EU-Fischereipolitik: "Ende des Kuhhandels"?

Der Zustand der europäischen Meere ist dramatisch. Die Fischbestände gehen seit Jahren zurück. Die Fischereilobby wehrt sich gegen Beschränkungen. Nun soll Bewegung in die verfahrene Situation kommen: "Der Kuhhandel der EU-Staaten um Fangquoten muss beendet werden", fordert Fischereikommissarin Maria Damanaki. Auf der Agenda stehen drastische Maßnahmen.

Die EU will ihre Fischereipolitik reformieren. Das scheiterte bislang am Widerstand der Fischer. Foto: dpa.
Die EU will ihre Fischereipolitik reformieren. Das scheiterte bislang am Widerstand der Fischer. Foto: dpa.

Der Zustand der europäischen Meere ist dramatisch. Die Fischbestände gehen seit Jahren zurück. Die Fischereilobby wehrt sich gegen Beschränkungen. Nun soll Bewegung in die verfahrene Situation kommen: „Der Kuhhandel der EU-Staaten um Fangquoten muss beendet werden“, fordert Fischereikommissarin Maria Damanaki. Auf der Agenda stehen drastische Maßnahmen.

Maria Damanaki will die europäische Fischereipolitik bis spätestens 2013 grundlegend reformieren. "Ich will, dass es den Fischbeständen in fünf Jahren besser geht als zu Beginn meiner Amtszeit", stellte die Fischereikommissarin in dieser Woche klar. "Der derzeitige Trend in der globalen Überfischung und Ressourcenverschwendung muss gestoppt werden. Eine nachhaltige und profitable Fischerei ist unser Ziel."

Damanaki will unter anderem die Größe der europäischen Fangflotte halbieren. Die Subventionen, ohne die viele Betriebe nicht überlebensfähig sind, sollen gestrichen werden. Außerdem will die Griechin die Einhaltung der Fangquoten stärker als bisher kontrollieren und bei Verstößen härtere Sanktionen verhängen.

Keine leichte Aufgabe

Die EU-Kommissarin dürfte mit ihren ehrgeizigen Plänen auf heftigen Widerstand stoßen. Auch ihr Vorgänger im Amt, der Maltese Joe Borg, wollte die Fischereipolitik der EU "grundlegend umkrempeln". Doch er scheiterte an der Fischereilobby und nationalen Widerständen.

Etwa 400.000 Arbeitsplätze hängen in Europa an der Fischereiindustrie. Ein Teil davon ist durch die Pläne der EU-Kommissarin nun in Gefahr. Die Regierungen traditioneller Fischfang-Nationen wie Spanien, Portugal, Frankreich, Dänemark und Italien fürchten, der Einfluss der Fischereilobby werde sie Wählerstimmen kosten.

Island könnte nach seinem EU-Beitritt die Liste der Reformgegner noch verlängern. Umweltschutzorganisationen kritisieren die Haltung der Fischfang-Nationen scharf: "Die europäischen Regierungen planen den Raubzug in den Meeren mit", sagte Onno Groß von der Meeresschutzorganisation Deepwave gegenüber dem Spiegel.

Schnelles Handeln nötig

Forscher und Experten warnen vor der zunehmenden Überfischung der europäischen Meere. Die Rotbarschbestände seien mittlerweile auf fünf Prozent ihrer ursprünglichen  Menge geschrumpft, der europäische Aal sei vom Aussterben bedroht, und auch die Heringschwärme in Nord- und Ostsee wären bereits dramatisch dezimiert.

Eine Studie der Dalhousie Universität in Kanada ergab, bis Mitte des Jahrhunderts werde der letzte der genutzten Fischbestände zusammengebrochen sein, wenn weiter gefischt werde wie bisher. Organisationen wie der Internationale Rat für Meeresforschung (ICES) fordern darum seit langem drastische Fangbeschränkungen, damit die Bestände sich erholen können.

Europäische Lösungsvorschläge

Zurzeit reist Maria Damanaki durch Europa und wirbt in den Mitgliedsstaaten für ihre Ideen. "Wir müssen die Ressourcen unserer Ozeane verantwortungsbewusst nutzen, und uns unserer Pflicht als Hüter des Planeten bewusst sein", sagte die Kommissarin in ihrer Rede in Hamburg. Sie forderte zu einer nachhaltigen Nutzung der Ozeane auf.

Ende des Jahres treffen sich die zuständigen EU-Minister mit der Kommissarin, um die Fangquoten für 2011 auszuhandeln. Die Griechin will die jährlichen Fangquoten zukünftig auf der Grundlage wissenschaftlicher Empfehlungen festlegen. Die Kommissarin sagte: "Der Kuhhandel der EU-Staaten um Fangquoten muss beendet werden."

Außerdem möchte Damanaki es verbieten, kleine oder minderwertige Fische wieder ins Meer zu werfen. Damit will sie die Fischer dazu bringen, modernere Fangmethoden einzusetzen und gezielter auf Fang zu gehen. Die Kommissarin fordert zudem individuelle Fangquoten und eigene Fanggründe für Fischereien. Sie hofft, dass die Fischer mit ihren eigenen Fischbeständen verantwortungsvoller umgehen.

Der große Wurf?

Einige der Vorschläge stoßen auf die Zustimmung der Fischer. Jörg Petersen, Geschäftsführer der Kutterfisch GmbH in Cuxhaven, sagte: "Die Fischer müssen an der Entwicklung und der Umsetzung von langfristigen Managementplänen beteiligt werden. Nur so bekommen Fisch und Fischer die langfristige Perspektive, die beide verdienen."

Heike Vesper, Leiterin des Meeresprogramms des WWF Deutschland, fordert entscheidende Fortschritte. "In den letzten 25 Jahren ist die EU mit ihrem Versuch gescheitert, ihre Fischerei nachhaltig zu gestalten", so Vesper. "Dieses Mal brauchen wir den großen Wurf, der langfristig tragfähige Lösungen bringt."

EU-Kommissarin Damanaki gibt sich optimistisch. "Portugiesen und Spanier haben mir erklärt, ihre Fischereipolitik nun ändern zu wollen", sagte sie dem Spiegel. Sie sehe "Zeichen des Wandels".

Links


Mehr zum Thema:

EURACTIV: Island und EU streiten um Fangquoten (10. August 2010)

EURACTIV: EU und Norwegen einigen sich auf Fisch-Quoten (27. Januar 2010)

EURACTIV: Experten: EU verfehlt fischereipolitische Ziele (21. Januar 2010)

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Informationen:

EU-Kommission: Gemeinsame Fischereipolitik

EU-Kommission: Grundverordnung zur Gemeinsamen Fischereipolitik