ChatGPT entfacht Datenschutzdebatte in Europa

Das dauerhafte Verbot von ChatGPT in Italien und die drohenden Datenschutzprobleme im Zusammenhang mit dem KI-Chatbot in Deutschland haben eine europaweite Debatte zwischen denjenigen ausgelöst, die von dem Tool begeistert sind, und jenen, die vor seiner Entwicklung warnen.

Euractiv.com
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OpenAI soll personenbezogene Daten verarbeitet haben, ohne die Nutzer und Einzelpersonen zu informieren, und es fehlt möglicherweise eine Rechtsgrundlage für die umfangreiche Datenerhebung, die zum Training seiner KI-Modelle verwendet wird. [Shutterstock/CHUAN CHUAN]

Das Verbot von ChatGPT in Italien und die drohenden Datenschutzprobleme im Zusammenhang mit dem KI-Chatbot in Deutschland haben eine europaweite Debatte zwischen denjenigen ausgelöst, die von dem Tool begeistert sind, und jenen, die vor seiner Entwicklung warnen.

ChatGPT ist derzeit in aller Munde. Italien hat bereits als erstes Land in der Europäischen Union ein vorübergehendes Verbot verhängt und wittert einen Verstoß gegen die die EU-Datenschutzgrundverordnung (DSGVO)

OpenAI soll personenbezogene Daten verarbeitet haben, ohne die Nutzer und Einzelpersonen zu informieren, so der Vorwurf. Zudem fehle eine Rechtsgrundlage für die umfangreiche Datenerhebung, die zum Training seiner KI-Modelle verwendet wird.

ChatGPT, ein KI-Sprachmodell, das menschenähnliche Antworten auf verschiedene Anfragen verstehen und generieren kann, wurde im November auf den Markt gebracht und ist seitdem schnell gewachsen.

„Problematisch ist die Geschwindigkeit, mit der wir als Gesellschaft nun plötzlich mit dieser Technologie konfrontiert werden“, sagte Sabrina Küspert, Expertin für Künstliche Intelligenz und Mitarbeiterin des deutschen Think-Tanks Stiftung Neue Verantwortung, gegenüber EURACTIV. Dies würde wenig Zeit für eine umfangreiche Debatte lasse.

„Für die einen sind ChatGPT und die zugrundeliegende Technologie eine schädliche Entwicklung, die anderen sind total begeistert davon. Die Wahrheit liegt wahrscheinlich irgendwo in der Mitte“, sagte sie.

Untersuchung der KI-Risiken und des regulatorischen Rahmens

Mit der steigenden Zahl der Abonnenten wachsen die Befürchtungen über die möglichen Auswirkungen von ChatGPT auf den Datenschutz und die Privatsphäre.

In Deutschland untersucht die Datenschutzkonferenz bereits, ob OpenAI gegen die Datenschutz-Grundverordnung verstößt. In Frankreich reichte der Abgeordnete Eric Bothorel am Mittwoch ebenfalls eine Beschwerde bei der französischen Datenschutzbehörde CNIL ein, nachdem diese bereits begonnen hatte, mehrere Beschwerden zu untersuchen.

Die Digitalminister beider Länder sprachen sich jedoch gegen ein nationales Verbot von ChatGPT aus und befürworteten stattdessen eine EU-weite Regulierung. Eine solche Regulierung, bekannt als KI-Gesetz, befindet sich derzeit bereits in der Verhandlungsphase. ChatGPT stellt die Gesetzgeber allerdings vor neue Herausforderungen, da diese im ursprünglichen Vorschlag der Kommission nicht berücksichtigt wurde.

Küspert betonte, wie wichtig es ist, in den kommenden Monaten geeignete Voraussetzungen für eine wirksame Regulierung der Technologie zu finden, auch wenn sie Fortschritte bei der Ausarbeitung des KI-Gesetzes sieht, da der Durchbruch von ChatGPT Einblicke in die Auswirkungen von dieser Form von AI geboten hätte.

„Wir sind noch Jahre davon entfernt, dass das KI-Gesetz anwendbar ist, und es ist entscheidend, dass die Verbraucher in der Zwischenzeit geschützt werden“, sagte Frederico Oliveira da Silva, Senior Legal Officer beim Europäischen Verbraucherverband (BEUC), gegenüber EURACTIV.

