Desertec drängt ins Energiekonzept der Bundesregierung
Das Wüstenstromprojekt Desertec fehlt im Nationalen Aktionsplan für erneuerbare Energien. Paul van Son, Geschäftsführer der Desertec Industrie Initiative (DII), wendet sich nun in einem "Brandbrief" an die Kanzlerin. Das visionäre Vorhaben vornehmlich deutscher Konzerne soll ins "Energiekonzept 2050" der Bundesregierung aufgenommen werden. Die Erneuerbare-Energien-Richtlinie der EU scheint der DII als Rechtsrahmen für Investitionen nicht zu genügen. Das Verhältnis zur französischen Initiative Transgreen scheint unklar.
Das Wüstenstromprojekt Desertec fehlt im Nationalen Aktionsplan für erneuerbare Energien. Paul van Son, Geschäftsführer der Desertec Industrie Initiative (DII), wendet sich nun in einem „Brandbrief“ an die Kanzlerin. Das visionäre Vorhaben vornehmlich deutscher Konzerne soll ins „Energiekonzept 2050“ der Bundesregierung aufgenommen werden. Die Erneuerbare-Energien-Richtlinie der EU scheint der DII als Rechtsrahmen für Investitionen nicht zu genügen. Das Verhältnis zur französischen Initiative Transgreen scheint unklar.
Die Desertec-Initiative (DII GmbH) soll in das langfristige "Energiekonzept 2050" eingebunden werden, das die Bundesregierung im September vorlegen will. Das fordert DII-Geschäftsführer Paul van Son in einem Brief an Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), der EURACTIV.de vorliegt. Zugleich bedauert van Son, dass die Wüstenstrom-Initiative im Nationalen Aktionsplan für die erneuerbaren Energien keine Berücksichtigung findet.
Bislang stand die Bundesregierung klar hinter dem Projekt. Wirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) und Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU) befürworten die Initiative. Das Bundeswirtschaftsministerium hat zur politischen Unterstützung eine "Task Force Desertec" eingerichtet. Auch EU-Energiekommissar Günther Oettinger hält Desertec für aussichtsreich.
Im schwarz-gelben Koalitionsvertrag heißt es (Z.1100): "Aufgrund der Abhängigkeit Deutschlands von Energie- und Rohstoffimporten benötigen wir eine Energieaußenpolitik, die deutsche Unternehmen und große Infrastrukturprojekte (z. B.: DESERTEC,…) intensiv begleitet."
Der Brief van Sons kann als Aufforderung verstanden werden, sich klar zu Desertec zu bekennen. Die Süddeutsche Zeitung nennt das Schreiben einen "Brandbrief". Es sei äußerst fraglich, ob Desertec im anstehenden Energiekonzept 2050 überhaupt vorkomme, schreibt die Zeitung unter Berufung auf Kreise des Konsortiums. Für Desertec wäre das ein "herber Rückschlag".
Transgreen als Konkurrenz?
Paul van Son verweist in seinem Schreiben auf die französische Initiative Transgreen (EURACTIV.de vom 20. Mai 2010). "Französische Unternehmen haben unter der Leitung des staatlich geführten Stromkonzerns EDF ein eigenes, sehr vergleichbares Industriekonsortium namens Transgreen gegründet", heißt es in dem Desertec-Brief. Transgreen dokumentiere, "dass das internationale Interesse an der Erschließung erneuerbarer Energien in MENA sehr groß ist".
Der Hinweis wirkt, als wolle van Son bei der Kanzlerin den Ehrgeiz wecken, das Feld nicht den Franzosen zu überlassen.
Das französische Projekt gilt als Ergänzung zu Desertec, weil es sich nicht auf die Stromproduktion, sondern den Stromtransport in die EU fokussiert. Allerdings wirkt der Desertec-Brief, als wittere man französische Konkurrenz. Die Ziele von Transgreen "erscheinen offiziell komplementär" zu denen der DII, heißt es darin. Wirklich sicher scheint sich van Son also nicht zu sein. Zugleich versichert van Son: "Selbstverständlich sind wir bestrebt, mögliche Synergien, die durch Transgreen und andere Initiativen entstehen, optimal zu nutzen." Die deutsche Politik sollte die Industrie hierbei "nachhaltig unterstützen".
