Europa nützt das Potential der russischen Auswanderer nicht

Seit dem Beginn des Krieges in der Ukraine haben zirka 1,2 Millionen Russinnen und Russen Ihr Land verlassen. Die meisten von ihnen sind gut ausgebildet und hoch qualifiziert, haben allerdings keine klare Perspektive oder Auswanderungsstrategie.

Yearender 2022 – Migration
Russische Männer auf dem Weg zur georgischen Grenze. [ZURAB KURTSIKIDZE/EPA]

Seit dem Beginn des Krieges in der Ukraine haben zirka 1,2 Millionen Russinnen und Russen Ihr Land verlassen. Die meisten von ihnen sind gut ausgebildet und hoch qualifiziert, haben allerdings keine klare Perspektive oder Auswanderungsstrategie. Auch diese Migrant:innen fliehen vor dem Krieg und seinen Folgen, nur, dass niemand auf sie wartet.

Dr. Olga Gulina ist eine russischstämmige deutsche Migrationsforscherin, die beim RUSMPI- Institute on Migration Policy tätig ist.

In einer Situation sozialer Herausforderungen und der Zerstörung staatlicher und rechtlicher Institutionen hat die betroffene Bevölkerung nur drei Strategien zur Bewältigung der Situation: seine Stimme im Protest zu erheben, abzuwandern oder aber seine Loyalität gegenüber dem Regime zu demonstrieren.

Die Erwartungshaltung des Westens ist in diesem Zusammenhang klar: Die Russinnen und Russen sollten im Angesicht des Krieges gegen Putins Regime auf die Straße gehen. In Russland selbst zeigen sich allerdings ein Großteil der Bevölkerung de-facto loyal zum Kreml.

Diejenigen, die sich für die dritte Strategie, die Flucht ins Exil, entscheiden und mit ihren Füßen gegen Russlands Aggression in der Ukraine gestimmt haben, werden in Europa jedoch fast so gut wie gar nicht wahrgenommen.

Die Auswanderung aus Russland nach dem Ausbruch des Krieges im Februar hat viele Merkmale, die oft schwer zu deuten sind. In der ersten Auswanderungswelle verlassen das Land diejenigen, die sich auf die Ausreise vorbereiteten, vor allem Personen aus kreativen und freien Berufen, Vertreter kleiner und mittelständischer Unternehmen oder solche, die sich durch neue barbarische strafrechtliche Verfolgung selbst in Gefahr sahen. Es handelte sich um eine erzwungene Emigration, die nicht unbedingt durch den Kriegsausbruch, sondern durch die Folgen der von der internationalen Gemeinschaft verhängten Sanktionen ausgelöst wurde. 

Die zweite Welle der Auswanderung begann in Russland mit der Ankündigung der Teilmobilmachung am 21. September und bestand aus ganz anderen Migrant:innen. Das Durchschnittsbild dieser Gruppierung unterscheidet sich von dem der ersten Auswanderungswelle in Bezug auf Geschlecht, Bildung, soziale und politische Einstellungen und Werte. Bei der Personengruppe der zweiten Welle handelt es sich überwiegend um Männer im wehrpflichtfähigem Alter aus allen Regionen Russlands. Sie haben oft ein geringes Interesse an Politik und keine militärische Kampferfahrung. Diese Menschen sind auf der Flucht vor dem Krieg, weil sie nichts mit ihm zu tun haben wollen.

Nach verschiedenen Schätzungen haben in der ersten Auswanderungswelle zwischen 200 und 400 Tausend Menschen das Land verlassen. In der zweiten Auswanderungsphase verließen sogar zwischen 600 Tausend und 1,2 Millionen Menschen Russland.

Zwar machen die Ausgewanderten weniger als ein Prozent der Gesamtbevölkerung Russlands aus, allerdings handelt es sich bei den Migrant:innen größtenteils um qualifizierte Arbeitskräfte mit einem guten Bildungsniveau. Laut einer After24-Studie haben 71 % der Auswanderer der ersten Welle einen Bachelor- oder Masterabschluss oder sogar ein Postgraduiertenstudium absolviert. Jeder dritte Befragte, der mit der ersten Auswanderungswelle ging, war ein IT-Spezialist.

