EU-Parlament stoppt Fleischkleber

Brüssel hat die Zulassung eines Enzyms für Klebefleisch gestoppt. EU-Gesundheitskommissar John Dalli hatte noch kurz vor der Abstimmung für die Zulassung geworben. Die Reaktionen deutscher Politiker fallen sehr untschiedlich aus. EURACTIV.de gibt einen Überblick.

„Wenn einzelne Fleischstücke zusammengeklebt den Eindruck eines Stück Schinken suggerieren, dann ist das zwar nicht ungesund, aber unlautere Verbrauchertäuschung“, so Christa Klaas (EVP), Europaabgeordnete der Region Trier. Foto: dpa
"Wenn einzelne Fleischstücke zusammengeklebt den Eindruck eines Stück Schinken suggerieren, dann ist das zwar nicht ungesund, aber unlautere Verbrauchertäuschung", so Christa Klaas (EVP), Europaabgeordnete der Region Trier. Foto: dpa

Brüssel hat die Zulassung eines Enzyms für Klebefleisch gestoppt. EU-Gesundheitskommissar John Dalli hatte noch kurz vor der Abstimmung für die Zulassung geworben. Die Reaktionen deutscher Politiker fallen sehr untschiedlich aus. EURACTIV.de gibt einen Überblick.

Das Europaparlament hat die Zulassung eines umstrittenen Enzyms bei der Herstellung von Klebefleisch gestoppt. Thrombin darf dabei nicht als Lebensmittelzusatzstoff eingesetzt werden.

Es dient dazu, kleine Fleischstückchen zusammenzukleben, die dann etwa wie ein Schinken aussehen. Mit dem Veto wandte sich die Straßburger Volksvertretung am Mittwoch gegen eine mögliche Irreführung der Verbraucher. Ein aus Fleischresten zusammengeklebter Schinken soll nicht als hochwertiger Vollschinken verkauft werden dürfen, befanden die Parlamentarier.

Damit ist der Vorschlag der EU-Kommission zunächst vom Tisch, das Enzym Thrombin EU-weit als Lebensmittelzusatzstoff zuzulassen. Sie muss nun einen neuen Entwurf vorlegen. Vertreter von Bündnis 90/Die Grünen im Deutschen Bundestag begrüßten das Votum. Dies sei eine "wichtige Entscheidung, um die weitere Pervertierung unserer Lebensmittelproduktion zu stoppen", sagte die Sprecherin für Ernährungspolitik, Uli Höfken.

Foodwatch: Die Praxis ist weiter möglich

Die Verbraucherorganisation Foodwatch befürchtet, dass Klebefleisch damit nicht vom Tisch ist. "Andere Substanzen machen diese Praxis weiter möglich", sagte Vize-Geschäftsführer Matthias Wolfschmidt. Er forderte von Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner (CSU), sich für ein EU-weites Verbot von Imitat-Schinken einzusetzen. Der Deutsche Bauernverband appellierte an die Schinkenhersteller, sich zum Original zu bekennen.

EU-Gesundheitskommissar: Enzym unbedenklich

Das Enzym ist nach Angaben von EU-Gesundheitskommissar John Dalli gesundheitlich unbedenklich. Es wird auch in Deutschland in Wurstwaren als "technischer Hilfsstoff" verwendet. In Deutschland ist es jedoch bislang ohnehin verboten, zusammengeklebte kleine Fleischreste als vollwertigen Schinken zu bezeichnen.

"Ein Steak soll ein Steak bleiben"

Vor allem Grüne und Sozialdemokraten im Europaparlament stimmten gegen die Zulassung mit dem Argument, dass das Zusammenkleben kleinster Fleischteile unappetitlich und eine klare Täuschung der Verbraucher sei. "Ein Steak soll ein Steak bleiben", sagte der SPD-Europaparlamentarier Jo Leinen. Dagegen sagte der FDP-Abgeordnete Holger Krahmer, Thrombin und ähnliche Zutaten tierischen Ursprungs würden von Metzgern "seit Jahrhunderten" für die Herstellung von Blut- und Leberwurst verwendet.

"Das ist ein großer Erfolg für den Schutz der Verbraucherinnen und Verbraucher in der EU", kommentierte die SPD-Europaabgeordnete und Expertin für Gesundheits- und Verbraucherschutz Dagmar Roth-Behrendt. "Die Resolution gegen die Zulassung von Thrombin darf nur der erste Schritt sein", mahnte sie weiter. "Es ist notwendig, sich alle Stoffe anzusehen, die zum Zusammenkleben von Fleisch und Wurst verwendet werden. Dazu muss die Europäische Kommission dringend einen Gesetzgebungsvorschlag vorlegen."

EVP-Fraktion: Ein Verbot ist falsch

Die zuständige Lebensmittel-Expertin der christdemokratischen EVP-Fraktion, Renate Sommer (CDU), hält ein Verbot für falsch. Sie fordert stattdessen eine klare Kennzeichnung von Produkten, in denen die genannten Enzyme verwendet werden. "Thrombin ist ein Blutbestandteil, der sowieso im Fleisch vorhanden ist. Kein Wunder also, dass die Wissenschaft dieses Enzym als unbedenklich zur Verwendung in Lebensmitteln einstuft. Es jetzt per Resolution zu einem gefährlichen Inhaltsstoff zu erklären, wäre wirkliche Idiotie."

Der Europaabgeordnete Horst Schnellhardt (EVP/CDU) hatte sich für eine Zulassung von Thrombin als Lebensmittelzusatz unter strengen Bedingungen ausgesprochen: "Nach dem bisherigen Verfahren kann ein Lebensmittelzusatzstoff zugelassen werden, wenn er gesundheitlich unbedenklich ist, eine industrielle Notwendigkeit besteht und die Täuschung des Verbrauchers verhindert wird. Alle drei Voraussetzungen sind bei Thrombin erfüllt. Mit dem Verbot wird Thrombin ohne eine wissenschaftliche Begründung zu einem gefährlichen Stoff erklärt."

dpa/dto