Rückzug der USA: Europa rüstet auf

Seitdem klar wurde, dass sich die USA zunehmend aus ihrer Rolle als verlässlicher Partner zurückziehen könnten, denken europäische Staaten verstärkt über eine eigenständige Sicherheitskoalition nach – nicht nur durch eine „Koalition der Willigen“, sondern eine der Fähigen.

/ EURACTIV.com
Ceremony of assuming duties of European Union Battle Group by Polish Army
Auch Polen verfolgt ambitionierte Pläne: Das Land will auf 300.000 Soldaten aufstocken und damit die größte Armee Europas stellen – unterstützt durch attraktive Soldgehälter und dem Versprechen, sechs Prozent des Bruttoinlandsprodukts in die Verteidigung zu investieren. [EPA-EFE/Lukasz Gagulski POLAND OUT]

Seitdem klar wurde, dass sich die USA zunehmend aus ihrer Rolle als verlässlicher Partner zurückziehen könnten, denken europäische Staaten verstärkt über eine eigenständige Sicherheitskoalition nach – nicht nur durch eine „Koalition der Willigen“, sondern eine der Fähigen.

Ein Alleingang ohne die USA auf dem europäischen Kontinent wird kein leichtes Unterfangen. Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs unterhalten die Vereinigten Staaten rund 100.000 Soldaten in Europa und beliefern nahezu jedes europäische Land mit Waffen.

US-Vizepräsident J.D. Vance lag nicht völlig falsch, als er erklärte, die Europäer wüssten nicht, wie man einen Krieg führe, und würden nicht über die nötige Ausrüstung verfügen. Tatsächlich hat der überwiegende Teil der europäischen Staaten in den vergangenen 30 Jahren keinen konventionellen Krieg geführt, wie ihn der Krieg in der Ukraine darstellt. Stattdessen konzentrierten sich europäische Streitkräfte vornehmlich auf Anti-Terror-Einsätze im Ausland.

Die europäischen Armeen haben mit eklatanten Defiziten zu kämpfen: bei der Einsatzbereitschaft, beim Personal, in der Erfahrung und bei der Ausstattung. Verschärft wird die Lage durch kontinuierliche Waffenlieferungen an die Ukraine. Über Jahrzehnte hinweg verließen sich die Europäer auf amerikanische Truppen und moderne US-Militärtechnik.

Inzwischen führen Paris und London die Bemühungen an, eine europäische Koalition jenseits Washingtons aufzustellen – mit dem Ziel, die Ukraine abzusichern, notfalls auch mit eigenen Truppen vor Ort.

Eine mögliche Friedenstruppe entlang der Frontlinie müsste nach Einschätzung von Diplomaten und Experten, mit denen Euractiv gesprochen hat, zwischen 150.000 und 250.000 Soldaten umfassen. Wie groß eine glaubwürdige Abschreckungstruppe auf ukrainischem Boden tatsächlich sein müsste, ist derzeit unklar – doch sie müsste in jedem Fall tausende Soldaten umfassen.

Doch ist Europas neue Koalition dieser Aufgabe überhaupt gewachsen?

Personal

Zahlen des IISS (International Institute for Strategic Studies) zufolge verfügen die europäischen NATO-Mitglieder auf dem Papier über rund eine Million nicht anderweitig gebundene Bodentruppen.

In der Praxis ist diese Zahl deutlich niedriger. Nur wenige Länder kommen auf annähernd 100.000 aktive Soldaten – das entspricht etwa einem Fünftel der US-Truppenstärke.

Ohne die Einberechnung fähiger Wehrpflichtiger liegen Frankreich und Griechenland mit rund 98.000 bzw. 92.000 Soldaten vorn, dicht gefolgt von Italien und Polen mit jeweils etwa 89.000.

Das Vereinigte Königreich – traditionell stärker bei Marine und Luftwaffe – sowie Spanien verfügen jeweils über rund 68.000 aktive Soldaten. Rumänien kommt auf etwa die Hälfte.

Frankreich, Italien und Großbritannien verfügen über ausgeprägte militärische Traditionen. Finnland und Griechenland gelten als besonders verteidigungsbereit – nicht zuletzt aufgrund der Nachbarschaft zu ihren historischen Rivalen Russland beziehungsweise der Türkei.

Dennoch schätzt die NATO, dass europäische Armeen – selbst mit US-Unterstützung – ihre Personal- und Ausrüstungszahlen um 130 Prozent steigern müssten, um die aktuellen Verteidigungspläne umsetzen zu können.

Zugleich bemisst sich Einsatzbereitschaft nicht nur an Truppenstärke, sondern ebenso an Ausbildung und Erfahrung.

Ein Beispiel ist Finnland: Zwar verfügt das Land nur über 17.000 aktive Soldaten, doch dank eines gut ausgebildeten Reservistenpools aus Wehrpflichtigen gilt das Land als ernstzunehmende Kraft. Helsinki hielt seine Streitkräfte auch ohne NATO-Mitgliedschaft über Jahre hinweg auf einem hohen Niveau.

