EU-Strommarktdesign ist an der derzeitigen Energiepreiskrise nicht schuld
Der integrierte Elektrizitätsmarkt der EU hat dazu beigetragen, die Energiepreise zu senken. Dies geht aus einem Bericht der EU-Energieregulierungsbehörden hervor, in dem 13 Maßnahmen zur Entschärfung der anhaltenden Preiskrise beschrieben werden.
Der integrierte Elektrizitätsmarkt der EU hat dazu beigetragen, die Energiepreise zu senken. Dies geht aus einem Bericht der EU-Energieregulierungsbehörden hervor, in dem 13 Maßnahmen zur Entschärfung der anhaltenden Preiskrise beschrieben werden.
In einem mit Spannung erwarteten Bericht hat die EU-Agentur zur Zusammenarbeit der Energieregulierungsbehörden (ACER) ihre Schlussfolgerungen zur Rolle der Stromgroßhandelsmärkte in der aktuellen Energiepreiskrise vorgelegt.
Der am Freitag (29. April) veröffentlichte Bericht ist eindeutig: „Obwohl die derzeitigen Umstände, die sich auf das Energiesystem der EU auswirken, alles andere als ’normal‘ sind, kommt ACER zu dem Schluss, dass das derzeitige System des Strommarktes nicht für die aktuelle Krise verantwortlich ist.“
„Im Gegenteil, die geltenden Marktregeln haben bis zu einem gewissen Grad dazu beigetragen, die derzeitige Krise zu entschärfen und somit Strombeschränkungen oder sogar Stromausfälle zu vermeiden“, fügt die Agentur hinzu und schätzt den Nutzen auf durchschnittlich 34 Milliarden Euro pro Jahr.
Die Gaspreise stiegen im Herbst auf ein Rekordhoch, da das knappe Angebot auf eine hohe Nachfrage in den sich von der Pandemie erholenden Wirtschaft traf. Dies trieb die Stromkosten in die Höhe, bedingt durch die „marginale“ Produktionskapazität von Gaskraftwerken, die kurzfristig zur Deckung von Nachfragespitzen zugeschaltet wurden.
Dieses Grenzpreissystem wurde von Frankreich und Spanien heftig kritisiert, die nur wenig Strom aus Gas erzeugen und stattdessen auf eine kohlenstoffarme Stromerzeugung aus Kernkraft oder erneuerbaren Energien setzen.
„Ein europäischer Energiemarkt, auf dem der Preis für dekarbonisierten Strom weiterhin vom Preis für fossile Brennstoffe abhängt, ist absurd“, sagte der französische Wirtschaftsminister Bruno Le Maire, einer der entschiedensten Befürworter einer Reform.
Anstelle des Grenzpreissystems schlug Le Maire vor, die Strompreise nach den „durchschnittlichen Produktionskosten der dekarbonisierten Energien“ festzulegen, und lehnte es entschieden ab, Gas als Preissetzer zu verwenden.
Nicht nur Frankreich rief zu Anpassungem im Energiesektor auf. Im vergangenen Monat haben die Staats- und Regierungschefs Italiens, Spaniens, Portugals und Griechenlands Druck auf die Europäische Kommission ausgeübt, um den „Ansteckungseffekt“ der hohen Gaspreise auf den Strommarkt zu bekämpfen, wobei Madrid „strukturelle Lösungen“ zur Entkopplung der beiden Märkte forderte.
Die Staats- und Regierungschefs der EU erörterten das Thema auf einem Gipfel im März und forderten die Kommission auf, „bis Mai 2022 alle erforderlichen Initiativen zu ergreifen“, sobald ACER den Bericht vorlegt.
EU-Strommarkt „erhaltenswert“, mit einigen Verbesserungen
Der abschließende ACER-Bericht dürfte für die Befürworter einer tiefgreifenden Reform eine enttäuschende Lektüre darstellen.
„Die ACER kommt zu dem Schluss, dass das derzeitige Marktdesign beibehalten werden sollte“, heißt es in dem Bericht, der vor „interventionistischen Maßnahmen“ warnt, die in Kriegszeiten ergriffen werden und das normale Funktionieren des Marktes in Friedenszeiten beeinträchtigen könnten.
„Als Faustregel gilt: Je interventionistischer der Ansatz, desto größer das Potenzial, den Markt zu verzerren“, fügt der Bericht hinzu und weist darauf hin, dass staatliche Maßnahmen zur Senkung der Energiepreise „die Investitionen des Privatsektors“ in innovative kohlenstoffarme Technologien, die für die Energiewende benötigt werden, dämpfen könnten.
„Was die derzeitige Notsituation in Europa betrifft, sind wir als ACER nicht davon überzeugt, dass eine Begrenzung der Strompreise die kurzfristigen Probleme lösen wird. Vielmehr besteht die Gefahr, dass sie diese verschlimmert“, mahnte ACER-Direktor Christian Zinglersen und bezog sich dabei auf die kürzlich in Spanien und Portugal verabschiedeten Maßnahmen.
Mit Blick auf die Zukunft werden funktionierende Strommärkte wesentlich „für die saubere Energiewende in der EU sein“, schrieb Zinglersen in einem Kommentar für EURACTIV und wies darauf hin, dass immer mehr Wirtschaftssektoren auf Strom umsteigen, um ihre Emissionen zu reduzieren.
Der ACER-Bericht erkennt jedoch auch an, dass einige Verbesserungen notwendig sind, um sicherzustellen, dass der Strommarkt die Dekarbonisierungsziele der EU erreicht. Der Report listet 13 Maßnahmen auf, die Regierungen ergreifen können, um den Markt weniger volatil zu machen.
📢ACER's Final Assessment on the #EU Wholesale #ElectricityMarket is out!
🔔Current design is worth keeping but some improvements are key
🔔 13 measures for #policymakers’ consideration
📓 Report: https://t.co/9TSdlDajbr
📢 Find out more? Webinar: 05/05/22 pic.twitter.com/tnkivo0dHO— EU Agency for the Cooperation of Energy Regulators (@EU_ACER) April 29, 2022
An erster Stelle stehen dabei die Bemühungen, die Integration des Strommarktes zu beschleunigen und die erneuerbaren Energien durch Förderregelungen und Stromabnahmeverträge für Unternehmen zu stärken. Ein weiteres wichtiges Ziel ist es, für mehr Flexibilität im Stromsystem zu sorgen, da immer mehr intermittierende erneuerbare Energien wie Wind und Sonne in den Strommix einfließen.
Da Strom nicht in großem Umfang gespeichert werden kann, „muss es preisliche Anreize für längerfristige Flexibilitätsanbieter geben“, beispielsweise digitale Technologien, die industrielle Verbraucher dafür entschädigen, dass sie vorübergehend vom Netz gehen.
All diese Ziele werden durch eine stärkere Integration der Strommärkte und Verbundnetze zwischen den Ländern erleichtert.
„Die Mitgliedstaaten müssen das umsetzen, was wir in der EU bereits vereinbart haben“, sagt Zinglersen und verweist auf „erhebliche Verzögerungen“ bei der Bereitstellung freier Kapazitäten auf Verbindungsleitungen für den Handel sowie auf Verzögerungen bei der Umsetzung von Marktkopplungsregeln, „die vor Jahren beschlossen wurden.“
„Auch der Bau von Übertragungsleitungen wird in vielen Teilen der EU notorisch langsam vorangetrieben, was den Ausbau des Stromhandels behindert“, so Zinglersen.
[Bearbeitet von Alice Taylor]