigkeit der britischen Behörden für einiges an Aufsehen. 

„Das Innenministerium hat keine Befugnis, unbegleitete asylsuchende Kinder in diesen Hotels festzuhalten, und wir wissen, dass einige von ihnen verschwinden. Viele von ihnen, die vermisst werden, werden später aufgespürt“, schrieb Murray in seiner Antwort an den liberaldemokratischen Abgeordneten Paul Scriven.

Er fügte hinzu, dass insgesamt 176 der Kinder albanischer Herkunft waren. Britische NGOs haben immer wieder Alarm geschlagen, weil Kinder verschwinden und aus Unterkünften entführt werden, die das britische Innenministerium zu ihrem Schutz bereitstellt.

Philip Ishola, Geschäftsführer von Love146, einer Organisation die sich gegen den Kinderhandel einsetzt, erklärte gegenüber The Guardian, dass sie angeboten hätten, die Sicherheit der Unterkünfte zu prüfen. Dies wurde abgelehnt, und nachfolgende Warnungen wurden ignoriert.

„Dies ist mehr als ein Jahr her, und es war damals offensichtlich, dass es ernsthafte Bedenken hinsichtlich der Sicherheit von jungen Menschen in diesen Hotels gab. Seitdem hat das Innenministerium wiederholt davor gewarnt, dass Kinder verschwinden, um möglicherweise wie Ware gehandelt und ausgebeutet zu werden, doch diese Bedenken wurden ignoriert“, sagte er.

Die Polizei teilte dem Guardian mit, dass von allen gemeldeten Vermissten weniger als die Hälfte gefunden worden sei. Die Vermissten seien dem Risiko des Kinderhandels ausgesetzt, da Autos in der Nähe des Hotels gesichtet wurden, die Kinder von der Straße abholten. Ebenso wurden einige Verhaftungen vorgenommen.

Daniel Sohege, der Direktor von Stand For All, einer Menschenrechtsorganisation mit besonderem Interesse an Flüchtlingsrecht und -schutz, verurteilte die Enthüllungen.

„Die [britische] Regierung hat nichts anderes getan, als Albaner anzugreifen, und ignoriert, dass albanische Jugendliche bezüglich Kinderhandel besonders gefährdet sind. Ihre Rhetorik, ihre Feindseligkeit und ihre Gleichgültigkeit gegenüber ihrer Sicherheit haben dazu geführt, dass so viele vermisst und ausgebeutet werden“, schrieb er auf Twitter und forderte das Innenministerium im Rahmen der bestehenden Kinderschutzbestimmungen dazu auf, dass alle Kinder einschließlich der albanischen geschützt werden.

Das Zentrum für Kinderrechte in Albanien (CRCA) erklärte gegenüber EURACTIV, dass die britische Regierung nach dem Gesetz verpflichtet sei, die Kinder zu schützen, und fragte, ob sie sich nicht darum kümmere, weil sie Ausländer seien.

„Diese Fakten werfen eine sehr ernste Frage über die Fähigkeit der britischen Regierung auf, Kinder zu schützen. Das internationale Recht verlangt vom Vereinigten Königreich, unbegleitete Kinder genauso zu schützen wie britische Kinder. Man muss sich fragen, ob dieser Mangel an Fürsorge und Verantwortung daher rührt, dass es sich um ausländische Kinder handelt.“

Die Beziehungen zwischen dem Vereinigten Königreich und Albanien sind wegen der anhaltenden Migrationsproblematik ins Stocken geraten. Im vergangenen Jahr stieg die Zahl der albanischen Asylbewerber, die im Vereinigten Königreich einen Antrag stellten, und mehrere Tausend kamen im Sommer und Herbst per Boot an.

Dies führte dazu, dass die britische Regierung ein hartes Vorgehen gegen Albaner:innen ankündigte und Innenministerin Suella Braverman deren Ankunft mit einer „Invasion“ gleichsetzte. Dies löste in Tirana Empörung aus. Premierminister Edi Rama bezeichnete die Rhetorik als fremdenfeindlich und forderte die britische Regierung auf, Albanien nicht für seine politischen Versäumnisse und internen Streitigkeiten verantwortlich zu machen.

Zum Zeitpunkt des offensichtlichen Vorgehens gegen die Albaner:innen befand sich die regierende Konservative Partei in den Meinungsumfragen auf einem historischen Tiefstand und litt unter dem Abgang des ehemaligen Premierministers Boris Johnson, gefolgt von Liz Truss, und der Ankunft des derzeitigen Premierministers Rishi Sunak.

Doch im Januar war die Situation erneut angespannt, als Einwanderungsminister Robert Jenrick ein Video veröffentlichte, in dem er erklärte, die Regierung arbeite daran, „die Albaner zu finden, sie festzunehmen, sie zum Flughafen zu bringen und nach Tirana zurückzubringen“, weil sie „das System manipulieren“ und fügte hinzu, dass es sich dabei um „gefährliche Kriminelle“ handele.

Die albanische Außenministerin Olta Xhacka reagierte schockiert und erklärte, Jenrick benutze diese Sprache nur, um Stimmen zu gewinnen.

„Ein verbaler Lynchmord an einer ganzen Nation in einer Sprache, die sich anhört, als würde der Minister die Jagd auf #Albaner eröffnen, nur wenige Wochen nachdem eine gemeinsame Stellungnahme der Premierminister Großbritanniens und Albaniens die Rolle der #albanischen Diaspora in Großbritannien und ihren bedeutenden Beitrag zur Kultur, Wirtschaft und Gesellschaft beider Länder lobte. Eine beschämende Ausgrenzung einer Gemeinschaft durch einen Minister einer großen Demokratie, die mit einer unerträglichen Brutalität schreckliche Erinnerungen wachruft!“

Was die vermissten albanischen Kinder betrifft, so erklärte ein Regierungssprecher gegenüber EURACTIV, dass sie über die Angelegenheit nicht informiert seien und erst aus den Medien von der besorgniserregenden Situation erfahren hätten.