BaFin verbietet ungedeckte Leerverkäufe

Deutschland ist seit heute das erste europäische Land, dass ungedeckte Leerverkäufe in Aktien der zehn wichtigsten Finanzinstitute des Landes verboten hat. Bundeskanzlerin Angela Merkel erklärte, ein Vorstoß auf EU-Ebene werde noch Zeit brauchen. EU-Kommissar Michel Barnier mahnte Geschlossenheit an.

Die Finanzaufsicht Bafin hat hochriskante Leerverkäufe verboten – und sofort kehrt die Unsicherheit an den Märkten zurück. Der Euro stürzte erstmals seit April 2006 unter die Marke von 1,22 Dollar. Foto: dpa
Die Finanzaufsicht Bafin hat hochriskante Leerverkäufe verboten - und sofort kehrt die Unsicherheit an den Märkten zurück. Der Euro stürzte erstmals seit April 2006 unter die Marke von 1,22 Dollar. Foto: dpa

Deutschland ist seit heute das erste europäische Land, dass ungedeckte Leerverkäufe in Aktien der zehn wichtigsten Finanzinstitute des Landes verboten hat. Bundeskanzlerin Angela Merkel erklärte, ein Vorstoß auf EU-Ebene werde noch Zeit brauchen. EU-Kommissar Michel Barnier mahnte Geschlossenheit an.

Ab Mittwoch, 0 Uhr, würden ungedeckte Leerverkäufe in Aktien der zehn bedeutendsten deutschen Finanzinstitute untersagt, sagte ein Sprecher des Finanzministeriums am Dienstagabend. Das Verbot betreffe auch ungedeckte Leerverkäufe von Staatsanleihen der Euro-Länder. Auch ungedeckte Credit Default Swaps (CDS), also Kreditausfallversicherungen ohne reale Grundlage, seien von dem Zeitpunkt an verboten.

Die FDP-Fraktion begrüßt das Verbot. "Das findet ausdrücklich unsere Unterstützung", sagte Fraktionschefin Birgit Homburger am Dienstagabend nach einer Fraktionssitzung in Berlin. Alles, was auf nationaler Ebene zur Verhinderung künftiger Krisen gemacht werden könne, müsse schnell auf den Weg gebracht werden.

Vorstoß auf EU-Ebene angestrebt

Ein Vorstoß auf EU-Ebene in dieser Frage werde noch Zeit brauchen, sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel nach Teilnehmerangaben bei der Sitzung der Unionsfraktion am Dienstag in Berlin. Das Kabinett werde am 2. Juni über einen Vorstoß zum deutschen Bankensektor beraten. Damit sollte vor einer europäischen Lösung national ein Weg geschaffen werden, Leerverkäufe zu verbieten. Bis dahin solle die Finanzaufsichtsbehörde BaFin angewiesen werden, auf Grundlage bestehender Instrumente tätig zu werden.

Bei Leerverkäufen wetten Investoren auf fallende Kurse von Wertpapieren oder Währungen. Sie leihen sich Aktien von anderen Anlegern, verkaufen diese und versuchen, sich anschließend billiger wieder damit einzudecken. Bei ungedeckten Leerverkäufen haben sich die Investoren noch nicht einmal die Papiere geliehen und sparen auf diese Weise die Gebühren für die Wertpapierausleihe – was die Risiken noch erhöht. Diese Geschäfte können Kursausschläge einer Aktie drastisch beschleunigen.

Mitverursacher der Finanzkrise

Viele Politiker sehen in den Spekulanten mit ungedeckten Leerverkäufen Mitverursacher der Finanzkrise. Eine These, der die Betroffenen vehement widersprechen. Aus der Perspektive von James Chanos, der mit Leerverkäufen ein Milliardenvermögen angehäuft hat, tragen sie dazu bei, Überbewertungen, Betrug und Marktmissbrauch auszurotten. "Sie sind Finanzpolizisten der Märkte", sagte er im Interview mit dem "Handelsblatt". Denn während der Regulierer wie ein Archäologe immer erst nachher komme, könne der Leerverkäufer wie ein Detektiv viel früher auf Marktverzerrungen aufmerksam machen.

Die Verzerrungen, die Leerverkäufer hervorrufen, halten die Finanzaufseher allerdings für mindestens ebenso gefährlich. Nach dem Kollaps der US-Investmentbank Lehman Brothers war ein Verbot dieser spekulativen Geldanlage notwendig geworden, um die Märkte zu stabilisieren. Ende Januar hatte die BaFin das Verbot nach eineinhalb Jahren auslaufen lassen.Jetzt wurde das Thema wieder aktuell, weil der Verdacht bestand, dass Leerverkäufer griechische Anleihen quasi zum Abschuss freigegeben und Griechenland an den Rand des Ruins gebracht hatten.

Barnier: Europäische Aufsichtsbehörde notwendig

EU-Kommissar Michel Barnier mahnte Geschlossenheit an: "Diese Maßnahmen sind wirksamer, wenn sie auf europäische Ebene koordiniert werden", sagte der Kommissar. Es sei wichtig, dass Mitgliedstaaten gemeinschaftlich handeln, damit eine europäische Ordnung geschaffen werde, um eine zersplitterte und uneinheitliche Regulierung zu vermeiden. "Die Ereignisse zeigen einmal mehr, wie notwendig eine Europäische Aufsichtsbehörde ist", betonte Barnier.

dpa/rtr/dto