EU-Leitfaden zu sexueller Gesundheit in den Ferien sorgt für Kritik
Auffällig ist das Fehlen detaillierter Hinweise für alle Sexualitäten und deren Bedürfnisse in Sachen sexuelle Gesundheit.
Der neue EU-Leitfaden zur sexuellen Gesundheit in der Ferienzeit ist nicht für alle gedacht. Er richtet sich vor allem an Männer, die Sex mit Männern haben – und lässt viele andere Risikogruppen außen vor.
Herausgegeben vom Europäischen Zentrum für die Prävention und Kontrolle von Krankheiten (ECDC), der Gesundheitsbehörde der EU, gibt der Online-Ratgeber vor allem explizite Tipps, wie sich Infektionen vermeiden lassen, die sich unter Männern verbreiten, die Sex mit Männern haben (MSM), – etwa Mpox und Shigella. Empfohlen wird unter anderem, keine Sexspielzeuge zu teilen sowie Einweghandschuhe beim Fingern oder Fisten zu benutzen.
Auffällig ist das Fehlen detaillierter Hinweise für alle anderen Menschen und deren Bedürfnisse in Sachen sexueller Gesundheit.
So werden Chlamydien – Europas am häufigsten gemeldete bakterielle Geschlechtskrankheit – lediglich einmal in einer Liste zusammen mit Gonorrhö und Syphilis erwähnt. Obwohl Chlamydien oft unentdeckt bleiben, da sie meist symptomlos verlaufen, können sie schwerwiegende Komplikationen wie Unfruchtbarkeit verursachen – und betreffen dabei überproportional oft Frauen.
Carsten Müller, ein prominenter deutscher Sexualpädagoge und Bestsellerautor, kritisiert, der Leitfaden fordere zwar „alle“ auf, sich zu informieren, lasse aber große Teile der Bevölkerung außen vor.
„Wenn wir uns nur Männer anschauen, die Sex mit Männern haben, dann macht das viel Raum auf für Diskriminierung. Und jeder, der keinen Sex mit Männern hat, distanziert sich automatisch und sagt sich: ‚Das geht mich nichts an‘.“
Fokus verfehlt?
Dass Chlamydien und andere weit verbreitete Infektionen kaum behandelt werden, ist besonders frappierend angesichts von Daten des ECDC, die einen generellen Anstieg von STI-Fällen (Sexually Transmitted Infections) in Europa zeigen.
So stiegen die Gonorrhö-Fälle zwischen 2014 und 2023 um 321 Prozent. Zwar entfielen 58 Prozent der Fälle auf MSM, doch bei jungen Frauen zwischen 20 und 24 Jahren lag die Rate bei 72 pro 100.000 – ein hoher Wert im Vergleich zu 131 pro 100.000 bei allen Männern.
Trotzdem enthält der Sommer-Leitfaden des ECDC für ein allgemeines Publikum kaum mehr als den Standard-Hinweis auf „konsequenten Kondomgebrauch bei vaginalem, analem und oralem Sex“. Die Empfehlung zum Einsatz von Lecktüchern bezieht sich ausschließlich auf „oral-analen Verkehr“ – ohne Hinweis auf deren Verwendung bei Oralverkehr zwischen Frauen oder unter Heterosexuellen.
Wer umfassendere und praxisnähere Tipps sucht – etwa dazu, wie sich ein Kondom für Schutz beim Oralverkehr anpassen lässt – wird eher auf der Website der US-Zentren für Krankheitskontrolle und -prävention fündig.
Für Müller zeigt der Sex Guide ein typisches Problem der europäischen Sexualaufklärung: Diese richtet sich vor allem an junge Menschen, obwohl die STI-Raten bei älteren Erwachsenen steigen.
Das gilt auch für Genitalherpes, eine der weltweit häufigsten sexuell übertragbaren Infektionen, die bisher unheilbar ist. Auch sie wird im Leitfaden gar nicht erst erwähnt. Dabei steckt sich laut WHO jede Sekunde weltweit eine Person mit dem Virus an.
Auf Nachfrage von Euractiv, warum Herpes nicht berücksichtigt wurde, erklärte ein ECDC-Sprecher: „Herpes ist keine meldepflichtige Krankheit (gemäß Beschluss der Europäischen Kommission), daher überwacht das ECDC diese Erkrankung nicht aktiv.“ Für Informationen verwies er auf die Website der Weltgesundheitsorganisation (WHO).
Und HPV?
Auch das Humane Papillomavirus (HPV) fehlt im Sommer-Leitfaden – obwohl verschiedene Stämme des Virus Gebärmutterhals-, Penis-, Rachen- und anderen Krebsarten verursachen können.
Auf einer HPV-Veranstaltung tat sich ein ECDC-Experte, der zuvor noch zu Impfung und Screening referiert hatte, auf Nachfrage von Euractiv schwer, praktische Ratschläge zu geben.
Noch bevor er eine Antwort fand, sprang Rui Medeiros, Leiter der Bildungsarbeit bei der Portugiesischen Krebsliga, ein – mit einer deutlichen Einschätzung: „Am Ende birgt jeder Akt ein Risiko. Es ist wie bei einer roten Ampel – vielleicht geht es gut, vielleicht nicht.“
Für Müller ist auch der ECDC-Appell, „offene Kommunikation zu fördern“, zu vage. „Es geht darum, Menschen zu befähigen, über Sex und seine Risiken zu sprechen.“
Er schlägt vor, konkrete Gesprächseinstiege in den Leitfaden aufzunehmen – etwa: „Hey, ich hab Lust, Sex mit dir zu haben. Ich möchte mit dir auch über Verhütung sprechen.“ Einen solchen Satz könne man problemlos in alle 24 Amtssprachen der EU übersetzen – und er könnte in einer Strandbar durchaus nützlich sein.
(de, vib, jp, mk, jl)