EU-Kommission will Sozialstandards für Plattformarbeit vorlegen
Die EU-Kommission will Mindeststandards festlegen und möglicherweise Rentenansprüche sowie Versicherungspflichten durchsetzen. Die Industrie selbst betont die wichtige Bedeutung von Flexibilität.
Die Europäische Kommission will versuchen, in Zukunft sogenannte „Plattformarbeiter“ in der EU besser zu schützen, indem Mindeststandards festgelegt und möglicherweise Rentenansprüche und Versicherungspflichten durchgesetzt werden. Die Industrie selbst betont die wichtige Bedeutung von Flexibilität.
Die EU-Exekutive will noch in diesem Jahr eine zukünftige Gesetzgebung zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen von Plattformarbeitern vorlegen. Inzwischen wurde eine öffentliche Konsultation zu den Plänen gestartet, um herauszufinden, mit welchen Mitteln Arbeiterinnen und Arbeitern in den zukünftigen Regeln mehr Rechte erhalten.
Bei einer Online-Veranstaltung am Mittwoch betonte Joost Korte, Generaldirektor für Beschäftigung, Soziales und Integration der Kommission, die Coronavirus-Pandemie habe die Notwendigkeit eines zusätzlichen Schutzes von Plattformarbeitern verdeutlicht.
„In Zeiten von COVID ist es wichtig, dass wir nicht noch mehr prekäre Arbeitsplätze schaffen,“ mahnte Korte. Aus Sicht der Kommission sei es daher wichtig, dass Arbeiterinnen und Arbeiter auf Plattformen „eine ordentliche Versicherung und Zugang zu einem Rentenanspruch [sowie] all die normalen Dinge, die wir vom Arbeitsmarkt in der Europäischen Union erwarten, erhalten,“ fügte er hinzu.
Die EU-Exekutive mache sich auch Gedanken über die „Algorithmus-Betriebsführung“ innerhalb der Plattformökonomie.
„Was bedeutet es für die Beziehung zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmenden, wenn man lediglich von einem Computer aufgefordert wird, eine Arbeit zu erledigen?,“ fragte Korte diesbezüglich. Auch mit diesem Thema wolle sich die Kommission in der anstehenden Gesetzgebung auseinandersetzen.
Massive Änderungen in der Arbeitswelt
Kortes Äußerungen fielen im Rahmen einer Veranstaltung zur Vorstellung des Future of Work Report des Telekommunikationsunternehmens Liberty Global, der von der Beratungsfirma Deloitte erstellt wurde. Im Bericht wird hervorgehoben, wie die Pandemie Arbeit und Beschäftigung „revolutioniert“ habe.
So wird betont, wie der breite Wechsel hin zur Telearbeit und Home Office ein „neues Umfeld des Vertrauens“ zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmenden schaffe, die Bedeutung der digitalen Weiterbildung unterstreiche und „kollaborativere Arbeitsumgebungen“ erforderlich mache. Das dezentrale Arbeiten werde demnach immer mehr zur Norm.
Digitale (Weiter-) Bildung beschäftigt auch die Kommissionsmitglieder in Brüssel bereits seit einiger Zeit: Im vergangenen Jahr veröffentlichte die Kommission ihre überarbeitete European Skills Agenda, in der betont wird, man wolle sicherstellen, dass mindestens 70 Prozent der erwachsenen EU-Bevölkerung zukünftig über „digitale Grundkenntnisse“ verfügen.
Liberty Global seinerseits glaubt, dass der Übergang zu „agilen Organisationsstrukturen“, den viele Unternehmen während der Pandemie durchlaufen mussten, zu diversen Vorteilen für die Zukunft der Arbeitswelt führen kann.
„Eigenverantwortliche Angestellte, integrierte Prozesse, multidisziplinäre Teams und Schnelligkeit: Das sind die wichtigsten Zutaten für dieses agile Modell,“ fasste die Personalerin Amy Blair von Liberty Global zusammen. Sie erinnerte, dass der Übergang zu dieser neuen „Arbeitskultur“ aufgrund der Einschränkungen und Lockdowns „innerhalb von wenigen Wochen“ erfolgen musste.
Die neue Arbeitskultur werde aber auch zu neuen Anforderungen an die Belegschaft führen, so Blair weiter. „Führungskräfte werden ihren Teams erlauben müssen, autonomer und an verschiedenen Orten zu arbeiten. Und die Führungskräfte werden verstärkt auf menschliche Skills wie Einfühlungsvermögen, Zuhören, Aufmerksamkeit, Weitsicht, Anpassungsfähigkeit, Belastbarkeit und Geduld bauen müssen.“
Die Veranstaltung am Mittwoch fand im Vorfeld einer Präsentation des Aktionsplans der Kommission zur Umsetzung der Europäischen Säule sozialer Rechte statt, der am heutigen Donnerstag veröffentlicht wird.
Als Teil der neuen Benchmarks, die in den Plan aufgenommen werden sollen, wird die Kommission wohl das Ziel vorschlagen, dass bis 2030 insgesamt 78 Prozent der EU-Bevölkerung in Beschäftigung sein sollen.
Dies bestätigte Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen während einer anderen virtuellen Konferenz über Beschäftigung, die von der Europäischen Volkspartei ausgerichtet wurde.
[Bearbeitet von Frédéric Simon und Tim Steins]