Energiesicherheit: Ukraine wendet sich hilfesuchend an der Westen
Die Regierung in Kiew wendet sich an den Westen, um ihre Energiesicherheit zu gewährleisten und eine nukleare Katastrophe zu verhindern. Hintergrund hierbei ist die Einnahme des größten ukrainischen Atomkraftwerks durch russische Streitkräfte über Nacht.
Die Regierung in Kiew wendet sich an den Westen, um ihre Energiesicherheit zu gewährleisten und eine nukleare Katastrophe zu verhindern. Hintergrund hierbei ist die Einnahme des größten ukrainischen Atomkraftwerks durch russische Streitkräfte.
Die Einnahme des Atomkraftwerks Saporischschja erfolgte gestern nach heftigen Kämpfen um den Anlagenkomplex, bei denen ein Projektil in eines der Gebäude einschlug und ein Feuer auslöste. Drei ukrainische Soldaten wurden getötet.
Lokale Feuerwehrleute löschten das Feuer, und die Strahlungswerte im Kernkraftwerk sind unverändert. Keiner der sechs Reaktoren ist betroffen.
Zwar konnte das Kraftwerk nach Angaben des Kiev Independent in der Nacht zum Samstag (5. März) von ukrainischen Truppen zurückerobert werden, der Vorfall hat jedoch den Handlungsdruck auf die Ukraine in zwei Bereichen erhöht:
Die Ukraine muss dringend an das europäische Stromnetz angeschlossen werden, um Stromausfälle zu verhindern, und es muss sichergestellt werden, dass besetzte Atomkraftwerke nicht beschädigt werden, denn dies könnte eine Katastrophe auslösen.
„Nuklearterror“
Der Schrecken der letzten Atomkatastrophe in Tschernobyl im Jahre 1986 hat die erste Woche des Krieges in der Ukraine überschattet. Als ein Feuer im Atomkraftwerk Zaporizhzhia ausbrach, warnte der ukrainische Präsident Volodymyr Zelenskiy in einer Videoansprache, dass „dies das zweite Tschernobyl zu werden droht, und ein noch größeres.“
Nachdem das Feuer gelöscht worden war, erklärte die ukrainische Aufsichtsbehörde, dass „wesentliche“ Ausrüstungen unbeschädigt seien und das Personal Maßnahmen zur Schadensbegrenzung ergriffen habe. CNN berichtete jedoch, dass das Personal „mit vorgehaltener Waffe“ arbeitet.
Obwohl EURACTIV mitgeteilt wurde, die russischen Streitkräfte es nicht gezielt auf kritische Energieinfrastrukturen abgesehen hat, bestehen weiterhin Bedenken hinsichtlich der Sicherheit der 15 ukrainischen Kernkraftwerke.
„Das Abfeuern von Granaten in der Nähe eines Kernkraftwerks verstößt gegen das grundlegende Prinzip, dass die physische Integrität von Kernkraftwerken jederzeit gewahrt und sicher gehalten werden muss“, sagte Rafael Mariano Grossi, der Generaldirektor der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA).
Am Montag (28. Februar), nach einem Treffen der EU-Energieminister:innen, sagte EU-Energiekommissarin Kadri Simson, es gebe eine Vereinbarung, „die Sicherheit der Kernkraftwerke in der Ukraine“ zu überwachen. Auch die IAEA verfolgt die Situation sehr genau.
Forderungen nach einer Flugverbotszone
Der ukrainische Energieminister Herman Haluschtschenko will jedoch noch weiter gehen und fordert die USA auf, eine nukleare Katastrophe zu verhindern, indem sie die Flugverbotszone der Ukraine schließen.
„Ich habe gerade ein dringendes Telefongespräch mit der US-Energieministerin Jennifer Granholm geführt. Ich habe sie darüber informiert, dass russische Truppen das Atomkraftwerk Saporischschja aus der Luft und mit Panzern beschießen“, schrieb er auf Facebook.
„Ich bat darum, eine nukleare Katastrophe zu verhindern und die Flugzone über der Ukraine zu schließen“, sagte er weiter.
Es ist jedoch unwahrscheinlich, dass der Westen eine solche Maßnahme ergreifen würde, da der ohne weiteres in den Krieg gegen Russland hineingezogen werden könnte.
IAEO-Direktor plant Reise nach Tschernobyl
In der Zwischenzeit kündigte Grossi am Freitag (4. März) eine Reise nach Tschernobyl an und sagte vor Journalist:innen, es sei Zeit zu handeln, um die Atomsicherheit zu gewährleisten.
