Europas „Kaderschmiede“ steht vor ihrer härtesten Prüfung

Korruptionsermittlungen gegen die Rektorin des College of Europe, Federica Mogherini, haben Studierende wie Alumni gleichermaßen erschüttert – und eine Mischung aus Fassungslosigkeit und Galgenhumor ausgelöst.

EURACTIV.com
Brügge, Belgien. [Photo: Domingo Leiva]

Studierende des renommierten College of Europe – ehemalige wie aktuelle – rätseln, wie ihre ehrwürdige Alma Mater ins Zentrum einer Korruptionsermittlung geraten konnte. Als Konsequenz wurde seine Rektorin Federica Mogherini zum Rücktritt gezwungen.

Der Ruf der wohl bekanntesten „Kaderschmiede“ der EU für angehende Eurokraten hat einen seltenen Kratzer erlitten – mit spürbaren Auswirkungen in den oberen Etagen Brüssels und auf den weit verstreuten Campussen in Brügge, Natolin und Tirana. Parlamentspräsidentin Roberta Metsola und der schwedische Verteidigungsminister Pål Jonson zählen zu den Absolventen des Colleges – ein Beleg dafür, wie tief die Institution im politischen Gefüge Europas verankert ist.

Am Dienstag nahm die belgische Polizei Mogherini, die frühere EU-Außenbeauftragte, im Zuge von Ermittlungen wegen mutmaßlicher Vergaberechtsverstöße und Korruption im Zusammenhang mit einer Ausschreibung für eine EU-Diplomatenakademie fest. Mogherini bestreitet jegliches Fehlverhalten und gilt als unschuldig. Dennoch trat sie am Donnerstag zurück – ein Schritt, der die Frage verschärft, ob das College von Vorabinformationen zur Ausschreibung profitiert haben könnte.

„Im Einklang mit der größtmöglichen Strenge und Fairness, mit der ich meine Aufgaben stets wahrgenommen habe, habe ich heute entschieden, als Rektorin zurückzutreten“, erklärte Mogherini am Donnerstag, nachdem sie zuvor dem Druck zum Rückzug widerstanden hatte.

Paukenschlag

Für die aktuellen Studierenden mitten in der Prüfungsphase kam die Nachricht wie ein Paukenschlag. Viele reagierten mit einer Mischung aus Bewunderung und Unglauben – ein kognitiver Bruch, die lange geschätzte Führungspersönlichkeit plötzlich im Fokus polizeilicher Ermittlungen zu sehen. Zwei Studierende bezeichneten sie als „die beste Rektorin, die das College je hatte“.

„Sie war sehr offen uns gegenüber“, sagte einer und verwies auf Mogherinis Bereitschaft zu persönlichen Gesprächen. „Niemand feiert“, sagte ein anderer.

Auf dem Campus in Natolin, einem abgelegenen Anwesen bei Warschau, verbreitete sich die Nachricht, während Studierende in der weitläufigen Mensa zum Mittagessen anstanden. Die Reaktionen fielen dort verhaltener aus – teils sogar von Erleichterung begleitet. „Die letzten Tage waren für alle belastend“, sagte eine Quelle auf dem Campus. Mogherini sei vielen in Natolin eher fern gewesen. „Sie ist kaum ein Thema“, sagte ein derzeitiger Studierender.

Eine Campusquelle formulierte es noch deutlicher: „In Natolin fanden manche sie arrogant.“ Diese emotionale Distanz erkläre, warum der Rücktritt dort anders aufgenommen worden sei als in Brügge.

In Alumni-Gruppenchats löste die Nachricht eine Welle von Nachrichten – und etliche Memes – aus. Der Alumni-Verband gab sich formell, lobte Mogherinis „Engagement und Einsatz“ und hob ihren Kurs hervor, die globale Reichweite des Colleges auszubauen.

Zugleich bekräftigte die Gruppe ihre Unterstützung für die Werte der Hochschule – insbesondere Integrität und Dienst an Europa –, genau jene Ideale, gegen die Mogherini verstoßen haben soll.

Mit anderen Worten: In den ehrwürdigen Hallen des College of Europe steht die Krise erst am Anfang.

Ein Meme, das unter College-Absolventen kursierte.

Unmittelbar nach den Razzien beim Europäischen Auswärtigen Dienst und am Campus des Europakollegs in Brügge verbreitete sich unter den Alumni ein Meme.

Elisa Braun, Sofia Sanchez Manzanaro und Eddy Wax haben zur Berichterstattung beigetragen.

(jl)