Bauernverbände tragen Russland-Sanktionen trotz ‘Herausforderungen’ mit

Landwirtschaftliche Verbände und Agrarministerium haben ihre Solidarität mit der Ukraine ausgesprochen. Die Landwirt:innen wollen Sanktionen gegen Russland trotz möglicher Konsequenzen für den Sektor unterstützen.

Euractiv.de
Flag,Of,Ukraine,On,Wheat.,Harvest,Of,Wheat,In,Ukraine
Die Getreidepreise brechen an den führenden Börsen seit zwei Wochen einen Rekord nach dem anderen. Die Angst vor einer neuen globalen Nahrungsmittelkrise wie im Jahr 2007 ist entsprechend groß, schreibt Eric Andrieu. [[Shutterstock]]

Landwirtschaftliche Verbände und Agrarministerium haben ihre Solidarität mit der Ukraine bekundet. Die Landwirt:innen wollen Sanktionen gegen Russland trotz möglicher Konsequenzen für den Sektor unterstützen.

“Ich verurteile den russischen Angriff auf die Ukraine aufs Schärfste”, erklärte Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir, der von einem “völkerrechtlichen Desaster” sprach.

“Die deutschen Bauern stehen solidarisch an der Seite des ukrainischen Volkes und sind in Gedanken bei unseren Berufskolleginnen und -kollegen und deren Familien, die massiv unter den russischen Angriffen leiden”, sagte der Präsident des Deutschen Bauernverbandes, Joachim Rukwied, am Montag (28. Februar).

An dem Verband war zuvor Kritik laut geworden, nachdem hochrangige Vertreter vergangene Woche in einem Interview angedeutet hatten, wegen der angespannten Marktlage durch die Sanktionen sollten nun Umweltmaßnahmen, wie Flächenstilllegungen oder die Extensivierung der Bewirtschaftung, überdacht werden, um die Lebensmittelversorgung zu sichern.

So betonte unter anderem Özdemir am Montag, die “dramatische Lage in der Ukraine” dürfe nicht von den “Notwendigkeiten des Klimaschutzes ablenken.” Die Landwirtschaft leide selbst unter den Auswirkungen des Klimawandels und müsse zum “Teil der Lösung gemacht werden”, fügte er hinzu. 

Auf Anfrage von EURACTIV am Dienstag zog es der Bauernverband aber vor, nicht erneut auf die Forderungen einzugehen und betonte stattdessen seine Unterstützung für die Sanktionen.

“Als deutscher Bauernverband tragen wir die gegen Putin gerichteten Maßnahmen der Bundesregierung mit, auch wenn es für unsere Branche zu großen Herausforderungen kommen könnte”, so Rukwied.

Ernährungssicherheit

Sowohl die Ukraine als auch Russland sind wichtige Exporteure auf dem globalen Getreidemarkt und machen zusammen fast ein Drittel der globalen Weizenexporte aus. Deutschland importiert außerdem Ölsaaten wie Raps oder Sonnenblumenkerne aus der Ukraine. Auch über Steigerungen der Gas- und Energiepreise könnten sich die Sanktionen gegen Russland auf die Agrarmärkte auswirken.

In einer ersten Einschätzung gab das Bundeslandwirtschaftsministerium jedoch an, keine direkten Auswirkungen auf die Versorgung der Getreide- und Ölsaatenmärkte in Deutschland zu erwarten. Die EU habe hier einen hohen Eigenversorgungsanteil.

Einige Drittstaaten, die stark von Importen aus den beiden Ländern abhängig sind, darunter die Türkei, die nordafrikanischen Staaten sowie Teile Asiens, könnten dagegen nach Ansicht des Ministeriums stärker betroffen sein und Schwierigkeiten haben, die Ausfälle anderweitig auszugleichen.

Gleichzeitig räumte das Landwirtschaftsministerium jedoch ein, steigende Preise für Düngemittel und Energie, eine Verteuerung von Lebensmitteln und infolgedessen steigende Inflation seien nicht auszuschließen. Außerdem könne die hohe Preisvolatilität derzeit auf den internationalen Märkten für Unsicherheit sorgen.

Bei der weiteren Beobachtung der Lage will man außerdem eng mit der EU zusammenarbeiten. So biete beispielsweise der Plan zur Lebensmittelsicherheit, den die Europäische Kommission kürzlich vorgestellt hat, Handlungsoptionen für den Umgang mit Engpässen bei wichtigen Produktionsfaktoren.

Die Kommission hatte den entsprechenden Plan Ende 2021 veröffentlicht. Darin ist unter anderem ein stärkerer Austausch unter den Mitgliedstaaten vorgesehen, um Risiken für die Lebensmittelversorgung früh zu erkennen und die Reaktionen abzustimmen.

Unterstützung für die Ukraine

Özdemir betonte außerdem, das Ministerium werde die Ukraine “mit allen Möglichkeiten dort unterstützen, wo Hilfe gefragt und möglich ist” und sei diesbezüglich bereits in Kontakt mit Ortskräften der Projekte, die es in dem Land fördert.

Nur eine Woche vor dem Start der russischen Invasion hatte die Bundesregierung noch bei einer Veranstaltung des Deutsch-Ukrainischen Agrarpolitischen Dialogs, der vom Bundeslandwirtschaftsministerium gefördert wird, die Kooperation zwischen den beiden Ländern betont und die Ukraine als “Schwerpunktland” der bilateralen Zusammenarbeit bezeichnet.

Einzelheiten über mögliche Hilfszahlungen und -güter sollen aber bei einer außerplanmäßigen Videoschalte der EU-Agrarminister:innen am Donnerstagnachmittag (2. März) abgestimmt werden, sagte eine Sprecherin des Ministeriums gegenüber EURACTIV Deutschland. Bei dem Treffen geht es außerdem um die Auswirkungen der Krise auf die europäischen und globalen Märkte sowie mögliche Unterstützung für besonders betroffene Drittländer.

Auch die Arbeitsgemeinschaft Bäuerliche Landwirtschaft (AbL) betonte ihre Solidarität mit der Ukraine und speziell dem dortigen Agrarsektor. So seien durch Austauschprogramme und Arbeitsverhältnisse seit Jahren freundschaftliche Beziehungen zwischen Bauernfamilien in den beiden Ländern entstanden, sagte AbL-Bundesgeschäftsführer Georg Janßen.

“Ich gehe davon aus, dass auch wieder Bäuerinnen und Bauern bereit sind, geflüchtete Menschen aus der Ukraine aufzunehmen, wenn dies gewünscht wird”, fügte er hinzu.