Berufsberatung in deutschen Moscheen
Die hohe Schulabbrecher- und Arbeitslosenquote junger Türken in Deutschland soll bekämpft werden. Mit dem Projekt „Kolay Gelsin!“ (Wir schaffen das!) werden türkische Jugendliche zur Berufsausbildung motiviert. Das Besondere daran: Das von der EU geförderte Projekt startet nicht in Arbeitsämtern, sondern direkt in den Moscheen.
Die hohe Schulabbrecher- und Arbeitslosenquote junger Türken in Deutschland soll bekämpft werden. Mit dem Projekt „Kolay Gelsin!“ (Wir schaffen das!) werden türkische Jugendliche zur Berufsausbildung motiviert. Das Besondere daran: Das von der EU geförderte Projekt startet nicht in Arbeitsämtern, sondern direkt in den Moscheen.
„Wir schaffen das!“ Armin Laschet, Minister für Generationen, Familie, Frauen und Integration von Nordrhein-Westfalen, erntete großen Beifall mit diesem Aufruf, vor allem auch deswegen, weil er ihn auf Türkisch aussprechen konnte. Nach dem Freitagsgebet in der Duisburger DITIB-Merkez-Moschee haben sich vor kurzem rund 100 türkische Eltern und Jugendliche im Versammlungsraum eingefunden, um ein ungewöhnliches Projekt zu starten, das von der Europäischen Union gefördert wird.
Projekt in 75 Moscheen
Innerhalb von drei Jahren werden in dem deutschen Bundesland Nordrhein-Westfalen in 75 Moscheen jeweils nach dem Freitagsgebet türkische Jugendliche und deren Eltern über Ausbildungsmöglichkeiten informiert.
Laschet forderte alle auf, sich gut über einen Ausbildungsweg zu informieren, denn die Grundlage für den erwünschten Aufstieg sei „gute Bildung und Ausbildung“. Junge Migranten verfügten dank ihrer Zweisprachigkeit oft über gute Voraussetzung, die nur entsprechend gepflegt und sichtbar gemacht werden müssten.
„Beruf ist ein goldenes Armband“
Türkische Jugendliche in Deutschland haben zwar grundsätzlich die gleichen Chancen wie Einheimische, einen Beruf zu erlernen. Doch Schwierigkeiten mit der Sprache und dem Schulsystem, realitätsferne Karrierepläne, Vorurteile potenzieller Ausbildungsbetriebe und mangelnde Information haben bisher zur Folge, dass viel zu wenige türkische Jugendliche einen qualifizierten Schulabschluss schaffen, um dann mit einer beruflichen Ausbildung eine Chance auf einen Arbeitsplatz erhalten. Gute Ausbildung ist die Basis für einen guten Beruf, wie auch das türkische Sprichwort “Meslek Alt?n Bileziktir” (Beruf ist ein goldenes Armband) sagt.
Hohe Schulabbrecherquote
Der Entwurf des neuesten Berufsbildungsberichts vom März 2010 zeigt aber, dass ausländische Jugendliche, darunter vor allem Türken, wesentlich seltener an einer Ausbildung beteiligt sind als gleichaltrige Deutsche. So liegt der Anteil der Jugendlichen mit Migrationshintergrund an einer Berufsausbildung bei 32,2 Prozent. Bei den jungen Deutschen sind es 68,2 Prozent. Rund 15 Prozent der jungen Ausländer brechen die Schule ab, etwa 40 Prozent bleiben ohne Ausbildungsabschluss (11 Prozent bei den Deutschen).
In dem Projekt „Kolay Gelsin!“ haben sich nun die Weiterbildungseinrichtung Akademie Klausenhof, die seit Anfang der siebziger Jahre in der Migrantenbildung tätig ist und sich vor allem auf Schulabschluss für Migranten spezialisiert hat, sowie das imap-Institut aus Leverkusen, das interkulturelle Beratung und Forschung anbietet, zusammengetan. Um die Jugendlichen und ihre Eltern möglichst gut zu erreichen, habe man, so Bülent Arslan vom imap Institut, die Moscheen als Partner gewonnen. Man wolle vor allem im persönlichen Gespräch den türkischen Jugendlichen und Eltern weiterhelfen. „Inzwischen läuft das Projekt auf vollen Touren“, bestätigt Klausenhof-Direktor Alois Becker, der meist selbst die Informationsveranstaltungen leitet. „Auffällig ist, dass es die Teilnehmer sehr schätzen, dass wir in die Moscheen kommen und direkt auf sie zugehen.“ So hat Kolay Gelsin in den ersten drei Monaten bereits rund 400 Interessierte in zehn Veranstaltungen erreicht.
Europäischer Sozialfonds fördert Bildung
Das Projekt ist Teil der Bundesinitiative "XENOS – Integration und Vielfalt" und wird durch das Bundesministerium für Arbeit und Soziales und den Europäischen Sozialfonds (ESF) finanziell gefördert. Das Projekt ist typisch für die Förderpraxis des Europäischen Sozialfonds. Im derzeitigen Programmzeitraum von 2007-2013 verfügt er über 76 Milliarden Euro. Mittel, die überwiegend dazu dienen, Benachteiligten bessere Perspektiven auf dem Arbeitsmarkt zu geben – so wie es das gerade begonnene europäische Jahr zur Bekämpfung von Armut und Ausgrenzung propagiert. Rund 60 bis 80 Prozent der geförderten Maßnahmen des ESF sind europaweit dem Thema Bildung zuzuordnen.
Michael Sommer
Links:
Projekt: www.kolay-gelsin.de (auf deutsch und türkisch)
Detaillierte Informationen über Ausbildungssituation in Deutschland im Berufsbildungsbericht (http://www.bmbf.de/pub/bbb_09.pdf)
Akademie Klausenhof: www.akademie-klausenhof.de
imap-institut: www.imap-institut.de
Europäischer Sozialfonds: www.ec.europa.eu/employment_social/esf/