Die Transgreen-Initiative passt in das neue Konzept Frankreichs, auf Ökostrom zu setzen. So will man zum Beispiel "Weltmarktführer" im Bereich Solarenergie werden (EURACTIV.de vom 24. Juli 2010). Bisher hat Frankreich den Schwerpunkt seiner Energiepolitik auf Atomstrom gelegt. Auch den nordafrikanischen Staaten werden regelmäßig Atomkraftwerke angeboten.
Die Desertec-Initiative hat das Ziel, bis zum Jahr 2050 etwa 15 Prozent des Strombedarfs Europas durch Solarkraftwerke und Windparks in Nordafrika und dem Nahen Osten zu decken. Gründungsmitglieder sind unter anderem Munich Re, die Deutsche Bank, die Energieversorger Eon und RWE sowie Siemens und ABB. Erste Anlagen könnten ab 2014 in Betrieb gehen.
Änderung der Erneuerbare-Energien-Richtlinie?
Das Projekt ist nicht unumstritten. Hermann Scheer, SPD-Energieexperte und Präsident des Solarlobby-Verbandes EUROSOLAR, warnt, Desertec könne sich als Subventionsruine erweisen (Siehe EURACTIV.de vom 19. Juli 2009). "Bis dieses Wüstenstrom-Monstrum verwirklicht wird, das bisher nicht einmal auf dem Papier existiert, sondern nur als Idee, haben wir längst einen so hohen Versorgungsgrad aus erneuerbaren Energien erreicht, dass wir Desertec für Nordeuropa nicht mehr brauchen", so Scheer im Interview mit Euractiv.de (Siehe EURACTIV-YellowPaper, S.13). Die EU solle keine Fördermittel für eine "Fata Morgana" verschwenden.
Der Physiker Gregor Czisch hinterfragt die dominante Rolle der Solarthermie im Desertec-Konzept. Würde man stärker auf Windenergie setzen, fielen die Kosten weit geringer aus, so Czisch im EURACTIV.de-Interview.
Die Erneuerbare-Energien-Richtlinie der EU (2009/28/EG) regelt in Artikel 9 den Bezug von Ökostrom aus dem EU-Ausland. Darin wird es den Mitgliedsstaaten ermöglicht, die Ziele zum Anteil des Ökostroms an der Energieversorgung durch Stromimporte aus dem EU-Ausland zu erfüllen. Diese Regelung scheint Desertec als Rechtsrahmen für Investitionen allerdings nicht auszureichen.
"Es müssen Gesetze für Stimulierung und Marktmechanismen durch die europäische Politik und MENA-Staaten implementiert bzw. nachhaltig angepasst werden", heißt es in dem Schreiben an Kanzlerin Merkel. "Die Bundesregierung kann und sollte daran mitwirken, dass die Direktive auch nach 2020 dynamisch weiterentwickelt wird." Dies sei für die Bundesregierung eine "hochinteressante Option zur Erreichung ihrer Klimaziele".
Alexander Wragge
Links
Presse
Süddeusche Zeitung: Projekt Desertec: Die Konkurrenz wächst (27. August 2010)
Mehr zum Thema auf EURACTIV.de
EURACTIV.de: Transgreen – Desertec bekommt Gesellschaft (20. Mai 2010)
EURACTIV.de: Energiebericht – Deutschland verletzt EU-Pflicht (25. August 2010)
EURACTIV.de: Stromnetze – EU-Staaten verfehlen Ausbauziele (17. August 2010)
EURACTIV.de: Fischer: "Europäisches EEG ist unrealistisch" (10. August 2010)
EURACTIV.de: Oettinger drängt auf europäische Ökostromförderung (6. August 2010)
EURACTIV.de: Oettinger: "Wir brauchen ein europäisches EEG" (9. Juli 2010)
Informationen und Dokumente
BMWi: DESERTEC – Deutsche Wirtschaft engagiert sich für nachhaltige Energieversorgung (8. März 2010)
EU-Kommission: Die Europäische Energiestrategie 2011 bis 2020. Rede von Energiekommissar Günther Oettinger (30. Juni 2010)
EU-Kommission: Speech at the Presentation of Greenpeace/DLR – Study "Energy [R]evolution" on the future of European energy use (8. Juli 2010)
EU-Kommission: Transparenzplattform zu den Nationalen Energieaktionsplänen
EU: Richtlinie 2009/28/EG zur Förderung Erneuerbarer Energien
Energiewirtschaftliches Institut Köln (EWI): European RES-E Policy Analysis. A model based analysis of RES-E deployment on the conventional power market (26. April 2010)