"Der Haushalt darf nicht saniert werden"
Die große Depression bleibt Europa nach Ansicht des ifo-Präsidenten Hans-Werner Sinn nur deshalb erspart, weil die Staaten sich hoch verschulden und den Finanzmarkt mit billigem Geld fluten. Weitere Staatsausgaben auf Pump und Steuersenkungen seien jetzt das richtige Mittel, so Sinn heute vor Korrespondenten.
Die große Depression bleibt Europa nach Ansicht des ifo-Präsidenten Hans-Werner Sinn nur deshalb erspart, weil die Staaten sich hoch verschulden und den Finanzmarkt mit billigem Geld fluten. Weitere Staatsausgaben auf Pump und Steuersenkungen seien jetzt das richtige Mittel, so Sinn heute vor Korrespondenten.
Der Staat soll noch mehr Schulden machen, forderte Hans-Werner Sinn heute im Gespräch mit Auslandsjournalisten in Berlin. "Die Krise ist nur deshalb bisher so glimpflich verlaufen, weil der Staat auf Pump die Ausgaben hochgetrieben hat. Diese Erkenntnis sollte Konsequenzen für die Koalitionsverhandlungen haben. Man muss jetzt auf Pump finanzieren", betonte der Präsident des ifo Instituts für Wirtschaftsforschung München.
Dabei sehe er noch kein Ende der Krise. "Die Rezession ist vorbei, die Krise noch nicht. Nach einem senkrechten Absturz liegt die Wirtschaft jetzt am Boden und krabbelt auf allen Vieren den Schotterberg wieder hoch", verdeutlichte Sinn. Der Staat solle bis mindestens Ende 2010 weiter auf Pump die Wirtschaft ankurbeln. "Im Moment ist der Haushalt nicht zu sanieren. Das wäre falsch. Das würde zum Katastrophenszenario von 1929 führen."
Deutschland-Modell in Frage gestellt
Derzeit wird zudem das strukturelle Gleichgewicht in der Weltwirtschaft neu justiert, was auch Deutschland hart treffen werde. Während die USA bisher voll auf Konsum gesetzt und ein enormes Leistungsbilanzdefizit aufgebaut haben, hat Deutschland durch seine Exporte einen Leistungsbilanzüberschuss erwirtschaftet. "Das US-Modell ist kollabiert, und das Deutschland-Modell ist zumindest in Frage gestellt." Sinn blieb allerdings die Antwort auf die Frage schuldig, welche Alternativen es zum exportorientierten Wirtschaftsmodell in Deutschlands geben könnte.
Die Debatte erregt jetzt schon die Gemüter. Bundeswirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg wehrte sich am Freitag vergangener Woche vehement gegen Zweifel an Deutschlands Zukunft als Exportnation. "Es wäre der größte Fehler, (…) jetzt reflexartig zu glauben, dass die Exportlastigkeit unseres Landes der Auslöser der Krise sei. Das ist blanker Unfug", sagte Guttenberg. Der Wirtschaftsminister sprach sich für eine Stärkung der deutschen Exportwirtschaft aus. Als neue Märkte mit viel Potenzial nannte Guttenberg Südamerika und Afrika.
mka