Die Volkswirtschaften der Aufnahme- und Transitländer der meisten neuen Emigrant:innen aus Russland – Armenien, Georgien, Türkei und Kasachstan – sind hierbei die großen Nutznießer des derzeitigen Exodus aus Russland.

In den ersten neun Monaten des Jahres 2022 überwiesen Russen 1,4 Milliarden US-Dollar nach Georgien (ein Plus von 314 Millionen im Vergleich zu 2021). Die Türkei und die zentralasiatischen Länder sind die Empfänger und Verlagerungsorte für die meisten kleinen und mittelständischen Unternehmen aus Russland.

Seit Beginn des Krieges haben sich jeden Monat 500 bis 800 russische Unternehmen in Kasachstan registriert. In den ersten neun Monaten des Jahres 2022 haben sich 15.400 Unternehmen mit russischem Kapital und russischen Gründern in Kasachstan angesiedelt, vor allem in den Bereichen großer Handelsketten, Kommunikation, Consulting und IT-Services.

In Usbekistan gibt es eine ähnliche Dynamik, die Zahl der Unternehmen mit russischen Gründern nimmt dort sprunghaft zu: Noch im Januar waren lediglich drei Unternehmen mit russischem Kapital und russischen Gründern dort registriert. Im Februar waren es schon 28 und im Mai sogar 189. Staatsangehörige Russlands haben erstes Mal die Chinesen und Türken bei der Anzahl der registrierten Unternehmen in Usbekistan überholt.

Und was ist mit Europa oder Deutschland, das laut Schätzungen jedes Jahr rund 400.000 qualifizierte Migranten benötigt? 

In Europa gibt es keinen Platz für Russen, die vor dem Krieg und deren Folgen fliehen. Die Niederlande und Finnland haben ein Moratorium für die Bearbeitung von Asylanträgen russischer Bürger verhängt; Estland stellt aus Gründen der nationalen Sicherheit weder nationale noch Schengen-Visa für russische Bürger aus.

Wie eine Reihe anderer europäischer Länder unterstützt Deutschland Angehörige bestimmter Berufsgruppen – Journalisten, Wissenschaftler oder Angehörige bestimmter gefährdeter Gruppen. Von wenigen Ausnahmen abgesehen, gibt es keine Programme zur humanitären Aufnahme von Russen und/oder zur Unterstützung von Unternehmensverlagerungen in Europa.

Amerikanische Unternehmen – JPMorgan, Goldman Sachs, McKinsey und Boston Consulting Group, Alphabet und andere – haben die meisten ihrer russischen Mitarbeiter aus dem Land gebracht. Das Beispiel der Deutschen Bank, die mehr als 1.500 russische IT-Mitarbeiter nach Deutschland verlegt hat, ist jedoch nach wie vor einzigartig und genießt seitens europäischer Unternehmen nur wenig Interesse. 

Russische Agentur Forbes.Ru schätzt, dass rund 200.000 Fachkräfte vor Ausbruch des Krieges für westliche Unternehmen in Russland gearbeitet haben, die den russischen Markt verlassen haben. Nur der deutsche OBI unterhielt 27 Niederlassungen mit 4.900 Mitarbeitern in Russland. Die meisten dieser Menschen sind nicht bereit, gegen das System des Staates mit seinen kaputten Staats- und Rechtsinstitutionen zu protestieren, ihre Stimme laut zu erheben oder sich dagegen aufzulehnen.

Viele von diesen Menschen wären allerdings offen dafür, dem eigenen Land durch die Auswanderung den Dienst zu verweigern und ihre Kenntnisse und Qualifikationen anderswo einzubringen. Ihr größtes Hindernis ist allerdings ihr russischer Pass, der ihre Möglichkeiten, ihr Wissen in Europa einzubringen, erheblich einschränkt. Denn von europäischer Seite wird nach wie vor nur der Protest als Indiz für die Kritik an dem Kreml gewertet, nicht aber die Ausreise aus Russland.