EU-Wahl und Europas fehlende Klimamärsche

Im Vorfeld der Europawahlen 2019 dominierte vor allem der Klimaschutz die Agenda. In ganz Europa zogen die Menschen damals auf die Straße, um die Politik zum Handeln aufzufordern. Fünf Jahre später scheint die Bewegung aber in weiten Teilen abgeflaut zu sein.

EURACTIV
Wenn man sich auf ein einziges Thema wie das Klima konzentriert, kann man viele Menschen mobilisieren und auf die Straße bringen. Da die Klimabewegung jedoch mit umfassenderen Themen wie Sicherheitsproblemen und dem Aufstieg der extremen Rechten konfrontiert ist, könnte es schwieriger werden, eine einfache, verbindende Botschaft aufrechtzuerhalten.

Im Vorfeld der Europawahlen 2019 dominierte vor allem der Klimaschutz die Agenda. In ganz Europa zogen die Menschen damals auf die Straße, um die Politik zum Handeln aufzufordern. Fünf Jahre später scheint die Bewegung aber in weiten Teilen abgeflaut zu sein.

Im Frühjahr 2019 zogen eine Reihe von Klimamärschen durch Europas Städte. Auch in Brüssel zogen junge Leute auf die Straße, um die Politik aufzufordern, mehr für den Klimaschutz zu tun. Auf dem Höhepunkt der Bewegung versammelten sich 70.000 Menschen im EU-Viertel, um lautstark mehr Klimaschutz zu fordern.

Die Mobilisierung hatte sich gelohnt: Die anschließende „grüne Welle“ bei den Wahlen führte zu einer ambitionierten Klimagesetzgebung der in EU in der vergangenen Legislaturperiode.

Fünf Jahre später steht Europa wieder vor Wahlen, doch diesmal sind die Klimamärsche klein und verstreut. Weder die Rekordtemperaturen noch der gefährdete Green Deal konnten wesentlich zur Mobilisierung beitragen.

Greta und Gaza

„Wenn es keinen Völkermord in Gaza gegeben hätte […], hätte es eine vernünftige Chance für einen neuen Zyklus des Klimaaktivismus gegeben“, sagte Dr. Anneleen Kenis, Dozentin für politische Ökologie und Umweltgerechtigkeit an der Brunel University in London, die sich seit langem mit der Klimabewegung beschäftigt.

Der Fokus der schwedischen Aktivistin Greta Thunberg auf die Notlage in Palästina verdeutlicht das Dilemma, in dem sich Aktivisten befinden: Sollen sie riesige menschliche Ungerechtigkeiten ignorieren oder riskieren, die Aufmerksamkeit vom Klima abzulenken, gerade wenn das Thema auf der politischen Agenda nach unten rutscht?

Diese Frage spaltet die Klimabewegung nach wie vor.

Dr. Kenis meinte, angesichts der verzweifelten Lage in Gaza wäre es „fast zynisch, große Demonstrationen“ zum Thema Klima zu organisieren. „Das Hauptaugenmerk der Bewegung sollte jetzt auf Gaza liegen“.

Im Gegensatz dazu sagte Larry Moffett, ein Klimaaktivist in Brüssel: „Wir ziehen es vor, uns auf das Klima als verbindendes Thema zu konzentrieren“.

Fragmentierung und rechtspopulistische Bedrohung

Das Dilemma der Klimabewegung geht über Gaza hinaus.

„Die Mainstream-Klimabewegung hat sich selbst so dargestellt, als sei sie jenseits der Politik“, sagte Kenis, aber in der heutigen polarisierten und instabilen Welt „kann man nicht mehr jenseits der Politik stehen“.

Wenn man sich auf ein einziges Thema wie das Klima konzentriert, kann man viele Menschen mobilisieren und auf die Straße bringen. Da die Klimabewegung jedoch mit umfassenderen Themen wie Sicherheitsproblemen und dem Aufstieg der extremen Rechten konfrontiert ist, könnte es schwieriger werden, eine einfache, verbindende Botschaft aufrechtzuerhalten.

Die Kinder sind erwachsen

Junge Menschen waren eine klare Inspiration für die großen Klimamärsche, die 2019 in Europa stattfanden. Insbesondere die Klimastreiks von Schülern im Zuge der Friday for Future nahmen damals eine prominente Rolle ein. Diese Jugendbewegung ist heute viel weniger sichtbar.

„Ich glaube, die Bewegung gibt es nicht mehr. Nicht so wie noch vor ein paar Jahren“, sagt Dr. Kenis.

Zwar seien noch viele junge Führungskräfte in der Klimabewegung aktiv – einige seien sogar ins Europäische Parlament eingezogen – aber das Engagement der Jugend insgesamt habe abgenommen.

Während sich die Interessen und Prioritäten junger Menschen mit zunehmendem Alter ändern, nannte der Brüsseler Klimaaktivist Moffett auch COVID-Beschränkungen und den Druck der Eltern als Gründe für das Nachlassen der Jugendbewegung.

Die nächste Welle einfangen

Dr. Joost de Moor, Assistenzprofessor an der Science Po in Frankreich, argumentierte, dass die Zahlen an Klimademonstrationen früher oder später „sowieso zurückgegangen wären.“

„Das hat wahrscheinlich mehr mit einem Verlust an Schwung und Enthusiasmus zu tun als mit einem Rückgang der Klimasorgen“.

Er und andere räumten ein, dass COVID „wahrscheinlich ein vorzeitiges Ende des ursprünglichen Zyklus eingeleitet hat“.

Protestbewegungen treten allerdings oft in Wellen auf.

Kim Le Quang, Mitbegründer der Bewegung „Rise for Climate“ in Brüssel, kennt diesen Zyklus gut. „Es gibt eine emotionale Seite, und an einem bestimmten Punkt kann die Emotion verschwinden und die Menschen gehen zu etwas anderem über“, erklärte er.

Wissenschaftler sagen, dass solche Wellen durch „Gelegenheitsfenster“ ausgelöst werden – die Bewegung im Jahr 2019 wurde durch das extreme Wetter im Sommer 2018 und einem IPCC-Bericht ausgelöst, der die Folgen eines Überschreitens der 1,5-Grad-Grenze der globalen Erwärmung aufzeigte.

Die meisten Experten sind zuversichtlich, dass es in Zukunft eine weitere Welle von Klimaprotesten geben würde, auch wenn niemand konkrete Vorhersagen machen wollte.

Mattias Wahlström, stellvertretender Leiter des Lehrstuhls für Soziologie und Arbeitswissenschaften an der Universität Göteborg, stellte fest: „Der Klimawandel wird weiterhin zu Katastrophen führen. Diese Katastrophen sind zutiefst beunruhigend, aber sie werden hoffentlich auch neue Wellen von Klimaprotesten auslösen“.

[Bearbeitet von Zoran Radosavljevic]