Ein Schweizer Exportprodukt
Seit 2002 zeichnet der European Energy Award Gemeinden aus, die eine besonders zukunftsgerichtete Energie- und Klimaschutzpolitik betreiben. Die Auszeichnung ist auf der Basis des Schweizer Energiestadt-Konzepts entstanden, das von Robert Horbaty mitentwickelt wurde.
Seit 2002 zeichnet der European Energy Award Gemeinden aus, die eine besonders zukunftsgerichtete Energie- und Klimaschutzpolitik betreiben. Die Auszeichnung ist auf der Basis des Schweizer Energiestadt-Konzepts entstanden, das von Robert Horbaty mitentwickelt wurde.
Zur Person
Robert Horbaty ist Gründer und Inhaber der ENCO Energie-Consulting AG in Liestal BL. Der Energieplaner ist unter anderem Geschäftsführer des Trägervereins Energiestadt und Mitverantwortlicher für die Qualitätssicherung des European Energy Award.
Mit einem Team von Experten bietet ENCO AG die Fachkompetenz für die Umsetzung von "Cleantech"-Dienstleistungen und -Produkten im Bereich kommunale Energie- und Klimaschutzpolitik, Energieversorgung, Erneuerbare Energien und Mobilität im In- und Ausland.
Das Interview führte Steffen Klatt für das EURACTIV.de-Partnerportal Nachhaltigkeits.org.
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KLATT: Warum haben Sie in den 90er Jahren das Konzept der Energiestadt mitentwickelt?
HORBATY: In den 80er und 90er Jahren wurden sehr viele Energiekonzepte erarbeitet. Die kontinuierliche Umsetzung war dann aber meist schwierig. Auf der Grundlage von Total Quality Management-Systemen haben wir deshalb ein Zertifizierungsverfahren für Kommunen entwickelt. Das verlangt von der Kommune nebst einer umfassenden Erfolgskontrolle der bisherigen Aktivitäten die Erarbeitung eines Aktivitätenprogramms, jährliche interne Audits, alle vier Jahre ein externes Audit. Damit konnten wir erreichen, dass das Thema auf der Tagesordnung bleibt, unabhängig vom Wellengang der Politik.
KLATT: Funktioniert das System der Energiestadt in allen Gemeinden?
HORBATY: Das Energiestadt-Verfahren ist so ausgestaltet, dass Städte und Gemeinden im Bezug zu ihren effektiven Möglichkeiten beurteilt werden, unabhängig von deren Größe. Wir haben aktive Gemeinden, deren energiepolitischen Anstrengungen sich durchaus mit denjenigen von größeren Städten messen können. Die Berater, wie wir es sind, begleiten die Kommunen in diesem Prozess, nicht als Vollzugsbeamte, sondern als Coach und Ideenlieferanten. Die unabhängige Beurteilung erfolgt dann durch den Trägerverein.
KLATT: Wann haben Sie dieses Konzept auf andere Länder Europas übertragen?
HORBATY: Im Jahr 2000 haben wir im Rahmen eines ersten EU-Projekts das Konzept der Energiestadt zusammen mit Partnern aus Deutschland, Österreich und damals noch Polen europatauglich gemacht. Ein zweites EU-Projekt folgte 2001. Daraus entstand 2002 der European Energy Award.
KLATT: Was brauchte es, um das Konzept europatauglich zu machen?
HORBATY: Energiestadt wurde so entwickelt, dass das System in der Schweiz, mit ihren drei Sprachregionen und in 26 Kantonen funktioniert. Es läßt sich dadurch optimal an spezifische Ausprägungen in anderen Ländern anpassen. Die Maßnahmen und Indikatoren, die beurteilt werden, sind überall gleich, die jeweiligen Werte und Kennzahlen sind jedoch länderspezifisch. So kann man z.B. nicht überall den gleichen Anteil von erneuerbaren Energien bei kommunalen Bauten verlangen, dieser muss durch die nationalen Trägerschaften – im Sinne von "Best Practice" definiert werden.
KLATT: Wenn man den Stabhochsprung als Vergleich heranzieht: Liegt also nicht für jeden Sportler die Latte gleich hoch?
HORBATY: Genau. In Litauen zum Beispiel ist die Latte tiefer als in der Schweiz, aber – um das Bild etwas zu strapazieren – die Anstrengungen sprich der spezifische Ressourceneinsatz sind vergleichbar. Aber insgesamt ist die Latte in den letzten zehn Jahren immer etwas angehoben worden. Was vor zehn Jahren vorbildlich war, etwa der damalige Minergiestandard, ist heute beinahe gesetzliche Vorschrift. In der Schweiz ist die Aufsichtsinstanz, welche die Latte immer höher legt, der Trägerverein Energiestadt – also die partizipierenden Gemeinden in ihrer Gesamtheit.
KLATT: Wie groß ist das Interesse in Europa?
HORBATY: Der European Energy Award besteht jetzt in Deutschland, Österreich, Frankreich, Italien und der Schweiz. Dabei ist die Bezeichnung in jedem Land etwas anders. In Österreich etwa heißt das Konzept E5, in Frankreich Cit‘ergy. In Holland, Tschechien, Litauen und Irland gibt es bestimmte Aktivitäten. Heute partizipieren 755 europäische Kommunen. Wir möchten es nun weiter verbreiten. Das Verfahren ist sehr gut adaptierbar in anderen Ländern: Es geht um die Einführung eines Managementsystems und darum, umsetzungsorientierte Maßnahmen messbar, raportierbar und verifizierbarzu machen. Erste Konkretisierungen laufen nun auch in China. Dort sind die Unterschiede zur Schweiz noch größer.