Die Sperrzone um das stillgelegte Atomkraftwerk Tschernobyl wurde zu Beginn des Krieges von den Russen übernommen. Wie die Nachrichtenagentur Reuters unter Berufung auf die IAEA berichtet, gab es zwar Bedenken wegen der steigenden Strahlungswerte, doch sind diese nach wie vor zu niedrig, um eine Gefahr für die Bevölkerung darzustellen.
Die IAEO bekräftigte jedoch die Besorgnis der ukrainischen Aufsichtsbehörde über das Wohlergehen des Personals in der Anlage und erklärte, dass dieses „psychischem Druck und moralischer Erschöpfung“ ausgesetzt sei.
Die Agentur forderte die russischen Streitkräfte auf, dem Personal zu erlauben, die Anlage instand zu halten.
Die Energiesicherheit der Ukraine steht auf dem Spiel
Das ukrainische Energiesystem funktioniert noch, auch wenn einzelne Regionen unter Strom- und Gasausfällen leiden. Energieunternehmen wie DTEK tun ihr Bestes, um die Schäden zu beheben, können aber nicht alle Gebiete erreichen und müssen mit Verlusten rechnen.
Drei DTEK-Mitarbeiter wurden in den letzten zwei Tagen getötet, sagte der Vorstandsvorsitzende Maxim Timchenko am Donnerstag vor Journalist:innen und fügte hinzu, dass er mit weiteren Verlusten rechnet.
Saporischschja ist das größte Kernkraftwerk des Landes und liefert mehr als ein Fünftel des erzeugten Stroms. Dies ist von entscheidender Bedeutung, da das Land derzeit von den russischen, belarussischen und europäischen Stromnetzen abgeschnitten ist. Es wurden Tests durchgeführt, um sich vollständig an das europäische Netz anzuschließen.
Von den insgesamt sechs Reaktorblöcken der Atomanlage läuft nur einer bei 60 Prozent seiner Kapazität. Ein Block wurde planmäßig gewartet, zwei sind vom Stromnetz getrennt und werden abgekühlt. Zwei laufen im Niedrigleistungsmodus.
Nach Angaben von DTEK ist die Leistung von Saporischschja um 1,3 Gigawatt (Gw) gesunken, was die Ukraine durch den Einsatz von Wärmekraftwerken kompensiert. Die Kohleminen des Landes arbeiten normal und versorgen diese mit Brennstoff.
Am Donnerstag sagte Timchenko vor Journalist:innen, dass die Ukraine drei Gigawatt an Stromkapazität verlieren könnte, wenn Russland den Betrieb des Atomkraftwerks und des Wärmekraftwerks in Saporischschja einstellen würde, was andere Atom- und Wärmekraftwerke allerdings noch ausgleichen könnten.
„Im schlimmsten Fall, wenn wir die Verbindung zu diesen Kraftwerken verlieren, können wir überleben, wir können immer noch für Stabilität im System sorgen“, fügte er hinzu.
Aber die aktuelle Lage führt dazu, dass das ukrainische Stromnetz mit dem europäischen synchronisiert werden muss, um Stromausfälle zu verhindern und Stabilität zu gewährleisten.
Nach einem Treffen mit den EU-Energieminister:innen am Montag kündigte Simson weitgehende Unterstützung dafür an, die Ukraine und Moldawien schnell an das EU-Netz anzuschließen, was ursprünglich für 2023 geplant war.
„Das ist eine technische Herausforderung. Aber als Europa ist dies etwas Greifbares, das wir für unsere Partner tun können“, sagte sie.
Der europäische Stromnetzbetreiber ENTSO-E arbeitet derzeit an einer Risikobewertung. Nach Angaben der Gruppe konzentrieren sich alle kontinentaleuropäischen Übertragungsnetzbetreiber jetzt darauf, die wichtigsten Bedingungen zu ermitteln, die zur Unterstützung der Stromversorgung der Ukraine vorrangig erforderlich sind.
Timchenko hofft, dass diese Verbindung nächste Woche hergestellt werden kann.
Alle notwendigen technischen Vorschriften wurden entwickelt und genehmigt, automatische Frequenz- und Leistungskontrollsysteme wurden in den Kraftwerksblöcken rekonstruiert, die sicherstellen werden, dass die aktuelle Frequenz gemäß den ENTSO-E Standards aufrechterhalten wird, sagte er gegenüber EURACTIV.
„Nach dem Verlust der drei Gigawatt sind wir in einer kritischen Lage, in der die zusätzlichen zwei Gigawatt aus der Synchronisation für uns sehr wichtig sein werden“, sagte Timchenko nur wenige Stunden vor der Einnahme des Kraftwerks durch russische Kräfte.
„Wenn wir mehr als fünf Gigawatt an Kapazität verlieren, ist das unmöglich zu ersetzen“, fügte er hinzu.
[Bearbeitet von Alice Taylor und Zoran Radosavljevic]