Auch Polen verfolgt ambitionierte Pläne: Das Land will auf 300.000 Soldaten aufstocken und damit die größte Armee Europas stellen – unterstützt durch attraktive Soldgehälter und dem Versprechen, sechs Prozent des Bruttoinlandsprodukts in die Verteidigung zu investieren.

Allerdings fehlt es auch dort an realer Kampferfahrung. Abgesehen von Einsätzen gemeinsam mit den USA im Irak haben polnische Soldaten bislang wenig Gefechtspraxis.

Ein möglicher Einsatz in der Ukraine wird zudem durch politische Hürden erschwert.

In Deutschland wäre ein solcher Schritt zustimmungspflichtig im Bundestag. Italien lehnt eine Entsendung von Truppen ohne UN-Mandat grundsätzlich ab.

Die meisten europäischen Länder würden zudem einen beträchtlichen Teil ihrer Streitkräfte im eigenen Land belassen, um für mögliche Eskalationen vorbereitet zu sein – anstatt sie nach Kyjiw zu verlegen.

Gerade osteuropäische NATO-Staaten wie Finnland, die baltischen Staaten, Polen und Rumänien könnten sich angesichts der russischen Bedrohung gezwungen sehen, eigene Verteidigungsprioritäten zu setzen – notfalls auch auf Kosten der Ukraine oder der NATO.

Hinzu kommt: Truppen werden im Regelfall rotierend eingesetzt. Eine Million Soldaten ließe sich daher nicht gleichzeitig an die Front entsenden.

Ausrüstung

Beim militärischen Gerät ergibt sich ein gemischtes Bild.

Besonders Deutschland steht unter Druck: Nach Jahren der Vernachlässigung ist die Bundeswehr in schlechtem Zustand. Die Einsatzbereitschaft der Truppe liegt aktuell bei lediglich 50 Prozent – 15 Prozentpunkte weniger als noch vor wenigen Jahren.

Trotz milliardenschwerer Investitionen und dem erklärten Ziel, Europas größte Armee aufzubauen, kommt die Aufrüstung nur schleppend voran – wie auch das Kieler Institut für Weltwirtschaft berichtet.

Noch vor wenigen Jahren erschien die Gefahr eines klassischen Krieges auf europäischem Boden weit entfernt. Doch der Ukrainekrieg hat das Augenmerk der europäischen Verteidigungspolitik wieder verstärkt auf die Landstreitkräfte gelenkt.

Die meisten europäischen Staaten verfügen über jeweils 200 bis 500 Kampfpanzer und größere Mengen Kampffahrzeuge. Frankreich besitzt etwa 300 Kampfpanzer und rund 5.000 gepanzerte Fahrzeuge, Großbritannien etwa 200 Panzer und 2.000 Fahrzeuge.

Eine hohe Konzentration findet sich in Osteuropa, also in Ländern mit unmittelbarer Nähe zu Russland oder zur Türkei. Deutschland verfügt über rund 1.000 Panzer und doppelt so viele gepanzerte Fahrzeuge – vergleichbar mit Polen und Griechenland.

Wären die europäischen Streitkräfte unter einem gemeinsamen Kommando vereint, könnten sie mehrere Tausend gepanzerte Fahrzeuge aufstellen. Zum Vergleich: Die USA verfügen unter einem zentralen Kommando über 5.000 Panzer und doppelt so viele gepanzerte Fahrzeuge.

Problematisch bleibt der Mangel an moderner Luft- und Raketenabwehr. So berichtete die Financial Times, dass NATO-Staaten nur über fünf Prozent der Luftabwehrkapazitäten verfügen, die notwendig wären, um Mittel- und Osteuropa effektiv zu schützen.

Logistik

Logistische Defizite untergraben zusätzlich die militärische Handlungsfähigkeit Europas.

Chronisch unterfinanzierte Infrastruktur führt dazu, dass europäische Streitkräfte Schwierigkeiten haben, größere Truppenverbände schnell und über längere Zeiträume hinweg zu verlegen.

Ohne eine einheitliche militärische Struktur mit zentraler Führung müssten Einsätze über nationale Kommandostellen oder ad hoc eingerichtete Koordinationszentren abgewickelt werden – mit entsprechenden Verzögerungen und Reibungsverlusten.

Weitere Schwächen sind bekannt: begrenzte Fähigkeiten in Aufklärung, Überwachung und Aufstandsbekämpfung, mangelnde Transportkapazitäten und eingeschränkte militärische Mobilität.

Will Europa eine tragfähige sicherheitspolitische Koalition aufbauen, die zugleich handlungsfähig ist, dürfte es ohne die USA schwer haben, die Verteidigungslinie zu halten. Bislang existieren viele Konzepte zur „Einsatzbereitschaft 2030“ – allerdings vor allem auf dem Papier.

[MM]