KLATT: Was bringt das Label der Energiestadt den Kommunen?
HORBATY: Wir beurteilen Bestehendes. Wenn die Kommune in das Verfahren einsteigt, erhält sie einen Überblick über ihre Energie- und Klimaschutzpolitik. Sie erhält damit einen Leistungsausweis…
KLATT: … den sie nach außen kommunizieren kann…
HORBATY: Genau. Gleichzeitig werden konkrete Umsetzungsmaßnahmen entwickelt, wie die Kommune ihre definierten Ziele mit hohen Erfolgschancen erreichen kann
KLATT: Woran liegt das?
HORBATY: Nehmen Sie das Beispiel Lörrach: Die Bürgermeisterin sagt, dass seit der Auszeichnung mit dem European Energy Award Projekte im Bereich der erneuerbaren Energien und der Energieeffizienz politisch eine sehr hohe Akzeptanz haben, was das Verwaltungshandeln in diesem oft umstrittenen Bereich deutlich vereinfacht. Das Label der Energiestadt oder der European Energy Award, welche ja Auszeichnungen sind, setzt die politisch Verantwortlichen unter einen bestimmten Druck. Als Energiestadt schaut eine Kommune eben bei einem Bebauungsplan oft stärker auf die Energieeffizienz. Dann wird vielleicht keine Ölheizung verwendet, sondern eine Holzschnitzelheizung. Energiestadt ist auch eine Form von lokaler Wirtschaftsförderung. Maßnahmen zur effizienten Energienutzungen lösen Investitionen aus, welche dem lokalen und regionalen Gewerbe nützen
KLATT: Welcher Teil der lokalen Wirtschaft zieht daraus Nutzen?
HORBATY: Nur ein paar Beispiele: Baufirmen, Dachdecker, Energie-Contractors. Es entstehen Holzschnitzel- oder Photovoltaikanlagen, Wasser wird gespart… Wenn die Kommune nichts macht, findet ein großer Teil der Wertschöpfung in Russland oder im Mittleren Osten statt. Diese Ebene wird jetzt auch von den Kommunen verstanden. Die Kommunen spielen auch in der Energiepolitik eine zentrale Rolle. Der Staat formuliert zwar oft die Politik. Aber in den Kommunen wird sie umgesetzt. Dabei haben sie oft einen großen Handlungsspielraum, bis hin zur Einführung einer Lenkungsabgaben wie in Basel. Die Kommunen haben zudem eine hohe Akzeptanz.
KLATT: Haben die Kommunen also einen sehr viel größeren Spielraum, die Entwicklung zu steuern, als sie gemeinhin glauben?
HORBATY: Das ist so, insbesondere, was die Energie in der Raumplanung betrifft.
KLATT: Viele Kommunen haben traditionelle Energieversorger oder sind an ihnen beteiligt. Schneiden sie sich nicht ins eigene Fleisch, wenn sie auf erneuerbare Energien setzen?
HORBATY: Das sind die Fragen, die man im Rahmen einer Strategie klären muss. Mehr und mehr kommunale Versorgungsunternehmen sehen, dass auch erneuerbare Energien verkauft werden können! Und dieser Markt wächst rasant. Zukünftig setzen diese Unternehmen vermehrt auf Ökostrom oder betreiben Holzschnitzelheizungen. Das bringt auch Einnahmen. Wichtig ist, dass die verschiedenen Akteure an einem Tisch sitzen. Das ist auch eine Qualität des Labels: Es verlangt eine ressortübergreifende Arbeitsweise. Dazu gehört der Stadtwerkdirektor ebenso wie der Stadtplaner, die Baubehörde und das Stadtmarketing. Das sind häufig Leute, die sich nicht oft sehen. Das Label gehört zum Image, dass sich die Kommune selber gibt.
KLATT: Kann jede Stadt Energiestadt werden?
HORBATY: Ja. Wenn die Gemeinden sehr klein sind, können sie sich auch zu einer Energiestadt-region zusammenschließen.
KLATT: Können auch Gemeinden in den Ländern Energiestadt werden, in denen das Label noch nicht etabliert ist?
HORBATY: Es braucht einen gewissen Vorlauf, in dem der Maßnahmenkatalog auf das Land angepasst wird. Aber man kann trotzdem ein Pilotprojekt mit einzelnen Gemeinden machen. Diese Gemeinden müssen dann von Leuten aus dem Umfeld des European Energy Award begleitet werden. Wir sind jetzt im konkreten Gespräch für rumänische Kommunen. Im Zusammenhang mit der Schweizer Kohäsionsmilliarde besteht die Möglichkeit, dass in Gemeinden Investitionsprojekte in den Bereichen erneuerbare Energien und Energieeffizienz finanziert werden. Das Controlling könnte über den European Energy Award erfolgen, welcher die Einbettung in eine Gesamtstrategie und eine optimale Allokation der Ressourcen sicherstellt.
KLATT: Wie wird in anderen Ländern aufgenommen, dass die Schweiz als Nicht-Mitglied der EU in diesem Bereich eine so zentrale Rolle spielt?
HORBATY: Die Schweiz hat einen guten Ruf. Wir verfügen in vielen Cleantech-Anwendungen über hohe Kompetenz, welche durchaus exportfähig sind. Wir wissen, wie man mit starken Regionen zusammenarbeitet. Die Trägerschaft des European Energy Awards wird von Walter Steinmann geführt, dem Direktor des Schweizer Bundesamtes für Energie. Wenn es aber um konkrete Beziehungen zur EU geht, stehen unsere Partnerländer wie zum Beispiel Deutschland, Österreich oder Frankreich im Vordergrund.
Interview: Steffen Klatt