Der Kampf um den Weizen

Die Motive scheinen klar zu sein: Russland verbietet den Export von Weizen, weil Hitze und Brände die Ernte dezimieren. Doch so einfach scheint es nicht zu sein. Moskau soll an einem Weizenkartell basteln. Und der Rohstoffmulti Glencore reibt sich die Hände.

Russlands Brände zerstören Wälder und Felder (Foto: dpa)
Russlands Brände zerstören Wälder und Felder (Foto: dpa)

Die Motive scheinen klar zu sein: Russland verbietet den Export von Weizen, weil Hitze und Brände die Ernte dezimieren. Doch so einfach scheint es nicht zu sein. Moskau soll an einem Weizenkartell basteln. Und der Rohstoffmulti Glencore reibt sich die Hände.

Trotz Dürre und Bränden hat Russland hat genug Weizen. Russische Bauern beklagen denn auch das Exportverbot. Freude über die Maßnahme herrscht dagegen bei einem Schweizer Konzern: Glencore. Der Rohstoffmulti braucht sich so nicht an bestehende Verträge zu halten.

Verbot treibt Weizenpreise

Russland leidet derzeit unter drei Naturkatastrophen gleichzeitig: den höchsten Temperaturen seit Beginn der Erfassung vor 130 Jahren, der schlimmsten Dürre in drei Jahrzehnten und Hunderten von Wald- und Torfbränden. Die Folgen sind denn auch dramatisch: So hat sich in Moskau die Sterberate verdoppelt. Der Ruß der Brände droht das Arktiseis zu verdunkeln, wodurch es mehr Sonnenlicht absorbiert und schneller schmilzt.

Die weitestreichenden Folgen dürfte aber eine Maßnahme der russischen Regierung haben: das Exportverbot für Weizen. Nachdem Moskau angekündigt hat von Mitte August bis Ende Jahr keinen Weizen mehr zu exportieren, sind die Weltmarktpreise deutlich gestiegen, denn Russland gehört zu den größten Weizenexporteuren der Welt.

Ernte deckte gerade mal den Bedarf

Auf den ersten Blick ist das Exportverbot leicht verständlich: Russland hat dieses Jahr keinen Weizen zu exportieren. Ein russischer Bauernverband schätzt die diesjährige Weizenernte auf 70 Millionen Tonnen, was in etwa dem einheimischen Bedarf entspricht.

Letztes Jahr lag die Ernte bei 97 Millionen Tonnen, wovon 21 Millionen Tonnen exportiert wurden. „Wir müssen verhindern, dass die inländischen Nahrungsmittelpreise steigen und Reserven für nächstes Jahr aufbauen“, erklärte der russische Premierminister Wladimir Putin folglich auch den Exportbann.

Er ließ dabei allerdings unerwähnt, dass Russland rund 24 Millionen Tonnen Weizen auf Lager hat. Der Bauernverband ist entsprechend sauer: „Wir können den amerikanischen Bauern gratulieren, dass sie nun die Märkte übernehmen werden, die russische Bauern aufgeben“, sagte ein Verbandssprecher.

Glencore darf höhere Preise verlangen

Ebenfalls gratulieren kann man aber auch einem Schweizer Unternehmen: Glencore, einem der größten Rohstoffkonzerne der Welt.

Bevor der Exportbann am 5. August bekannt gegeben wurde, hat eine russische Tochter des Schweizer Multis die Moskauer Regierung zu einem Exportbann gedrängt, wie die New York Times und das Wall Street Journal berichten. Glencore dementiert und profitiert: Dank des Exportverbots braucht es bestehende Lieferverträge, die oft zu deutlich niedrigeren Preisen abgeschlossen wurden, nicht zu honorieren.

Die Entscheidung der Moskauer Regierung gilt als „höhere Gewalt“ und macht bestehende Verträge nichtig. Hauptleidtragende sind Weizenimporteure wie etwa Ägypten. Das Land hätte im August und September eine halbe Million Tonnen russischen Weizen zu einem Preis von 183 Dollar (139 Euro/191 Franken) pro Tonne erhalten sollen. Wegen des Exportverbots hat es nun französischen Weizen bestellt. Der Preis: 283 Dollar.

Russland setzt auf Weizenkartell

Eine andere Vermutung hinsichtlich der Motive der russischen Regierung hat derweil Stratfor, eine Art Privat-Geheimdienst aus den USA. Das auch als „Schatten CIA“ titulierte Unternehmen glaubt, Moskau setze seine Weizenexporte als politische Waffe ein, vergleichbar etwa mit den Gasexporten.

Russland hat nämlich nicht nur die eigenen Exporte eingestellt, sondern Weißrussland und Kasachstan aufgefordert, ihre Exporte ebenfalls auszusetzen. Während Weißrussland kaum ins Gewicht fällt, ist Kasachstan der weltweit fünftgrößte Weizenexporteur.

Stratfor vermutet daher, dass Russland versucht, ein Weizenkartell aufzubauen. Würde Moskau den Weizenhandel kontrollieren, hätte es größeren Einfluss auf die Weizenimporteure in seinem Umfeld, wie etwa die zentralasiatischen Staaten oder die Länder des Mittleren Ostens.

Egal was hinter dem russischen Exportverbot steckt, so ist eines klar: Die Zeche für diese Maßnahme zahlen die Konsumenten weltweit. An dem Tag, als der Exportbann bekannt gegeben wurde, ist der Preis für Weizen am Chicago Board of Trade, einer US-Rohstoffbörse, um acht Prozent gestiegen, und seit Anfang Juli summiert sich der Preisanstieg gar auf 40 Prozent. In einer Welt, in der jeder sechste Mensch hungert, ist dies eine gefährliche Entwicklung.

Hintergrund: Die größte Firma der Schweiz

Glencore ist mit einem Umsatz von 100 Milliarden Dollar (76 Milliarden Euro/105 Milliarden Franken) und 52 000 Mitarbeitern das größte in der Schweiz beheimatete Unternehmen und einer der größten Rohstoffproduzenten und –händler der Welt. Die Firma wurde im Jahr 2008 mit dem Negativpreis Public Eye Award „ausgezeichnet“.

Dem Unternehmen werden unter anderem Menschenrechtsverletzungen bei einer kolumbianischen Tochterfirma vorgeworfen. Glencore wurde auch beschuldigt, am illegalen Handel mit irakischem Öl während der Herrschaft von Saddam Hussein beteiligt gewesen zu sein.

Glencore wurde von Marc Rich gegründet, der in den USA zu 325 Jahren Haft verurteilt wurde. Bill Clinton hat ihn dann aber an seinem letzten Tag als US Präsident unter ungeklärten Umständen begnadigt. Der Multi befindet sich im Besitz seines Topmanagements und ist nicht börsennotiert. Die Firma ist folglich auch nicht verpflichtet, über ihre Aktivitäten zu berichten.

Analyse von Christian Mihatsch (nachhaltigkeit.org)