Debatte um Agrardiesel: Können Traktoren auch klimafreundlich?
Die kontrovers diskutierte Kürzung der Agrardiesel-Beihilfe als klimaschädliche Subvention scheint für die Bundesregierung vorerst vom Tisch - doch welche klimafreundlicheren Alternativen gibt es für Traktoren und anderen Landmaschinen überhaupt?
Die kontrovers diskutierte Kürzung der Agrardiesel-Beihilfe als klimaschädliche Subvention scheint für die Bundesregierung vorerst vom Tisch. Doch welche klimafreundlicheren Alternativen gibt es für Traktoren und anderen Landmaschinen überhaupt?
Nach langen Verhandlungen mit FDP-Finanzminister Christian Lindner über Ausgaben und Einsparungen im Agrarhaushalt brachte Landwirtschaftsminister Cem Özdemir Anfang Juli einen kontroversen Vorschlag ins Spiel: Da die Agrardiesel-Beihilfe als klimaschädliche Subvention gewertet werden kann, sollte diese auf den Prüfstand und möglicherweise gekürzt oder abgeschafft werden. Damit könnten dann Finanzmittel für andere Vorhaben freigesetzt werden.
Bei der aktuellen Subvention handelt es sich um eine anteilige Rückerstattung der Energiesteuer für Kraftstoffe, die in der Land- und Forstwirtschaft genutzt werden.
Der Vorschlag vom Özdemir löste heftige Gegenreaktionen aus, sowohl vonseiten der FDP und Union als auch aus der Landwirtschaft, und scheint spätestens mit dem von Lindner vorgelegten Haushaltsentwurf für 2024 vorerst vom Tisch.
Trotzdem bleibt die Frage nach der klimapolitischen Wirkung der Beihilfe, die in künftigen Haushaltsverhandlungen wieder auf der Tagesordnung stehen könnte. Entscheidend ist dabei vor allem, inwiefern Höfe bei schweren Landmaschinen überhaupt auf Diesel verzichten können.
Alternativen zum Dieselantrieb für Traktoren und Landmaschinen existieren grundsätzlich bereits, erklärte Udo Hemmerling, Generalsekretär des Deutschen Bauernverbands (DBV): “Traktoren und andere Landmaschinen angetrieben mit Pflanzenöl, Biodiesel, Biomethan, Bio-LNG oder Elektro sind vielfach anwendungsreif für die Praxis entwickelt.”
Der Umstieg auf solche Technologien gehe jedoch bisher verhalten voran, was vor allem an Kostengründen liegt. So seien zum Beispiel Biokraftstoffe oft teurer als fossiler Diesel.
In Zukunft nur noch elektrische Traktoren?
Gleichzeitig gehen die Meinungen darüber auseinander, welche Alternative die vielversprechendste ist.
“Wo immer es möglich ist, zu angemessenen Kosten zu elektrifizieren, macht das am meisten Sinn”, betonte Sofie Defour von der Verkehrs-NGO T&E.
Tatsächlich bieten Maschinenhersteller bereits erste elektrische Alternativen an, doch es bleiben Hürden.
Finanziell gesehen fallen für einen elektrisch betriebenen Traktor deutlich höhere Anschaffungskosten an als für einen konventionellen, erklärte Defour. Allerdings, ist die Elektro-Maschine erst einmal gekauft, ist diese günstiger zu betreiben. Die laufenden Kosten fallen wesentlich geringer aus, da nur noch die Elektrizität statt dem deutlich teureren Diesel für den Betrieb notwendig ist.
Diese Einsparung beim Treibstoff lohnt sich jedoch im Vergleich zum Kaufpreis mehr, je längere Strecken das Fahrzeug zurücklegt, fügte Defour hinzu. Damit rechne sich dies für einen Lastwagen, der täglich weite Strecken zurücklegt, eher als für einen Traktor, der auf dem Gelände des jeweiligen Betriebs bleibt.
Auch auf technischer Ebene gibt es weiter Herausforderungen.
“In der Landtechnik sind vollelektrische Antriebe aktuell nur in den unteren Leistungsklassen sinnvoll”, erklärte Peter Pickel vom Landtechnik-Hersteller John Deere. Anders als beispielsweise in der Autoindustrie sei die Elektrifizierung von Landmaschinen derzeit nur bedingt möglich.
“Batteriebetriebene Konzepte bei mittleren und großen Traktoren sind zurzeit nicht umsetzbar, da die Leistungsdichte der Batterien zu gering ist”, so Pickel. Zum Antrieb schwerer Maschinen würden zu große und schwere Batterien benötigt.
Welche Rolle für Biokraftstoffe?
Trotzdem arbeite der Hersteller auch hier an Lösungen, beispielsweise zur Teil-Elektrifizierung von Traktoren, die auch angehängte Maschinen, beispielsweise Güllefässer, teils mit antreiben können.
“Aufgrund der besseren Regel- und Steuerbarkeit werden sich hier die Elektroantriebe auf dem Weg zu noch mehr Präzision immer stärker durchsetzen”, ist Pickel überzeugt.
Beim Bauernverband zeigt man sich weniger überzeugt von der Möglichkeit, perspektivisch alle Landmaschinen zu elektrifizieren. “In der Landwirtschaft wird es vor allem bei schweren Feldarbeiten nicht ohne den Verbrennungsmotor und damit ohne Biokraftstoffe gehen”, meint Hemmerling.
Doch wie klimafreundlich letztere tatsächlich sind, ist umstritten.
“Wir sehen Biokraftstoffe nicht als nachhaltig an, weil nicht genug Biomasse zur Verfügung steht, um diese für den Verkehrssektor zu nutzen”, betont Defour von T&E.
Aus Sicht von André Paula Santos vom European Biodiesel Board (EBB) ist Biodiesel dagegen “tatsächlich eine großartige Möglichkeit, um Landmaschinen zu dekarbonisieren” und die Klimabilanz des Sektors rasch zu reduzieren.
Dies gelte umso mehr, “weil diese Art von Maschinen höhere Biodieselbeimischungen zu Diesel vertragen als Straßenfahrzeuge.”
Auch aus Sicht von Pickel, Manager des Innovationszentrums von John Deere, ist die Nutzung von Biokraftstoffen für Landmaschinen sinnvoll, allerdings lediglich als “Brückentechnologie”, bis die Elektrifizierung großflächig möglich ist.
Politische Weichen
Klar sei jedenfalls, die Politik müsse die Weichen für klimafreundliche Antriebstechnologien stellen.
In Deutschland gibt es hierfür das “Bundesprogramm zur Steigerung der Energieeffizienz und CO2-Einsparung in Landwirtschaft und Gartenbau”, das noch von der vorherigen Bundesregierung erarbeitet wurde. Auf dieses Programm verweist zu diesem Thema auch der deutsche Strategieplan für die Gemeinsame EU-Agrarpolitik (GAP).
Doch Defour fordert vor allem von der EU mehr Einsatz beim Thema klimafreundliche Landmaschinen. So müsse die Verordnung über die Emissionen von “nicht am Straßenverkehr teilnehmenden bewegliche Arbeitsmaschinen” ausgeweitet werden und stringentere Abgasnormen für solche Maschinen, unter die auch Traktoren fallen, vorgeben.
“Wenn die EU-Mitgliedstaaten ihre Klimaziele erreichen wollen, müssen sie diesen Sektor angehen”, betont sie.
[Bearbeitet von Kjeld Neubert]