Die EU und die nationalen Behörden sollten laut Oliveira sofort eine Untersuchung über die Risiken von ChatGPT und ähnlichen großen Sprachtools in die Wege leiten. Zudem bräuchte es eine „stärkere öffentliche Kontrolle.“

Belgien, Österreich, Kroatien und Finnland haben keine Pläne, die Software zu verbieten. Auch Polen hat keine Beschwerden über die Datenerfassung erhalten, steht aber mit Italien und dem Europäischen Datenschutzausschuss (EDPB) in Kontakt.

In Spanien hat die Datenschutzbehörde (AEPD) vor kurzem eine Petition beim EDPB eingereicht, in der sie auf die Notwendigkeit hinweist, die Auswirkungen von ChatGPT auf den Datenschutz zu bewerten.

Die AEPD gab außerdem bekannt, dass sie „von Amts wegen ein vorläufiges Ermittlungsverfahren gegen das US-Unternehmen wegen eines möglichen Verstoßes gegen die Vorschriften eingeleitet hat“, so die Agentur am Donnerstag in einer Erklärung, wie El País berichtete.

Doppelte Auswirkung auf Arbeitsplätze: Ersatz und Schaffung

KI-Tools wie ChatGPT könnten weltweit 300 Millionen Vollzeitarbeitsplätze betreffen, wobei Verwaltungs- und Rechtsfunktionen mit am stärksten betroffen sind. Dies geht aus einem Bericht von Goldman Sachs hervor, der auf einer Analyse von Daten über Berufsrollen in den USA und Europa basiert.

In dem Bericht heißt es, dass bis zu einem Viertel der derzeitigen Arbeitsplätze durch generative KI ersetzt werden könnten, da etwa zwei Drittel der derzeitigen Arbeitsplätze bereits der KI-Automatisierung ausgesetzt sind. Das Weltwirtschaftsforum schätzt jedoch, dass KI bis 2025 85 Millionen Arbeitsplätze verdrängen und gleichzeitig 97 Millionen neue Arbeitsplätze in Bereichen wie Big Data, digitales Marketing, Geschäftsentwicklung und Informationssicherheit schaffen könnte.

Laut Küspert sollten die europäischen Institutionen Weitsicht beweisen, insbesondere in Bezug auf die Allzweck-KI, um besser einschätzen zu können, wie sie sich in den kommenden Jahren auf die Gesellschaft auswirken wird.

„Es wäre sehr wichtig, dass die Institutionen diese Kapazitäten aufbauen, nicht nur, um Vorschriften wie das KI-Gesetz zu entwickeln, sondern auch, um uns bei der Bewältigung dieser gesellschaftlichen Probleme zu unterstützen“, betonte sie.

Zweischneidiges Schwert im Klassenzimmer

Im Bildungsbereich gibt es Bedenken wegen des möglichen Missbrauchs von ChatGPT, beispielsweise durch Studenten, die diese Software zum Schummeln verwenden, indem sie Aufgaben und Aufsätze erstellen oder sogar einfache Hausaufgaben beantworten.

Einige Schulen und Universitäten verbieten die Software bereits, wie die Sciences Po in Frankreich, die damit eine der ersten Hochschulen weltweit ist, die ein Verbot eingeführt hat, mit Ausnahme der pädagogischen Nutzung unter Aufsicht eines Lehrenden.

 Insgesamt sieht Küspert ChatGPT als eine Chance für Bildung und Forschung.

„Es gibt ein schönes Sprichwort: ‚ChatGPT ist der beste Freund eines Lehrers und Forschers'“, sagte sie und erklärte, dass die Software auf vielfältige Weise eingesetzt werden kann, zum Beispiel für die Literaturrecherche, und dass sie den Menschen helfen könnte, produktiver zu sein, indem sie einzelne Arbeitsschritte erleichtert.

„Es ist spannend zu sehen, was die neue Rolle der Lehrer sein kann. Es geht eher darum, ChatGPT und andere Chatbots als Werkzeug zu nutzen, das uns Zugang zu dem Wissen gibt, das der Chatbot gelernt hat“, betonte sie.

(Mit Beiträgen von Oliver Noyan | EURACTIV.de, Clara Bauer-Babef, Theo Bourgery-Gonse | EURACTIV.fr, Anne-Sophie Gayet | EURACTIV.com, Aleksandra Krzysztoszek | EURACTIV.pl, Fernando Heller | EURACTIV.es, Pekka Vänttinnen, EURACTIV.com, Goran Ivanović | EURACTIV.hr)