Cyberattacken auf europäische Think-Tanks

Microsoft hat eine Reihe von koordinierten Cyberangriffen gegen europäische Think-Tanks und gemeinnützige Organisationen registriert. Darunter sind die Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik und der German Marshall Fund.

EURACTIV.com
Taiwan Computex 2018
Microsoft hat eine Reihe von koordinierten Cyberangriffen gegen europäische Think-Tanks und gemeinnützige Organisationen registriert. [<a href="http://www.epa.eu/science-photos/technology-general-photos/taiwan-computex-2018-photos-54384907" target="_blank" rel="noopener">EPA-EFE/RITCHIE B. TONGO</a>]

Microsoft hat eine Reihe koordinierter Cyberangriffe gegen europäische Think-Tanks und gemeinnützige Organisationen registriert. Diese Organisationen konzentrierten sich auf Fragen im Zusammenhang mit „Demokratie, Wahlintegrität und öffentliche Ordnung“ und unterhalten teils enge Kontakte zu Regierungsvertretern, heißt es.

Der Tech-Riese teilte am heutigen Mittwoch mit, man habe kürzlich Angriffe auf Mitarbeiter-Computer der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik, der europäischen Büros des Aspen Institutes sowie des German Marshall Fund festgestellt.

Microsoft warnte, gerade im Vorfeld der EU-Wahlen 2019 im Mai sei es „wichtig, dass Organisationen, die demokratische Prozesse unterstützen, Zugang zu hochmodernem Cybersicherheitsschutz haben“. Die Wahlen könnten eine ideale Gelegenheit für Angriffe „böswilliger Aktivisten“ bieten, so das Unternehmen weiter.

Microsoft fügte in einer Mitteilung hinzu, man werde die Bemühungen gegen die Einmischung von außerhalb der EU verstärken und den Cybersicherheitsdienst AccountGuard kostenlos für Organisationen, die im Rahmen der EU-Wahlen arbeiten und Office 365 nutzen, bereitstellen.

Die Software, die Teil des „Defending Democracy Program“ von Microsoft ist, soll in zwölf Märkten angeboten werden: Frankreich, Deutschland, Schweden, Dänemark, die Niederlande, Finnland, Estland, Lettland, Litauen, Portugal, die Slowakei und Spanien.

Vorsicht geboten

Karen Donfried, Präsidentin des German Marshall Fund, sagte in Reaktion auf die Nachricht über die jüngsten Cyberangriffe: „Bei den Europawahlen im Frühjahr und den Präsidentschaftswahlen in den USA im kommenden Jahr ist es wichtiger denn je, dass wir wachsam sind, um unsere Demokratien vor Einmischung von außen zu schützen.“

Sie betonte: „Das Risiko besteht offensichtlich nicht nur für Kandidaten und Wahlkampfkampagnen. Organisationen und Einzelpersonen müssen sich ebenso bewusst und vorbereitet sein, dass böswillige Kräfte – einschließlich versierter staatlicher Akteure – versuchen werden, sie im digitalen Raum anzugreifen.“

Woher bzw. von wem die Angriffe ausgingen, ist nicht bekannt. Viele hochrangige Politiker Europas haben in der Vergangenheit die Schuld für derartige Angriffe oftmals Russland angelastet.

Andrus Ansip, der für den digitalen Binnenmarkt zuständige EU-Kommissar, sagte kürzlich in einem Interview mit EURACTIV.com, die EU müsse „mehr tun“, um sich vor russischer Beeinflussung der Europawahlergebnisse zu schützen.

Im Oktober vergangenen Jahres hatte bereits NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg gefordert, Russland müsse „seine rücksichtslosen Verhaltensmuster beenden“. Zuvor hatte es Behauptungen über Cyberangriffe unter russischer Führung auf die Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW) gegeben.

Anfang des Jahres war auch die deutsche Bundesregierung von einem Hack betroffen. Dabei waren persönliche Daten hunderter Politiker und anderen Personen des öffentlichen Lebens, darunter Bundeskanzlerin Angela Merkel, gestohlen und anschließend im Internet veröffentlicht worden. In diesem Fall stammte der Hacker allerdings aus Deutschland.

EU-Bürger besorgt

Viele Bürger sind besorgt über die potenzielle Gefahr von Cyberangriffen, insbesondere mit Blick auf die EU-Wahlen. Eine Eurobarometer-Studie über Demokratie und Wahlen, deren Ergebnisse im November veröffentlicht wurden, ergab, dass 61 Prozent der Europäer befürchten, dass Wahlen durch Cyberangriffe manipuliert werden können, während 59 Prozent sich besorgt über ausländische Akteure und kriminelle Gruppen, die Wahlen beeinflussen wollen, zeigten.

Die Ergebnisse veranlassten Kommissionsvizepräsident Frans Timmermans zu der Feststellung, die EU-Bürger würden „sehr wohl wissen, welche finsteren Kräfte das, was sie lesen, denken und letztendlich wählen, manipulieren wollen“

Auch Estland, eine der „cybersichersten“ Nationen in der EU, war in seinen Warnungen eindeutig. In einem Papier wird erklärt, „erfolgreiche Cyber-Angriffe gegen einen Mitgliedstaat könnte bedeuten, dass die Sitzvergabe [für das EU-Parlament] dort nicht bestätigt werden kann und somit die Gesamtheit des Wahlprozesses gefährdet ist.“

[Bearbeitet von Zoran Radosavljevic & Tim Steins]